Jamal Tuschick
11.05.2017 | 11:00 10

Die Himmeroder Denkschrift

Deutsche Geschichte Den Deutschen attestierte Strauß, der gern erster Verteidigungsminister der Bundesrepublik geworden wäre, eine „antimilitärische Psychose“

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick

So kriegsmüde, wie Deutschland nach Fünfundvierzig oft hingestellt wurde, war das Land nicht. Die Idee, man könne dem Russen verlorenes Territorium gleich wieder abjagen, fand gefiltert von Sprachregelungen großzirkulare Zustimmung. Man unterstellte der Sowjetunion einen nuklearen Angriffswillen, bevor die UDSSR über Atomwaffen verfügte. Das Gleichgewicht des Schreckens wurde erst 1949 hergestellt. Szenarien nahmen den Schrecken vorweg - mit aufgerückten Grenzen. Der Russe stand vor der Tür. Die Front war bequem zu erreichen. Die Amerikaner im Gefolge von John Foster Dulles und Dwight David Eisenhower wünschten sich die deutsche Auxiliartruppe als Panzerarmee mit einer Mannschaftsstärke von 500.000 Mann. Daran scheiterte zunächst der „Beauftragte des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Um den Protest im Lager der Wiederbewaffnungsgegner zu schwächen, hatte Adenauer den Posten zur Bürde eines (christlichen) Gewerkschaftsführers gemacht. Der Mann hieß Theodor Blank und nach ihm hieß ein Amt, das ab 1950 die Bundeswehr etablierte. Zu spät griff man auf Vergleichszahlen der nationalsozialistischen Aufrüstung zurück. Erst Franz Josef Strauß will die gute Idee gehabt haben, bei Hitler nachzuschlagen. Den Deutschen attestierte Strauß, der gern erster Verteidigungsminister der Bundesrepublik geworden wäre, eine „antimilitärische Psychose“. In seinen Erinnerungen geht das so über Stock und Stein. Man müsse dem empfindsamen Volk die bittere Medizin in kleinen Schlucken einflössen. Strauß spricht mit Adenauer über blanksche Konfusion, der Chef wittert eine Intrige und ruft über den Zaun seinen Staatssekretär Globke herbei. Da rollte der Zug schon. Fünf Jahre zuvor hatte Adenauer Offiziere zur Klausur in ein Kloster geschickt. Sie sollten ergründen, was Westdeutschland zur Verteidigung Westeuropas beitragen könne. So entstand die „Himmeroder Denkschrift“ auch mit Beteiligung von Johann Adolf Graf von Kielmansegg, der eine Paradelaufbahn von der Reichs- zur Bundeswehr absolvierte. Adenauers Gewährsmann war Graf Schwerin, nach dem die Vorläuferbehörde des Amts Blank benannt worden war. Schwerin diente dem Bundeskanzler als „Berater für Militär- und Sicherheitsfragen“. Die militärischen Absichten verdeckte das Wort „Bundesgendarmerie“. Wie gesagt, die Amerikaner drängten Besiegte in die Rolle von Verbündeten angesichts eines weltweiten Notstands der Freiheit. Ich setze das nicht alles in Anführungszeichen, jedenfalls gab es 1950 schon (wieder) eine kriegerische Verpflichtung gegenüber Europa. Man lernt, wie wirkungslos der plebiszitäre Pazifismus in einer Auseinandersetzung nicht zuletzt mit Dienststellen war. Die Herrschaften unterschieden zwischen Militarismus und wahrem Soldatentum. Sie sensibilisierten sich für die Härten im Kampf Deutscher gegen Deutsche und kultivierten die Vermeidungsfloskel vom deutschen Kontingent, das im transatlantischen Gefüge wie eine gute Dienststelle funktionieren sollte. Sie planten Krieg als Fortsetzung des Verwaltungsaktes mit anderen Mitteln.

Sämtl. Anregungen aus „Ich bekenne mich - Die Erinnerungen des Franz Josef Strauß“

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Kommentare (10)

denkzone8 11.05.2017 | 12:42

ps.:

im verstockt-sein der wahl-bürger,

die kriegerisches als medizin ablehnen,

stecken kollektive erfahrungen,

die in die knochen gefahren sind.

was in die köpfe gedrungen ist,

unterliegt vergessens-prozessen,

wird zwar durch berichte von anderswo

gelegentlich aufgefrischt, kann aber verblassen.

wo das heldische, opfer-bereitschaft populärer wird,

ists höchste zeit, einzugreifen,

bei alarm( all'arme=zu den waffen) ists zu spät.

calamity.jane 11.05.2017 | 16:12

Parallel zu den Anliegen der 'Alten Kameraden' des Himmeroder Zirkels wurden die unmittelbaren, verschwörungspraktischen Anliegen mittels vielerfonten bewährtem Kanonenfutter auch als "Stay Behind" installiert.

Um dem klösterlichen Himmeroder Terror Anliegen auch eine angemessenene Infrastruktur zu verschaffen, folgten dann auch bald die unmittelbar benachbarten, völkerfreundlichen Instalationen in Spangdahlem und Bitburg.

Längst und erneut ist die Nazion Deutschland, mit einem Schwerpunkt in Rheinland-Pfalz, zu einem riesigen, militaristischen Flugzeugträger ausgebaut worden, durch den die Welt pausenlos beglückt wird.

Mensch mag sich den Jubel der nazionalen 'Alten Kameraden' im Baltikum kaum vorstellen - endlich sind deutsche Töne und Panzer wieder zum greifen nahe.

calamity.jane 11.05.2017 | 18:53

Gefressen wird, was auf den Tisch kommt - nicht nur in der Ukraine.

"Seit dem Bestehen eines unabhängigen ukrainischen Staates haben seine Bürger bereits zweimal sich bemüht, bei sich im Hause Ordnung zu schaffen. Die Orangene Revolution glich einem Karneval, mit dessen Hilfe die Bürger versuchten, das Oligarchensystem zu überzeugen, dass sie es nicht weiter dulden werden und grundlegende Änderungen einfordern. Die Vertreter des Oligarchenclan-Systems mutierten bis zu dem Punkt, dass selbst Asarow (gemeint ist Ex-Regierungschef Mykola Asarow, der unter Präsident Leonid Kutschma der Steuerbehörde vorstand, A.d.R.) mit orangenem Schal auf der Bühne des Maidans kam. Daher beschränkte sich die Mehrheit der Protestteilnehmer sich auf Personalumstellungen im Regierungssystem und wagte es nicht, mit der Demontage des Systems Leonid Kutschmas zu beginnen. Die Oligarchenclane aber, die sich vom ersten Schrecken erholt hatten, verteilten weiter ihre Bereiche um, wo die Kontrolle über die staatlichen Ströme einfach fabelhafte Einkommen versprach. Die politische Elite, hinter der die wahren Herren der Lage standen, bekämpften und stießen sich, die Teilnehmer an der Revolution aber kehrten zurück zu ihrem üblichen Zustand und im guten Glauben an die, die sie gerade in die Regierung delegiert hatten. Und hierbei gilt es zu beachten, dass als Ergebnis der Orangenen Revolution das Oligarchenclan-System nicht die geringsten Verluste erlitten hat."

https://ukraine-nachrichten.de/unzerst%C3%B6rte-ukrainische-anarchie-fluch-oder-rettung_4623