Die Frau als ökonomischer Faktor

Feminismus Die Gattin als „Kamerad“ – Im Emanzipationsdiskurs nach dem Ersten Weltkrieg war „Kameradschaft“ ein progressiver Begriff
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Die Frau als ökonomischer Faktor
Der Golfprofi Walter Hagen und seine Frau (rechts, mitgemeint)

Foto: Gill/Topical Press Agency/Getty Images

„Anders wird sie sein, die Frau von morgen … denn sie hat eine ungeheure Entwicklung zu vollenden: die endgültige Befreiung von der männlichen einseitigen Moral.“

So äußerte sich Stefan Zweig 1929 in einem Aufsatz, der im Verein mit einschlägigen Betrachtungen unter dem Titel „Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen“ soeben von Barbara Sichtermann herausgegeben wurde. Ihren Vorstellungen Gestalt gaben Max Brod, Stefan Zweig, Robert Musil, Richard Huelsenbeck, Otto Flake, Walther von Hollander, Emil Lucka, Alexander Lernet-Holenia, Leo Matthias, Georg von der Vring, Alfons Paquet und Frank Thiess. Man vernimmt durch die Bank der Texte den Ton eines Feuilletons, das noch viel dichter an den bürgerlichen Quellen siedelte und als Kunde der bürgerlichen Emanzipation (vom Feudalismus und dessen ruinierten Erben) doppelt Auskunft gab.

„Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen - Ein Plädoyer“, herausgegeben von Barbara Sichtermann, Ebersbach & Simon, Reihe: blue notes Nr. 78, 144 Seiten, 18,-

Richard Huelsenbeck unterschied die moderne - von der traditionellen Frau, deren Habitus zwar im Industriezeitalter entstanden war, aber doch von den vorindustriellen Maßstäben der Hand- und Hausarbeit bestimmt wurde. Von hinten durch die Faust ins Auge gab Huelsenbeck der Idee Raum, ohne Industrialisierung keine Frauenemanzipation. Insofern erschien sie ihm als Wurmfortsatz ständischer Ermächtigung. Wie Foucault Jahrzehnte später eine Tendenz zur Verflachung von Hierarchien als Ökonomisierungsprozess durchschaute, so erkannte Huelsenbeck in der Frauenemanzipation die Bereitstellung einer Armee engagierter Verbraucherinnen.

Die Gattin als „Kamerad“

Im Emanzipationsdiskurs nach dem Ersten Weltkrieg war „Kameradschaft“ ein progressiver Begriff. Die künftige Gattin begrüßte man mit „Neuer Sachlichkeit“ als „Kamerad“. „Die Frau von morgen wird instinktvoll und klug die guten von den bösen Komponenten der „neuen Sachlichkeit“ zu scheiden haben“, postulierte Max Brod. Das adressierte ein Ideal – die Kombination einer Schönschrift der Wirklichkeit mit männlicher Tüchtigkeit. Letztlich war das Verbesserungspornografie im Geist nicht transpirierender Multifunktionalität und von androgynem Chichi. In der nationalsozialistischen Gleichschaltung des weiblichen Kameraden dominierten andere Facetten. Die Frau als Kamerad näherte sich der Ebenbürtigkeit allein auf dem Feld körperlicher Belastbarkeit.

In der Depression von Neunundzwanzig nahm die emanzipierte Frau selbstverständlich einen Platz in der städtischen Öffentlichkeit ein und fungierte als Antagonistin der von archaischen Arbeitszwängen Unterworfenen, die noch Luft des 19. Jahrhunderts atmete. Die Emanzipation fand ihre Symbole auf den Fließbändern der Automatisierung. Die Autoren synchronisierten ihre Erwartungen an die neue Frau mit dem Maschinentempo ihrer Gegenwart.

Eingebetteter Medieninhalt

Herausgeberin Barbara Sichtermann weist nach, dass die zivilrechtliche Stellung der neuen Frau in einer Demokratie der Patriarchen von den Belletristen kaum betrachtet wurde. Da, wo das bürgerliche Subjekt verankert ist, im Recht, guckte keiner hin. Man rezensierte Frisuren und Röcke, flanierte auf den Magistralen der akuten Moderne und wünschte sich „eine weibliche Wirklichkeit“, um aus dem männlichen Gewaltghetto herauszukommen. Zugleich beanspruchte man Parlamente und Schlachtfelder als angestammte Domänen des Männlichen. Die Beschränkung der beruflichen Emanzipation auf Krankenhaus & Kindergarten kam den Nazis schon sehr entgegen.

„Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen - Ein Plädoyer“, herausgegeben von Barbara Sichtermann, Ebersbach & Simon, Reihe: blue notes Nr. 78, 144 Seiten, 18,-

09:54 06.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare