Die Erschöpfung

Abgesang Wilhelm Genazinos neuer Roman klingt wie alle vorherigen auch. Der Held ist wieder so ein Zauderer
Jamal Tuschick | Community | Ausgabe 31/2016

Mit der Abschaffel-Trilogie wurde er Ende der 70er Jahre bekannt und Anfang der Nullerjahre von Lesern und Kritikern gefeiert. Inzwischen erinnern seine Romane an Gegenstände, die nicht mehr in der Selbstverständlichkeit des Gebrauchs verloren gehen können. Ich denke an Einweckgummiringe und an die Klemmen, mit denen Fahrradfahrer ihre Hosenbeine vor der Kette schützten. An die Namen von Eisenwarengeschäften, die nur noch in exotischer Singularität bestehen. In der Wilhelm-Genazino-Welt besteht ein Gefühl fort, das Nachkriegsstimmungen in Fliederfarben zeichnet. Angesichts der Verluste überall nimmt das Bedürfnis überhand, zu seufzen.

Wilhelm Genazinos neuer Roman heißt Außer uns spricht niemand über uns, und sein namenloser Held ist wieder einmal ein Kulturwicht mit erodiertem Ehrgeiz und einem beruflichen Unterschlupf, hier beim Radio, sowie einer Zubrotgarantie im ruralen Modenschaubetrieb. Die für Genazinos Prosa so typische Beobachtung, dass dieser Rundfunksprecher im Stadtdreck ergraute Blaumeisen bemerkt, verknüpft sich mit einer Rasurverletzung und der unsagbaren Schreibschwäche seiner Mutter.

Alles verlangt den kleinen Anlauf eines Entschlusses. Der Held muss sich zuerst fassen, bevor er die Flussseite wechseln kann. Die Zögerlichkeit wirkt wie eine Erkennungsmelodie. Genazinos Protagonisten sind Zauderer von jeher. Sie können nichts Großartiges und zucken zurück, wenn sich in ihrer Nähe jemand anschickt, großartig zu werden. Dann suchen sie förmlich Deckung. Sie sind bedächtig, aber borniert-bedächtig.

Der gestandene Genazino-Leser erkennt in jedem Titel eine Lebenslauffortschreibung. Genazino erfindet unauffällige, von Peinlichkeitsregungen regierte Angestelltenavatare, auch in der Spezialform prekärer Selbstständigkeit, die ihren Urheber gleichermaßen verbergen und ausliefern. Vereint sind diese Stromer mit geringem Radius in trolliger Sexualität. Ihre Blicke suchen Ausschnitte. Die weibliche Brust ist ein Knotenpunkt ihrer Existenz. Stets drohen sie zu vereinsamen. Wilhelm Genazinos aktueller Observer gleicht einem Obdachlosen mit Wohnung. Er befindet sich auf einer langen Einfahrt. An ihrem Ende wird er angekommen sein „in einem härter werdenden Mangel“. Er leistet sich das Vergnügen, in musealen Räumen die eigene Vergangenheit zu entdecken. Er erinnert sich an „lauter erfolglose Kriegs- und Nachkriegsverlierer“. Man fragt sich, wo die erfolgreichen Nachkriegsverlierer geblieben sind. Eine Pizzeria aus der Gastarbeiterzeit entfesselt Empfindungen, die mit der Tageskarte nichts zu tun haben. Doch hilft kein Tauchgang im 70er-Jahre-Tank. Die Dinge erscheinen genauso erschöpft wie die Menschen.

Unterforderte Angestellte

Unser Held lebt in Genazinos Geburtsstadt Mannheim seit langem mit einer deutlich jüngeren, beruflich unterforderten Speditionsangestellten zusammen. Ungenau synchronisiert Genazino die Liebesmüdigkeit des Radioprechers mit Carolas Wünschen. Widersprüche hemmen die Folgebereitschaft des Lesers. Da stimmt einiges nicht. Carolas – den Rücken komplett abdeckende – Tätowierung wird für den Sprecher plötzlich zur ekelhaften Überraschung. Der angeblich paritätischen Unlust zum Trotz lädt Carola den Sprecher zum Busen-Sex als neuer Spielart und Abschied von der Tranigkeit ein. Sie absolviert einen Marathonlauf ohne richtiges Training. Genazino schildert Carola als undurchsichtige Totalität mit allen Sehnsüchten einer gewöhnlich alternden Frau.

Nachdem sie sich halbwegs von ihm getrennt hat, verwahrlost Carola immer mehr. Dann verwandelt sie sich in eine Abwesende, bis ihr Selbstmord von unserer „verquatschten Fernsehgesellschaft“ in den Orkus pietätloser Erörterungen gezogen wird. Als Erfüllungsgehilfe kommt der Mann nun auf seine Kosten. Jetzt kennt er sein Schicksal. Es heißt Schrulligkeit.

Info

Außer uns spricht niemand über uns Wilhelm Genazino Carl-Hanser-Verlag 2016, 160 S., 18 €

Jamal Tuschick bloggt auf freitag.de

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06:00 17.08.2016

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