Die fränkische Walze

Milieumuff Die DDR gab das schlechte Beispiel vor der Haustür der Demokratie und die Zigarette war ein kultischer Gegenstand - Oliver Nachtwey spricht vom Muff der Milieus ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es war das Lied der Siedlungs-SPDler. Holger Börner kam ohne Sicherheitsbeamte in die Gaststätte der Schrebergartenkolonie, um da Eulen nach Athen zu tragen und offene Türen einzurennen. Wie ein Mann standen wir zu Börner. Wechselwähler waren Arbeiterverräter. Und wenn der politische Teil durch war, schunkelten die Genossen zu Rudi Schurickes Capri Fischern. Ich war vor ein paar Wochen auf Capri. Kein Unterschied zu damals.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Designer der Merowinger und Karolinger Kultur werden in den Jahrhunderten zwischen dem Niedergang Roms und dem Auftritt Karl des Großen auf der historischen Bühne kaum über ihre Höfe hinausgesehen haben. Ich wüsste gern, wie in diesen Epochen Staat & Gesellschaft begriffen wurden.

Wie definiert man Gruppen notleidender Unfreier?

Ob Hunger, Krieg, Knechtschaft oder Läuse – was gab es denn noch? Die in den Reichen der Merowinger auffindbare Bevölkerung hatte ihre Entrechtung bereits erlitten. Was sich vielleicht schon ankündigte, worauf jedenfalls alles hinauslief: das war die große fränkische Walze, die schließlich über den Kontinent hinwegging.

Zweifellos verstand sich kein Mensch als Subjekt einer Staatlichkeit. Es gab in der nachrömischen Zeit keine Bürger, mit denen sich Staat machen ließ.

Selbstwirksamer Muff

Reden wir über „traditionelle Lebenswelten“, ich zitiere Oliver Nachtwey, haben wir Modelle des 20. Jahrhunderts vor Augen. Nachtwey spricht vom Muff der Milieus, die immerhin Bestandschutz gewährten und „Selbstwirksamkeit“ erzeugten.

Genau kenne ich den Muff einer sozialdemokratischen Pubertät in der Obhut von Willy und Helmut. Die Zigarette war ein kultischer Gegenstand. Zum Bier gab es Kurze. Man unterschied Pils von Export. In den Musiktruhen der Pilsstuben lagen Kurzspielplatten von Freddy Quinn auf dem Teller. Freddy war der Interpret des deutschen Fernwehs, in dem der nationalsozialistische Expansionsdrang schlummerte. Die SPD war rechts, aber ihre Parteigänger erlebten sich als legitime Erben der Arbeiterbewegung und ihrer Kämpfe. Ihr Aufstieg führte von der Platte ins Eigenheim und vom VW-Käfer zum Audi Quattro mit permanentem Allradantrieb. Erst Schrebergarten, dann Vorgarten.

Capri

Eingebetteter Medieninhalt

Am Golf von Neapel - Schellack und Schleiflack und Bella Napoli Kitsch grundierten das Lebensgefühl der Willi-Wähler*innen.

Eingebetteter Medieninhalt

Pompeii - Die führenden SPD-Köpfe redeten oft über Pompeii in der Trinkhalle unseres Einkaufszentrums.

Eingebetteter Medieninhalt

Den Lappen/die Pappe hatte man mit achtzehn zu haben. Und sofort ein Auto. Man lebte zwar in der sozialen Marktwirtschaft, aber gewiss nicht in einer staatlich gelenkten Wirtschaft. Die DDR, wo man zehn Jahre auf ein Autoersatzfahrzeug warten musste, gab das schlechte Beispiel vor der Haustür der Demokratie.

Schon mit vierzehn wurde für den Führerschein „angespart“. Das Konfirmationsgeld bildete den Sockel. Katholiken erachtete man mit besonderem Verständnis als etwas anderes. Da war keine Verachtung, nur Unverständnis. Jede Abweichung verlangte Unverständnis, sollte aber (erst mal) nicht mehr provozieren.

„Jedem Tierchen sein Pläsierchen/Jeder nach seiner Fasson.“

Nachtwey beschreibt den Prozess „vom Bürger zum Kunden“ im Zuge eine Idolisierung der Rationalität. Heute weiß ich, dass mit der staatlichen, gesellschaftlichen, milieuhaften und elterlichen körperlichen Gewaltvermeidung die Selbstzwang-Produktion angeregt wurde. Man mauert sich ein in den Vorurteilen der Altvorderen. Oder man bricht aus und übernimmt die Funktion eines Überdruckventils für Außenseiter.

Eingebetteter Medieninhalt

Kein Weizen in Hessen

Es gab kein Bier auf Hawaii und kein Weizen in Hessen. Mein erstes Weizenbier (Kristall) bekam ich am Staffelsee serviert, auf der Terrasse eines Ausflugslokals. Ich war da mit dem Vater allein, das heißt ohne Mutter und Schwester. Auf der Terrasse saßen jede Menge Leute und alphonsten einen goldenen Nachmittag am Fuß der Zugspitze. Mein Vater wusste, dass mir etwas Besonderes geschah. Denn auch er war vom Geschmack eines Weizens einst zu einer Freude am Bayrischen erzogen worden. Es reichte ein Weizen und man war Freund der bayrischen Lebensart. Ein Bayer als Arbeitskollege hätte sich ohne Chance auf Belehrung oder auch nur Ermattung den Dialekt in schlechtem Spott vorhalten lassen müssen.

Wichtig war (trainiert wurde) die Fähigkeit zur grandiosen Verurteilung. Sobald am eigenen Ende des gesellschaftlichen Geschehens sich eine Sache kritisieren ließ, war alles andere egal. Meinetwegen hatte es eine Gleichstellungsdurchbruch sonst wo gegeben. Wenn sich dem entgegenhalten ließ, die eigene Klientel sei nicht berücksichtigt worden, taugte der Durchbruch nichts. Stichwort „gesunder Egoismus“. Wer Einwände erhob und etwas zu bedenken gab, näherte sich dem Verrat.

In diesem „linken“ Lager rechnete niemand damit, dass Schwule selbstbewusst werden - und ethnische Minderheiten effektiv Forderungen stellen würden. Die Emanzipationen kommen aus keinem traditionellen Milieu. In den 1990er Jahren wurden die neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus, LGBTQ) zu Treibstoffen des Neoliberalismus. Das behauptet Nancy Fraser in dem Aufsatz „Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des reaktionären Populismus“. Im Verein mit der Kulturindustrie dienten die neuen sozialen Bewegungen (im Folgenden NSM für New Social Movements) dem Neoliberalismus als Abdeckung. Sie sorgten für progressive Verpackungen, ohne deshalb wie aufgekaufte Garagenunternehmen ihre Identität zu verlieren. Diversität und Empowerment funktionierten weiterhin als Quartiermacher der Minderheiten, während ältere Aushandlungen wie zum Beispiel der US-sozialdemokratische New Deal so wie das britische Äquivalent kollabierten. Die Industrieregionen des weltumspannenden Rust Belt verloren ihre politische Gravitation. Auch deshalb können die Milieuerben der BRD-SPD im liberalen Spektrum keinen Trost finden. Sie ahnen, wo die größte Abwertung auf sie wartet.

14:52 27.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare