Die Gegenöffentlichkeit der Gegenwart

Lyrikkritik Eröffnet das Netz der Lyrikkritik einen neuen Raum? Maren Jäger, Bertram Reinecke, Stefan Schmitzer, Christian Metz besprachen das in der Berliner Literaturwerkstatt
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Seit Jahren verfehlt ein in allergrößter Öffentlichkeit besprochenes Thema die große Öffentlichkeit. Verhandelt wird die Frage: Bietet das Netz der Lyrikkritik einen neuen Raum? Dahinter steht die Frage: Wie bringt man Lyrik nach vorn? Max Bense, Eugen Gomringer und Franz Mon äußerten sich dazu im Rahmen der Konkreten Poesie vor fünfzig Jahren. Rolf Dieter Brinkmann (“Ich hasse alte Dichter”) formulierte seine poetische Oppositionspolitik im RAF-Stil: “Wenn das hier ein Maschinengewehr wäre” - da hob er seinen einzigen Roman in die Höhe. Michael Kellner befragte Allen Ginsberg in Kassel. Wer weiß das noch?

Immer wieder glaubte einer, glaubten zwei, glaubten drei, dass ein Wahnsinn der Begeisterung Gedichte in die erste Reihe der gesellschaftlichen Wahrnehmung bomben könne. Brinkmann beschwor das Gedicht in der Stadt als Raumaufheller. Ich plädiere für das Gedicht im öffentlichen Raum als Accessoire.

Ich höre die Kojoten der reinen Leere heulen. Die Antwort auf die Frage, warum gelangen Lyriker über Zirkelprominenz nicht hinaus, lautet: Die Lyrik bleibt deshalb da, wo sie ist, weil Lyriker jeden medialen Popularisierungsversuch als unzulässige, von Empfindlichkeit befreite Einmischung bewerten. Das ist der Grund, weshalb ihr bleiben müsst, wo ihr seid.

Maren Jäger, Bertram Reinecke, Stefan Schmitzer und Christian Metz bespielen die Felder Produktion, Rezeption und Verbreitung. Ich schenke mir die Hausnummern im Verteilungskampf, Metz bemerkt “ein neues Bedürfnis nach Lyrikkritik”. Die Gattung vergattert. Doch ist Einengung gut als Konzentration auf den entscheidenden Punkt. Wie Kürze gut ist. Ein “Qualitätsmerkmal”, so Jäger.

Sagt das einer oder höre ich das nur: Reinecke sei “ein Tiger der Poesievermittlung”? Reinecke redet am meisten, auf diese gedimmte Art, in der sich der Geltungswille zeitgenössisch unauffällig macht.

Jäger: “Lyrikkritik braucht stabile Orte, die über die Familie hinaus senden.”

Jäger betrachtet Lyrik als “Mainstream-Gegengift”.

Jemand beschreibt die Netz-Instanzen als “Anspielstationen” und als “selbstgebauten Kulturbetrieb jenseits der Institutionen” - als Gegenöffentlichkeit der Gegenwart.

Die Verbindungen zwischen gedrucktem Journalismus und der poetischen Anderswelt in den Laufwerken der permanenten Performance “sind schlecht”. Das eine ist der Angelus Novus des anderen. Doch verenden viele auch im Netz.

Metz spricht vom “neuen Charme” der Lyrikkritik auf Lyrikkritik.de und fixpoetry, der “von den Gesetzen des Print-Feuilletons nicht” transportiert wird.

Das Gespräch erreicht “die diskursive Verzweiflung an der Garstigkeit mancher”, jetzt kann ich nicht mehr lesen, was ich gestern Abend aufgeschrieben habe. Sollten Dichter garstig sein? Egal. Schmitzer spricht von einer “gelungenen Selbstverständigung” der Lyrikkritik im Netz. Da gibt es Platz für Ausführlichkeit, zugleich den redaktionellen Standard alter Zeitungen.

“Es wird alles lektoriert.”

Brinkmann sagte noch: “Erschießt die Lektoren zuerst.” So haben sich die Zeiten geändert.

09:45 27.04.2016
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