Die gestohlene Geschichte

Vendela Vida in der Berliner Kulturbrauerei mit gefrorener Raffinesse
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Du kommst aus erschlagender Hitze in die klimatisierte Zone eines Hotels. Zwei vor Erschöpfung überreizte Kinder geben dir den Rest. Der Mann ist in der inneren Emigration, zu nichts mehr zu gebrauchen.

Du wirfst den Rucksack ab. Wie bescheuert muss man sein, um als Mittelstandsfamilie im Backpacker-Modus zu reisen.

Doch hast du es so gewollt.

Wie immer, wenn es hart auf hart kommt, bleibt alles an dir hängen. Und Marokko ist kein Land, in dem man einfach fuck sagen kann. Der Mann an der Rezeption sieht verschlagen aus. Sein Englisch ist eine Katastrophe. Vielleicht will er dich nicht verstehen.

Du greifst nach dem Rucksack. Der Rucksack ist weg. Der Fantasiestreifen mit Jane Bowles und Humphrey Bogart in den Hauptrollen reißt. Jetzt drehst du durch.

Das ist eine (beinah) wahre Geschichte. Vendela Vida erzählt sie im Palais der Berliner Kulturbrauerei. Sie sitzt da so skandinavisch-amerikanisch wie eine andere Siri Hustvedt. Vida hat einen Mann in der Industrie von Hollywood, sie schreibt selbst Drehbücher. Mit dem Rucksack verschwand ein Manuskript. Das ist der größte Verlust, den Vida zur Anzeige bringt. Der Kommissar erfüllt sämtliche Erwartungen an einen Wahrnehmungskollaps. Er verspricht das Unwahrscheinliche: die umgehende und vollständige Wiederherstellung gestörter Eigentumsverhältnisse. Eine Szene wie von Buñuel. Sie startet eine neue Geschichte. Die Legende will, dass der Zuhörer glaubt, die neue sei besser als die gestohlene. Die gefrorene Raffinesse der Volte verlangt zu viel Aufmerksamkeit.

"Des Tauchers leere Kleider" ist in der zweiten Person Singular geschrieben. Christiane Paul liest aus der deutschen Übersetzung. Paul kommt aus Pankow und ist da geblieben. Kulturbrauerei ist Kurzstrecke für sie.

Paul liest ohne das Simsalabim der Berufssprecherin. Vida beobachtet sie, als wäre sonst keiner da. Sie gibt das Literaturmagazin “The Believer” heraus, ich nehme an, dass das in ihren Kreisen auf extreme Extravaganz hinausläuft.

Vida und Paul treffen sich bekennend in ihrem Glauben an Bücher.

We believe in books.

Paul zisiliert das Glaubensbekenntnis mit ein paar Gesten, die vielleicht zeigen sollen, wie physisch das Bücherbedürfnis ist. Ihre Stimme kriegt ein Frau zwischen Freiheit und Flucht. Auf einem Flug nach Casablanca antizipiert die Namenlose ihre Ankunft im Geschnatter eines Ehemaligentreffens auf Reisen. Sie sucht Schlaf ... du schließt die Augen und denkst an Sex ... der flüchtigen Art.

Details aus dem Grundkurs der Fremdheit. Bar- und Strandepisoden. Angeberische Überblendungen.

Die Ärztin (und Schauspielerin) Paul verweigert sich wie die Ärztin Claudia in “Der fremde Freund” (“Drachenblut”) jeder Theatralisierung einer Farce im Halbschlaf. Sie streckt den Rumpf so wie man durchatmet. Ich deute das als Abwehr eines Übergriffs der Prosa.

Vida ignoriert ihre öffentliche Lage. Die Mimik schrillt vor Skepsis. Der auf Deutsch fremdgehende Text scheint nur noch mit Paul etwas zu tun zu haben.

http://faustkultur.de/2597-0-Tuschick-TEXTLAND-Berlin.html#.VuVcoEdr1PZ

Die Erzählerin spricht im Spiegel ständiger Selbstbetrachtung ständig sich selbst an. So viel Selbst ist zum Glück selten. In Casablanca rät der Reiseführer dem Selbst, Casablanca auf der Stelle zu verlassen. Der Rucksack wird gestohlen, die Erzählerin übernimmt einen anderen und eine andere Identität.

Vida hakt ein, sie sei von der Paranoia ihrer Protagonistin selbst überrascht worden. Die paranoide Protagonistin gerät in eine Filmproduktion.

Mich erinnert die Montage von Fiktion und autobiografischer Auskunft an Strategien des “Talentierten Mr. Ripley”. Der “leere Taucher” lässt die narrativen Chancen von Identitätsverlust bei gleichzeitiger Doppelgängerei in zig Durchgängen verbluten. Das ist ein Einwand gegen das Gehörte, mit dem ich selbst nicht gerechnet habe.

12:04 13.03.2016
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