Die Hamburger Hinrichtung

Claas Relotius Vielleicht gab es einen Augenblick, in dem Redakteure den Ruf des „Spiegels“ am liebsten auch gegen die Wahrheit verteidigt hätten, während Relotius um sein Leben log.
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Vielleicht gab es einen Augenblick, in dem Redakteure den Ruf des „Spiegels“ am liebsten auch gegen die Wahrheit verteidigt hätten, während Claas Relotius um sein Leben log. Bevor Juan Moreno den Starreporterdarsteller enttarnte, stand er eine Weile allein auf dem Beziehungs- und Karriereflur. In meiner Kindheit kursierte der Spruch: Du kannst dir ein Schnitzel an die Backe tackern, dann spielt vielleicht ein Hund mit dir. So muss er sich gefühlt haben, der auf halbem Weg steckengebliebene Aufsteiger mit Migrationshintergrund, den man gern einsetzte, wenn Einwanderer zu befragen waren. Der Juan kann gut mit denen. Das war bekannt.

„Moreno ist kein Preispferdchen! Relotius ist das, was der Spiegel wollte. Und Moreno spielt die Putzfrau vom Dienst.“ Aus einem Kommentar zum folgenden Video

Eingebetteter Medieninhalt

Er fühlt sich professionell in Frage gestellt und menschlich zur Null gestempelt. Moreno demontiert das Christusvertrauen, mit dem „Spiegel“-Redakteur Matthias Geyer fernmündlich seiner Edelfeder Claas Relotius die Stange hält. Der Vorgesetzte unterstellt dem Intervenierenden unlautere Absichten.

Moreno sei vom Neid entzündet. Er gefährde den „Redaktionsfrieden“.

Geyer möchte Morenos Zweifel an der Echtheit jener Geschichte, die Relotius Hochstaplerkarriere beenden wird, am liebsten gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Er macht den Bock zum Gärtner und schlägt den Boten.

„Juan, das ist eine Hinrichtung.“

Zwar gibt es zwei Möglichkeiten, doch steht außer Frage, wen Geyer hängen (sehen) will.

Moreno bittet um eine Audienz in der Residenz. Er fährt nach Hamburg mit dem Gefühl, sein Leben bereits zerstört zu haben.

„Die Branche ist klein und sehr geschwätzig.“

Bisher war Moreno ein Hecht, auf den kein Hai scharf war. Jetzt ist es anders. Moreno erlebt sich „als die schrecklichste Version seiner selbst“.

„Ich war wie ein Tier, dass angeschossen worden war.“

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Nora Bossong erzählt in „Schutzzone“ von einem UNO-Mitarbeitersport. Man schmuggelt das Wort „Nilpferd“ in einen Text, in dem es nichts verloren hat, und spekuliert darauf, wie viele Abzeichnungsinstanzen es durchläuft, bevor jemand das Nilpferd in seiner unpassenden Umgebung entdeckt.

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Relotius bringt ganze Herden in seinen Texten unter. Er hat tricksend angefangen. Ihm fehlen die Erfahrungen einer beschämenden Entwicklung und inneren Kurskorrektur. Vermutlich belastet ihn keine Korrumpierungsempirie. Moreno nennt Relotius mehrmals einen Lügner; als ergäbe sich daraus ein Alleinstellungsmerkmal. Ich bin mir sicher, dass sich Relotius nicht für verlogen, sondern für clever hielt. Dass er seine Integrität lange nicht von seiner Vorgehensweise angetastet wähnte.

Keine harte Zeit hat Relotius zerschlissen, als ihm Moreno auf die Spur kommt. Als zigfach ausgezeichneter Preisträger ist der Betrüger fett gepolstert. Nicht wenige müssten in sich gehen und sich kritisch betrachten, sollte sich eine vom Status quo abweichende Sicht Geltung verschaffen.

Es gibt die Tendenz an bestehenden Verhältnissen nicht zu rühren. Relotius profitiert von der Neigung zur Vermeidung. Aus Geyers Abfuhr spricht die Angst, der Laden könne ihm (so kurz vor einer Beförderung) und anderen Durchsetzungsfähigen auf seiner Etage um die Ohren fliegen.

Moreno weiß, im Zweifelsfall wird man sich gegen ihn entscheiden und für seinen Gegenspieler Ehrenerklärungen abgeben. Das ist einfacher als einem halben Außenseiter, dem die volle Anerkennung stets versagt blieb (allein darin steckt ein Makel), als Gewährsmann einer unschönen Wahrheit präsentieren zu müssen.

Anders gesagt, Relotius sieht auch besser aus als Moreno; Schönheit und Wahrheit treffen sich in unserer Vorstellung vom Gelingen.

Bald mehr.

16:28 08.11.2019
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