Die Familie als kriminelle Vereinigung

Texas Ranger In diesem Haus werden im August 1972 ein Tierarzt im Ruhestand und seine Frau ermordet aufgefunden. Beide empfingen Kopfschüsse aus nächster Nähe.
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The lost generation ging nach dem I. Weltkrieg an den Start.

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Die Athener folterten nicht nur Angeklagte, sondern auch Zeugen. Unfreie mussten ihr Zeugnis auf der Folter wiederholen. In der griechischen Ansicht waren Sklaven unanständige Leute. Man identifizierte ihre geringe Stellung mit einem verdorbenen Charakter. Nur Gewalt konnte der Wahrheit helfen.

Kam ein Sklave im Prozess um, ließ sich nur über Schadensersatz verhandeln. Im Sinne des Gesetzes stand der Schaden an einer Sache in Rede. Bevor Sie burlesk werden, will ich auf meinen Punkt hinaus. Die Antike verband Unfreiheit mit einer Schuld des Unfreien. Die schottische Familie Truth, die sich im 19. Jahrhundert eine Passage nach Amerika mit dem Verkauf der Freiheit ermöglichte, war nach griechischem Ehrbegriff unanständig; während anständig blieb, wer auf seinem Weg von den Despotien Europas in die Freiheit der Neuen Welt einem Zeitgenossen das Lebenslicht wegen irgendeiner Ungereimtheit ausblies.

Das war okay. Nicht okay war, sich ohne äußerste Gegenwehr zu ergeben. Die Familie Truth übergab sich lange nach Abschaffung der Sklaverei in Amerika einem Sklavenhalter. Andere wären in ihrer Not einfach verhungert oder zu Mördern geworden, die Truths machten sich lieber krumm neben freien Schwarzen, die kaum anders existierten als ihre unfreien Eltern und Großeltern. Irgendwann kam ihnen die Tochter abhanden, irgendwann tauchte Elizabeth Magnolia im Tross einer Armee von Erntearbeitern in Nacogdoches County auf. Der Cowboy Dollar Mason schwängerte sie, ohne aus den Stiefeln zu steigen. Erfolgreich verweigerte er die Anerkennung der Vaterschaft. Ein mexikanischer Stellmacher heiratete die Schwangere. Er stammte aus dem Zavala Klan, war aber im Haus des Deutschen Walter Othello Melsunger aufgewachsen. Melsunger, ein Sachse aus der Gegend von Dresden, hatte fast schon als alter Mann in Redfield, Texas, Fuß gefasst. In seiner Obhut hatte sich Juan Zavala in Joe Melsunger verwandelt. Aus Joe Melsunger wurde Joe Melsung und aus Elizabeth wurde ein Gespenst, das beinah hundert Jahre die Nachbarschaft erschaudern ließ.

Aufreizender Schleim

Die Verworfene sah Jahrzehnte fern. Sie konnte nicht sterben. Sie war die letzte Brutstätte eines ungeheuren Desasters. Seward Burroughs beschreibt den Typus, der sich auffächert in Würmern, die manchmal als liebliche Larven erscheinen, und in Ausbünde des Schleims, die an deinen Stiefeln lecken und dich zwanghaft zu erregen versuchen. Entscheidend ist, dass sie nicht die Wahl haben. Sie können nichts anderes als Würmer, Schleim und noch andere Zellscheiße sein. Mitunter wird die Selbstauslöschung zum einzigen Ziel solcher Wurm- und Schleimstämme. Armstrong Baybliss Truth unterschrieb die Sklavenverträge für sich, seine Frau und die Tochter im Brew Dog von Dornie. Dornie war ein Schauplatz keltischer Martyrien und druider Woodstocks, bis die neue Religion so festsaß wie der Dreck unter Bauernnägeln.

Wikipedia sagt: Unter Sackpfeifern ist die Melodie des Dornie Ferry ein sehr bekannter Strathspey.

Strathspey bezeichnet einen lebhaften Tanz

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Dornie liegt am Loch Duich. Auf der Spitze einer Landzunge, die bei Flut zur Insel wird, steht Eilean Donan Castle – die Hauptburg des Macrae Klans.

Der Glory Stomper Scott McKenzie führte in der Alten Welt die Geschäfte für seinen Cousin, den Satan von Kansas, bekannt auch als Ron McKenzie. Ihm überschrieben sich die Truths mit Haut und Haaren. Die Unterschrift eines Fast-Analphabeten hatte die Bindungskraft von Ketten. Auf dem langen Weg in die Sklaverei verlor Elizabeth den Anschluss an ihre Einheit und strandete schließlich in Nacogdoches County als eine Person, die vom Abfall nomadisierender Arbeiter lebte. Die mexikanischen Tagelöhner, Erntehelfer und Saisonfuzzis richteten sich abseits der weißen Routen in Camps ein und zelebrierten Schillerndes in magischen Kreisen.

Eines Tages stieg neben Elizabeth ein Cowboy vom Pferd …

Die Familie als kriminelle Vereinigung

Walter Skip Melsung wusste schon vor seiner Geburt, wer er war. Er war der Sohn eines Mannes mit schmalen Hüften und schnellen Händen. – Eines geschickten und beliebten Mannes, der von einem Stier auf die Hörner genommen worden war und so ein ordentlich erzählbares Ende gefunden hatte. In Walters Phantasie sah der Cowboy Dollar Mason wie der Comicheld Hardrock Vancouver aus. Der Mex-Nigger Joe aka Juan Zavala zog Walter nur auf. Das hatte nichts zu sagen. Walter suchte die Nähe zu einem Mechaniker in der Nachbarschaft. Blues Clyde akzeptierte die Verbindung. Er setzte selbst zwei Söhne und drei Töchter in die Welt. Walter befasste sich zunächst kaum mit dem Nachwuchs. Ihn faszinierten die Motorräder in Blues Clydes Werkstatt. Die Werkstatt war Walters Kindergarten. In der Stellmacherei seines Stiefvaters verbrachte der Junge nur widerwillig Zeit. Er ignorierte seine verrückte Mutter und drangsalierte die Halbgeschwister. Er organisierte Hetzjagden auf die Chicano Mädchen, mit denen er verwandt war … während die jungen Männer von Redfield zum großen Sterben nach Europa fuhren.

Blues Clyde war knapp zu alt, um mitzufahren. Er unterstützte Walters Emanzipation von den zweifelhaften Aspekten seiner Herkunft. Er nahm ihn auf wie einen Sohn. Seine leiblichen Söhne erkannten im Strampler bereits den zukünftigen Leitwolf der Familie in Walter …

Sie blieben bei ihrem Vater, lernten in seiner Werkstatt und vergrößerten den Betrieb. Blues Clyde vertrat Harley-Davidson im Landkreis von Nacogdoches. Erstaunliche Männer kreuzten in Redfield auf. Den Landjugendstil nannten sie corn boy’s style – eine Herabsetzung, die Marlon Brando als der Wilde 1953 covert. Interessanterweise ist die Umgebung für das Halbstarkenmilieu und die Hollister Beleuchtung der Szenen (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_von_Hollister) gleich nach dem Ersten Weltkrieg da. Die Armee hatte Motorräder von Harley-Davidson eingesetzt und so einen Kickstarter für die erste Outlaw Welle einer umgebrochenen Gesellschaft implementiert. An den Start ging the lost generation.

Plötzlich waren die Clydes weit vorn. – Und mit ihnen, ohne Unterschied, Walter, genannt Skip. Zu seinem Glück trug bei, dass der von seinem Klan verstoßene Ziehvater-Zavala so viel Vernunft besaß, 1920 ins Gras zu beißen und seine Töchter unter Schutzschirmen des Zavala Klans abtauchten. Die nachkommenden Clydes konterten den corn boy der Freaks mit einem Wort – dick rider. Sie kleideten sich bewusst ländlich und setzten einen Cowboy auf das Motorrad.

Der Inbegriff des Guten war Harley-Davidson.

Aus seinem sperrig-deutschen Nachnamen machte Walter einen flotten Nelson. Walter Nelson heiratete Helen Clyde und zog mit Blues Clydes Ältester in das Haus am Fluss, dass Blues Clydes Opa neben sein Sägewerk gebaut hatte.

Es gab zwei Tatorte im Haus des kinderlosen Ehepaares Lynn-Oktavia und Gary Nelson.

In diesem Haus findet man im August 1972 einen Tierarzt im Ruhestand und seine Frau ermordet auf. Beide empfingen Kopfschüsse aus nächster Nähe. Beide waren unabhängig voneinander vor dem Täter zurückgewichen, bis Wände sie aufgehalten hatten.

Als Mörder der Nelsons wird Frank Rufus Zavala 1973 zum Tod verurteilt.

Zwölf Jahre und vier Hinrichtungsaufschübe später lebte Frank noch. Er berief sich auf einen Fall, in dem jemand siebzehn Jahre lang für einen Mörder gehalten worden war, bis es von jetzt auf gleich zu einer totalen Entkräftigung des Urteils kam.

Diese Kernschmelze in einem juristischen Reaktor gab 1985 Redakteuren zu denken. Zumal keine Falschaussagen, offenbare Schlampigkeiten und überholte Technik zur Verurteilung geführt hatten, sondern eine falsche Indizien Lese. Ich recherchierte für Texas Monthly den Fall in seiner Umgebung. In Redfield gab es noch jede Menge Clydes, doch keine Nelsons mehr. Nichts erinnerte an das Sägewerk von Marshal Clyde oder an Walter Othello Melsungers und Joe Melsungs/Juan Zavalas Stellmacherei.

Es stimmt nicht, dass Lynn-Oktavia und Gary Nelson (übrigens im Abstand von einer Stunde, also wahnsinnig kaltblütig, dies im Vorgriff auf meine Ergebnisse) im selben Haus ermordet wurden, in dem Walter und Helen Nelson lebten. Das Haus der ersten Nelsons in Redfield wurde in den Fünfzigern abgerissen. An seiner Stelle entstand das Mordhaus nach Vorstellungen von Walter und Helen Nelson in der Blüte ihrer Jahre. Das Ehepaar führte gemeinsam mit Helens Brüder Blues Clydes Werkstatt mit Verkauf weiter.

Der Laden glänzte 1985 auf einer gewaltigen Grundfläche. Er hieß klassisch Blues Clyde & sons. An der Spitze stand eine Enkelin – Camorra Clyde. Sie regierte Verkäufer und Mechaniker, die den Aficionados, die bei ihr kauften, mit dem gleichen Repertoire Vertrauen einflößten, das überall sonst Ärger und Angst auslöste.

Camorra Clyde erzählte mir zwischen Tür und Angel, dass die Zavalas seit den Zwanzigerjahren zur Kundschaft zählten. Der Klan sei zugleich ein Club in ewiger Konkurrenz mit anderen Vereinen. Auch Frank habe bei ihr gekauft.

Camorra Clyde beschrieb den Verurteilten als ungewöhnlich intelligent und angenehm im Vergleich mit seinen Brüdern und Onkeln.

Aber auch Franks Leben hatte sich in der Freiheit um Motorräder und Revierkämpfe gedreht.

Morgen mehr.

11:25 19.03.2018
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