Die Gewaltmonopolistin

#Leben Commissaire de police stagiaire Edith Malgaré nimmt die Verfolgung auf
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Commissaire de police stagiaire Edith Malgaré nimmt die Verfolgung auf. Das ist natürlich niemals interessant: die von Geburt an alte Frau jemanden nachlaufen zu sehen. Commissaire Malgarés Schwerfälligkeit erlaubt keine Stunts. Ihrem Leib bleibt jeder Schwung fremd. Die Last des guten Lebens, eines unangreifbaren Gewissens, einer zwar eisernen, jedoch leblosen Gesundheit verlangsamen die Polizistin und verweigern ihr das Potential der athletischen Greiferin, die bei jeder Aktion ihre gesellschaftliche Ausnahmestellung als Gewaltmonopolistin demonstriert.

Was zuvor geschah

Die Restaurantbesitzerin Balba Braque behauptete, verfolgt zu werden, und musste erleben, dass ihr niemand glaubte. Die kindlich gebliebene und deshalb kindisch wirkende Binnenschiffer:innentochter führte bis zu ihrer Ermordung das Leben einer Verzückten, die wegen jeder Maikäferin schlankweg aus dem Häuschen geriet. Mit einer bodenständigen Küche und einem exzellenten Gedächtnis für die Vorlieben der Gäst:innen hielt ihr Gatte Julius den Laden kulinarisch am Laufen. Das Paar bildete eine natürliche Barriere vor dem Treibgut, das sich in Kneipenreusen zwangsläufig verfängt. Stammgäste spekulierten in alle Richtungen. Die paarpotente Konsolidierung ständig bedrohter Verhältnisse stellte sich als Rätsel im sozialen Schlamm dar.

Solche Fragen wägte man in Charenton-le-Pont. Da mündet die Marne in der Seine. Paris liegt vor der Tür. Man findet im Präsens des Geschehens lauter Kontaktstellen zwischen Dorf und Vorstadt. Eine unterschwellige Negation des Überkommenen fusioniert mit skeptisch wahrgenommenen Transitphänomenen. Nichts passt. Alles klemmt. Für Commissaire Malgaré ergibt die Milieu-Melange eine ideale Kulisse. Sie ist das alles in Fleisch und Biografie – ein zur Stadt metastasiertes gallisches Dorf; Reihenhausfestung und Marktplatz in einer Person.

Nicht nur Missgünstige schildern der Amtsgewaltigen Julius als dahergelaufenen Habenichts, der es verstanden habe, sich einzunisten und Konkurrrenten aus dem Feld zu schlagen. Er sei durchtrieben, gäbe aber gern den kernig-jovialen Geradeaus-Zeitgenossen.

Julius verschwendet nun keinen Augenblick auf eine Anscheinsveredelung. Die Kellnerin Maëla rückt an Balbas Stelle, bevor Balbas Grab mit einem Stein seine bürgerliche Gestalt erhält. Die alten Beißer:innen prüfen Maëlas Willfährigkeit. Sie stellt umgehend fest, was sie sich jetzt alles nicht mehr bieten lassen muss. An den losen Manieren der Schankraumbewohner:innen rührt sie trotzdem nicht ernsthaft.

Commissaire Malgaré wittert Durchbrüche des Archaischen auf allen Ebenen. Sie spürt das mittelalterlich Maßlose im Willen ländlicher Vorstadttypen, auf einem halb weggebrochenen Kellertreppenabsatz zum Zug zu kommen.

Sie raucht wie eine Esse. Sie nimmt einen Calvados nach dem nächsten. Allgemein hält man das für eine dienstlich akkurate Vorgehensweise.

Gleich mehr.

11:58 12.05.2021
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