Die Iranische Revolution frisst ihre Kinder

Natalie Amiri schreibt: „Tausende wurden in den ersten Jahren der Revolution abgeholt, verhaftet und exekutiert.“
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„Tausende wurden in den ersten Jahren der Revolution abgeholt, verhaftet und exekutiert.“ Tausende stürmten, euphorisiert von der Revolution, schlecht ausgerüstet und todesmutig in den Krieg. Der Revolutionsführer pries den Krieg als ein „Geschenk des Himmels“.
Auch als Expatriierte gehört sie zum großen Wir einer großen Teheraner Familie. Natalie Amiri spielt mit Angehörigen ihrer Kohorte „Rommé unter dem Tisch ... Wir hatten die Karten bei unserer Einreise in der Unterwäsche im Koffer versteckt. Dass wir Spielkarten verstecken sollten, kam mir komisch vor, ich war ja erst vier.“
Die Autorin kombiniert die Schilderung harmlos-harmonischer Familienszenen mit Darstellungen der herrschenden Verhältnisse. In der Konsequenz einer „geheimen Fatwa“ Khomeinis werden tausende Oppositionelle ohne Urteil hingerichtet.
„Jeweils sechs Personen wurden an einem Galgen aufgehängt. Alle fünfzehn Minuten starb ein Gefangener. Erschießungen wären zu laut gewesen.“
In der Zwischenzeit ziehen Zwölfjährige mit einem Schlüssel als Talisman in den Krieg gegen Saddam Hussein.
„Die Schlüssel waren aus Plastik und sollten einen bestimmten Zweck erfüllen: Nach dem Märtyrertod der iranischen ... Soldaten sollten sie den Kriegsopfern die Pforte zum Paradies öffnen.“

Natalie Amiri, „Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran“, Aufbau Verlag, 22,-

„Natalie Amiri ist eine deutsche Journalistin und Fernsehmoderatorin. (Sie wuchs) in einer deutsch-iranischen Familie aufgewachsen; ihr Vater kam Mitte der 1960er-Jahre aus dem Iran nach Deutschland.“ Wikipedia
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Was zuvor geschah - Der verborgene Schatz von Teheran

Drei Tage im Oktober. Zwei Jahre vor der Iranischen Revolution ... inszenierten sich die Felizes Poucos Persiens auf einem nagelneuen Spielplatz der Reichen & Schönen, belustigt und irritiert von einem Heer einheimischer und ausländischer Künstler:innen.

Die Moderatorin weiß: "This is the best Jackson Pollock to be found outside the US."

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Man schätzt den Wert der Sammlung auf drei Milliarden US-Dollar. Manche Werke führen heute das Schattendasein eines „verborgenen Schatzes“ in den Asservatenkammern unter dem Teheraner Museum für Zeitgenössische Kunst. Wenig erinnert an den absoluten Glanz, mit dem der Schauplatz am 14. Oktober 1977 von einer Kaiserin eröffnet wurde. Farah Pahlavi, geborene Diba, setzte mit dem Ereignis ihren neununddreißigsten Geburtstag in den Rahmen einer Gala der Superlativen. Die persische Elite feierte exzessiv. Es war ein Tanz auf dem Vulkan. Zwei Jahre vor der Zerschlagung des Schah-Regimes wähnte man sich auf einem Mount Everest der Geltung, um doch bloß von Special Forces des Zeitgeistes und anderer Kräfte zu einem Haufen Banaus:innen erklärt zu werden.

Natalie Amiri schreibt:

„Die Fotografin Jila Dejam, die damals bei der Eröffnung des Museums ... die Eindrücke dieser sehr westlichen, extravaganten Eröffnungsfeier festhielt, erzählte mir, dass die iranischen Zaungäste verwirrt auf das Kaiserpaar schauten, das umringt war von schillernden exotischen Performance-Künstlern aus aller Welt.“

Im Powerpräsens von Natalie Amiris Iran-Präsenz: „Zum 1. Mai 2020 gab Amiri die Leitung des Teheraner ARD-Studios ab, die sie seit 2015 innehatte, da es für sie eine Reisewarnung vom Auswärtigen Amt gab.“ Wikipedia

Die Journalistin sammelt Stimmen aus dem Bauch der Hauptstadt. Sie gehören lokalen Held:innen eines von Widersprüchen regierten Deep Inside. Die traditionelle Religiosität hat als gesellschaftliche Grundierung und Gemeinschaftskitt ihre lange überragende Rolle verloren. Die Protagonist:innen sind oft jünger als die Iranische (nicht Islamische, so Natalie Amiri) Revolution. Die Absetzung des Schahs Reza Pahlavi, das Ende einer Monarchie, die es schon gab, bevor Jesus geboren wurde, und die Rückkehr Ajatollah Khomeinis sind für die Jungen dem eigenen Erscheinen lediglich vorgeschaltete Ereignisse.

Ihre Elterngeneration bewegte sich in einem System, in dem Reiche sich Galerien und Künstler:innen mit der Attitüde von Rennstall- und -pferde-Besitzer:innen leisteten. Die Kultur bot sich zur Akzentuierung an. Die Schauräume waren Durchlauferhitzer. Als persische(r) OberschichtlerIn erschien man/frau darin interessanter als die Kunst.

Erst stützte ihn die Bundesrepublik, dann unterstützte sie jene, die Schah Reza Pahlavi vom Pfauenthron stürzten. Den historischen Dreh- und Angelpunkt beschreibt Frank Bösch* als weltgeschichtliche Wendemarke – und Initialzündung für das akute Jetzt. Nichts von dem, was im Februar 1979 in Teheran geschah, war vorhergesehen worden. Michel Foucault, der für Corriere della Sera den landesweiten Aufstand beobachtete, schrieb: „Das ist vielleicht die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme.“

Innerhalb von drei Tagen waren die etablierten Machtstrukturen abgeräumt und weggefegt.

Viele werden den Menetekelcharakter von Foucaults Nachrichten aus dem Iran überlesen haben. Plötzlich fluteten verschleierte Frauen das Vorfeld der Reporterarmee und erklärten ihre „Abkehr von der westlichen Moderne“ zum Ausblick auf das politische Design der Zukunft. Die Botschaft verhallte im Nichts der Verständnislosigkeit. Zukunft war nach allgemeinem Verständnis ein westliches Projekt. Wahrgenommen wurde „eine Rückkehr ins Mittelalter“ unter der Ägide des Ajatollah Khomeini.

*Frank Bösch, „Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann“, C.H.Beck, 512 Seiten, 28,-

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Durst nach Freiheit

„Hier gibt es Menschen, die darauf hoffen, dass ihr sie unterstützt. Dass ihr sie erkennt. Dass ihr ihren Durst nach Freiheit seht und begreift.“

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In jedem Krieg stirbt zuerst die Wahrheit. An ihre Stelle tritt die staatliche Desinformation. Das macht es Regimegegner:innen einfach, zu wertvollen Akteuren zu werden. Der unverstellte Amateur:innenlick auf den Alltag wird zur Quelle für alle, die ein zutreffendes Bild von der Lage brauchen.
Solange es die iranische Regierung zuließ, schlug Natalie Amiri der Wahrheit eine Bresche in vermintes Gelände. Die Journalistin stand unter geheimdienstlicher Überwachung.
„Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute kontrollierten sie uns ... Die Zwischentöne und geheimen Botschaften in meinen Beiträgen verstanden sie am besten. Sie hörten genau das, was ich eigentlich (einem breiten Publikum) vermitteln wollte.“
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Natalie Amiri erzählt von Land und Leuten. Eben flanierte man noch bei 40 Grad am Persischen Golfstrand und im nächsten Augenblick fährt man Ski in den Bergen über Teheran. Die Hauptstadt liegt im Schatten des Totschāl, einem Nachbarn des Damavand, der höchsten Erhebung des Landes; eingegliedert dem Elburs-Gebirge. Wer sich je darüber wunderte, dass der Schah so solvent auf seinen Ski stand, dem ist wohl das Naherholungsgebiet und Wintersportparadies vor den Teheraner Toren entgangen.
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Aus der Ankündigung
„Ich möchte den Menschen im Iran eine Stimme geben.“ Natalie Amiri
Was macht man, wenn man auf einer Recherchereise im iranischen Gebirge nicht tanken kann, weil das Benzin aufgrund westlicher Sanktionen knapp ist? Oder wenn man eine vermeintlich zu kurze Hose trägt und die Strafe darauf lautet, in ein Fass mit schwarzer Farbe steigen zu müssen? Und warum reiste Amiri trotz aller Warnungen immer wieder in den Iran? Natalie Amiri ist in München in einer deutsch-iranischen Familie aufgewachsen und lebte und arbeitete über sechs Jahre in Teheran. Sie ist eine der wenigen deutschen Journalistinnen, die den Iran detailreich kennt und der es gelingt, das internationale Politikgeschehen rund um die Islamische Republik klug und präzise einzuordnen. Authentisch beschreibt sie ihr Leben zwischen zwei Welten und unterschiedlichen Kulturen und bringt uns nahe, wie sich die politische Situation im Iran seit der Revolution von 1979 entwickelt hat. Es ist das Buch einer modernen jungen Frau und einer mutigen Journalistin, die höchste persönliche Risiken in Kauf nimmt, um den Menschen im Iran eine Stimme zu geben und über den Alltag in einem Land zwischen verbotenen Partys und Sanktionen zu berichten. Von Lehrern bis zu Drogenabhängigen, vom Revolutionsführer Khamenei bis zum ersten weiblichen Fußballstar des Iran – Natalie Amiri lässt sie zu Wort kommen und zeigt uns die unerwarteten Facetten der muslimischen Republik Iran.
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Zur Autorin
Zwischen Perserteppichen und Bio-Gemüse wuchs Natalie Amiri, 1978 geboren, im gutbürgerlichen München auf. Die Tochter einer Deutschen und eines Iraners studierte Diplom-Orientalistik und Islamwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) führte sie an die Universitäten von Teheran und Damaskus. Seit 2011 vertritt sie die Korrespondenten in den ARD-Studios des BR, unter anderem in Istanbul, Athen und Rom. Seit 2014 moderiert sie den „ARD-Weltspiegel" aus München sowie das BR-Europa-Magazin "Euroblick". Ab 2015 leitete Natalie Amiri das ARD-Büro in Teheran. Im Mai 2020 wurde sie vom Auswärtigen Amt gewarnt, aus Sicherheitsgründen nicht mehr in den Iran einzureisen und musste daher die Leitung des Teheraner Fernsehstudios abgeben.
11:01 13.03.2021
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