Die Einwandererbiografie als Ass im Ärmel

#ManifestderVielen Sarrazin bleibt nur Narr am Hof des Ressentiments. Er liefert den Soundtrack für die Modernisierungsverweigerer, die ihre Bataillone in Reservaten auffüllen.
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Es gab eine Zeit, solange ist das noch gar nicht her, da war eine Einwandererbiografie das Ass im Ärmel des Kultur schaffenden Kanaken. Eine ethnische Differenz zur Mehrheitsgesellschaft taugte zum Ticket für sämtliche Gelegenheiten. Wer hingegen bloß eine rumänische Großmutter aufbieten konnte, hatte gelitten. Eigentlich hätte das einen Headbanger-Aufmarsch der progressiven Migration bis Dorthinaus zur Folge haben müssen, aber im bürgerlichen Kreisverkehr steckt immer noch genug Gegenwehr, so wie es auch noch bio-römische Kaiser gab, als ihre Garden auf das Latein der Herrschaften längst germanisch pfiffen. Nun erlebt die Republik ein Migrationsdebatten-Rollback und manche glauben, Thilo Sarrazin sei der Herold dieser Restauration, die sich als vorgeblich verheerende Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Minderheitenverhältnisse ausweist. Dieser Sturm der Ignoranz findet selbstverständlich in einem schicken Wasserkocher statt, auch zig Millionen Käufer können irren: bekanntlich ist die Geschichte der Menschheit die Geschichte ihrer Irrtümer. Sarrazin bleibt nur Narr am Hof des Ressentiments. Er liefert den Soundtrack für die Modernisierungsverweigerer, die ihre Bataillone in Reservaten auffüllen.

„Neukölln ist ja gar nicht das Problem. … das Problem sind Millionen Ostdeutsche, die nie in die Gesellschaft … integriert worden sind.“

Das stellt die Schauspielerin und Musikerin Pegah Ferydoni im „Manifest der Vielen“ fest; erschienen einst im Blumenbar Verlag. Die von der europaweit als Publizistin geschätzte, vegan-muslimische, stadtflüchtige Hilal Sezgin herausgegebene Anthologie funktioniert auch Jahre nach der Erstveröffentlichung als Gegenalarm zu Sarrazins Ausfällen. Ich erinnere mich noch gut an die Premierenpräsentation im Berliner Maxim Gorki-Theater, in einer rappelvollen Veranstaltung. Das Publikum ließ sich über keinen Kamm scheren, auch die Mitte der Gesellschaft sieht immer wieder anders aus. Mal erscheint sie einem rasend jung, dann besteht sie wieder aus melierten Ehepaaren im Jack Wolfskin-Doppel, auch das ist eine Berliner Uniform. Das Ganze hatte Konferenzcharakter, die meisten Protagonisten erlernten ihre Öffentlichkeitsrhetorik als offiziös Befragte.

Herkunftsvarianten können dem Karriereknick vorbeugen.

Entsprechend häufig fiel das Wort „Community“. In verdrehter Weise verweist es auf Passagen im Almanach des Rassisten: auf die Annahme von Andersartigkeits-Zuschreibungen. In einer pluralistischen Gesellschaft sind alle anders. Deshalb kann man auch mit Kopftuch Furore machen. Die Trägerin muss sich damit nur klar im Vorsprung wähnen, so wie Kübra Gümüsay, die gern berichtete, wie versteinert ihr der deutsche Kopftuchgegner gemeinhin vorkam.

Zuerst erzählte Deniz Utlu von Spandau im Jahr des Herrn 2048. Das Berliner Quartier hat sich der Natur ergeben, die invasiv durch Wände bricht. - Während die Autochthonen als Migrantenpack aka Flüchtlinge einen Nachfolger von Orhan Pamuk in Istanbul inspiriert. Utlu las zu Störgeräuschen, einem inzwischen kaum noch wirkungsvollen Effekt aus der Ära multimedialer Verstärkungen. Mely Kiyak erkannte dann:

„Vor seinen Befreiern ist niemand sicher. Befreien wollen hat etwas Arrogantes, Chauvinistisches, Herrschaftliches”.

Kiyak verriet:

„Die Schwierigkeit bei dem kleinen Mohr, der ich bin, war, dass mein Vater zeitlebens unter der spöttischen Herrschaft seiner Tochter litt”.

Davon ist auszugehen, der Rest kommt in den besten Familien vor und unterliegt der Sozialarbeit und den Gerichten, ob nur-deutsch oder urtasmanisch. Pegah Ferydoni fragte nach dem Verbleib der Aufklärung, die sich ohne Nachsendeanschrift abgesetzt hatte. Als Frau vom Fach wusste sie, dass die meisten Ehrenmorde im Kino passieren. Unter dem Holocaust versteht Pegah Ferydoni wohl noch immer, dass Deutsche Deutsche umgebracht haben, die von ihrer Muttersprache nicht gerettet werden konnten.

So zerschellt die Integrationskeule am Gedankengang.

Auch Ekrem Senol argumentierte überzeugend gegen staatliche Anpassungsforderungen als grundgesetzwidrige Anmaßungen. Zum Schluss sagte die Politikwissenschaftlerin Naika Fouroutan:

„Es gibt auch schon ein Lied zum Buch, es heißt so ähnlich wie Stirb deutsch“.

Der Welturaufführung im Gorki folgte damals ein später Tanztee mit „Vibrationshintergrund“, in der Regie von Imran Ayata, einem Diskursteilnehmer der ersten Stunde. Das ist übrigens auch seinem Beitrag im Buch anzumerken. Da spielt die alte Street Credibility mit, die Angst des Abiturtürken vor des Gedankens Blässe. Den Nachgekommenen war Street Credibility schon um das Jahr 2010 egal. Sie setzten auf die Intelligenz des Schwarms und verweigerten den Heroismus so wie die Opossums in Ice Age.

Manifest der Vielen - Deutschland erfindet sich neu, herausgegeben von Hilal Sezgin, Blumenbar, 229 Seiten

08:44 02.01.2019
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