Die Juden von Kaifeng

Heisoku-Dachi „Deine Pläne sollen dunkel und undurchdringlich sein wie die Nacht, und wenn du dich bewegst, dann stürze herab wie ein Blitzschlag.“ Sunzi
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Puma Park folgte mir bis auf die Pisten von Fai della Paganella. Sie war eine Meisterin des Gōjū-Ryū Karate und eine Schülerin von Honoka Yukishiro Sensei, deren Dōjō auf einem Gipfel des Hida-Gebirges nur aus der Luft zu erreichen gewesen war. Nach dem Tod von Honoka Yukishiro Sensei hatte man den heiligen Ort in die Luft gesprengt, um ihn von jeder Profanisierung zu bewahren. Obwohl Puma Park, die sich in Japan Kanon Takeshi nannte, und mit der Yakuza und der Japanischen Roten Armee verbunden war, Karate in seiner höchsten Form beherrschte, hatte sie das seelische Portfolio einer Hafenschnalle aus der Freihandelszone von Kingkong, die schon morgens um zehn blau ist von chinesischem Schnaps, den irgendwer aus dem Gelben Meer gefischt hat. Das Verbrechen kochte in ihrem Blut. So kam sie nach Deutschland, wo sie ein Terrorteam zusammenstellte, das sie Katholische Feministische Liga (KFL) nannte. Sie vermietete ihre Anhängerinnen an das Institut für militanten Humanismus, dessen Chef, Fips Deppert, (ermittlungskurz Depp) zeitweise ihr Geliebter war. Unter ihren Gegnerinnen waren so profunde Persönlichkeiten wie Jakarta Arizona und Angel Burroughs. Zu ihren Verbündeten gehörte Emma Steel, die Leibwächterin des Paten von Gelnhausen Ayat. Ayats Frau pflegte gemeinsam mit mir einen Peter Handke Kult. Mein Name ist Hilmar Morlock. Ich unterrichte Deutsch und Geschichte. Mein Arbeitsplatz ist das Grimmelshausen Gymnasium zu Gelnhausen.

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Wir müssen über so vieles reden. Vera und ich logieren als einzige Deutsche unter Italienern und Schweizern im Panorama Hotel von Fai della Paganella. Im Haus gibt es drei Pools und einen Kraftraum. Stundenlang habe ich den Sportbereich für mich nicht ganz allein. Ein paar kaum beschäftigte Physiotherapeutinnen wuseln herum. Hochschwangere tasten sich durch ihre Sonderprogramme. Rekonvaleszenten humpeln zu ihren Anwendungen. Eine chinesische Bodybuilderin nutzt die Freiräume effektiver als ich.

Fast alle Gäste sind in wenigstens fünfköpfigen Familienverbänden zum Skilaufen angereist. Sie schwärmen nach dem Frühstück aus und kommen nachmittags zurück. Dann schälen sie sich aus perfekten Monturen und hüllen sich in die weißen Hotelbademäntel. Sie belegen die Liegestühle an den Beckenrändern im Mallorca Modus und fotografieren sich gegenseitig mit Tablets. Ab und zu zieht eine Mutter den Flausch vom Bein und steht dann so kurz vor dem Planschen erst einmal mit nahezu nacktem Arsch im Blitzlichtgewitter. Man erkennt Nicht-Italienerinnen an ihren Badehosen.

Alle jungen Frauen sind schwanger und schon Mütter. Auf dem Hotelparkplatz und in der Garage stehen keine billigen Autos. Der italienische Mittelstand wirkt proper und zufrieden. Man beachtet uns kaum. Die Schweizer im Hotel halten sich an die Italiener; nur ein Barkeeper interessiert sich für uns, weil wir seine Schätze zu schätzen wissen.

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Wir sind die einzigen, die abends an der Bar zuschlagen.

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Wir sind die Ältesten. Ich kenne Vera zeit ihres Lebens. Ich war dabei, als ihr Vater sie und seine Frau aus dem Krankenhaus holte, in einem himmelblauen VW-Variant mit klopfendem Motor und vollem Aschenbecher. Doktor Balthus Schimsky, ein vom akademischen Dünkel gerittener Biologielehrer und Entomologe (und besessener Waldläufer und misogyner Totholzfanatiker), ein Irrwisch der Gelehrsamkeit und grausamer Familienvater, qualmte auf der Heimfahrt den Säugling mit Rothhändle ohne Filter voll. Er sah in mir einen Ersatzsohn. Erna Schimsky verführte mich zehn Jahre bevor ich mich in ihre Tochter verliebte. Vera heiratete fast noch als Schülerin einen Optiker, der aussah wie Philipp Roth und einen Porsche 911 fuhr. Das war der Syrer Ayat, den die meisten in unserer Gegend für einen arabischen Muslim halten, obwohl er ein jüdischer Kurde ist. Eine millionenschwere bürgerliche Fassade verstellt den Blick auf seine herausgehobene Stellung in einem global operierenden kriminellen Klan – eine im Irak, im Iran, in Syrien, Israel, Weißrussland, Georgien und Deutschland grassierende Großfamilie wie aus dem arabischen Bilderbuch von Neukölln.

So kann man sich täuschen. Ayat fördert die Freundschaft seiner Frau zu mir. Ich kann ihm nicht gefährlich werden, besetze aber den Platz eines Gefährders. Während er immer noch Sex mit Vera hat, bleiben Vera und ich im Schweißband nächtlicher Nähe körperlich gleichgültig. Wir haben füreinander keine Erregung mehr übrig. Erotisch beschäftigt werde ich von Puma Park, die mich schon morgens um sechs beschleicht. Ich mache meine Wassergymnastik, Bewegungen eines alten Mannes, der sich über seine Lebenskraft hinaus (nach Rezepten einer Hygieneschule des 19. Jahrhunderts) in Gang hält. Noch liegen die Becken im Dunkeln. Ich nutze den Auftrieb und genieße die Leichtigkeit im Wasser. Um sieben flammt das Betriebslicht auf.

Die Schwangere erscheint ziemlich pünktlich. Sie tappt in das größte Becken und bleiert darin. Sie findet sich peinlich. Sie grüßt nicht, zeigt aber ein verkapptes Interesse. Im Speisesaal sehe ich sie nie. Nach neunzig Minuten im Wasser, wechsele ich für dreißig Minuten auf ein Laufband im Kraftraum. In meinem Rücken strapaziert die Chinesin eine Kraftstation (Multi Gym). Ständig kracht die gezogene oder gedrückte Last auf ruhende Elemente.

Ich beobachtete die Chinesin an der Kraftstation.

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Aus dem Off

Hilmar beobachtet Sin-Li so wie Sin-Li ihn beobachtet. Sie gehört zum Institut für militanten Humanismus und unterstützt auch Puma Parks Katholische Feministische Liga (KFL). Sie war vor der Pik Dame die Geliebte jenes Flo Lekrem, nach dem das Lekrem Dilemma benannt ist. Sie dient ferner Ayat als Kundschafterin.

Die Schwierigkeit besteht darin, das Ungezielte ins Gezielte zu verwandeln, das Unglück in den Sieg. So zeigt sich die Kunst der Ablenkung darin, einen langen gewundenen Weg zu nehmen, nachdem man den Feind fortgelockt hat, und das Ziel vor ihm zu erreichen, obwohl man nach ihm aufgebrochen ist. Sunzi

Wie passt eine Chinesin in Ayats kriminelles Gesamtkunstwerk? Natürlich ist Sin-Li eine Nachfahrin von Bill Lee, der in Kingkong Texas Thunderbolt den Unkenrufen der Alten zum Trotz ein namenloses Gong-fu beibrachte, das auf der Weißen Kranich Faust fußt und von Texas mit Gōjū-Ryū Karate verlinkt wurde. Man muss nur weit genug in der Geschichte zurückgehen, um zu sehen, dass Vorfahren von Sin-Li und Ayat Tür an Tür aufgewachsen sind. Ich habe schon erzählt, dass Ayat ein Erbe des Hauses Omri ist. Das Haus Omri aber war das Nordreich Israel. Nach seiner Zerschlagung zogen jugendliche Freischärler, die man heute zu den verlorenen Stämmen rechnet, nach Opis wegen der Clubs und eines ungebremsten Sexdrives. Man nahm Drogen auf offener Straße, schoss in den Saloons herum, ließ sich großflächig tätowieren und frönte einer orientalischen Spielart des Frühkommunismus.

Opis lag am Tigris nahe dem heutigen Bagdad. Von da zogen die Kommunarden nach Babylon. Nach der ersten babylonischen Eroberung Jehudas 587 Jahre vor den Ereignissen in einem Stall zu Bethlehem verschleppte Nebukadnezar II. die High Potentials von Jerusalem in seine Hauptstadt am Euphrat. So begann die jüdische Diaspora. Tausend Jahre lag befruchtete sie Mesopotamien, bevor der Islam auch nur losging. Bis zu einer Massenauswanderung in der zeitlichen Umgebung der israelischen Staatsgründung bewahrten Juden im Irak die Erinnerung an ein Goldenes Zeitalter.

Achthundert Jahre nach dem bekanntesten Erlass von Kaiser Augustus wurde Bagdad als Hauptstadt des Kalifats gegründet. Die irakischen Juden, die sich nach 1842 in Shanghai niederließen, nannte man Bagdad-Juden. Der Vertrag von Nanking veranlasste 1843 auch die Brüder Shafiq und Saeed Herdoon (nicht zu verwechseln mit den Hardoons) zur Gründung einer chinesischen Niederlassung. Sie revolutionierten den Opiumhandel. In diesem Business bildeten irakische Sepharden ein Bollwerk in dem maroden Weltreich. Sie blieben weitgehend unter sich und zeigten keine Neigung, sich zu assimilieren. Allerdings ergaben sich Berührungen mit Chinesen in Kaifeng, die sich für Juden hielten. In der alten Kaiserstadt am Gelben Fluss war 1136 die erste Synagoge errichtet worden. Die jüdischen Patriarchen lebten polygam. Der jüdischen Hausfrau stellten sie so lange autochthone Konkubinen zur Seite, bis sie physiognomisch von Chinesen nicht mehr zu unterscheiden waren. Sie hatten auch schon lange keinen Rabbiner mehr und ihre bei einem Erdbeben mit anschließender Überschwemmung zerstörten Synagoge nicht wieder aufgebaut. Nun erwogen die Brüder Shafiq und Saeed an langen Abenden, mit wie viel Recht sich diese Nachkommen von nichtjüdischen Chinesinnen für Juden halten durften.

Die Mutter gibt die jüdische Identität weiter. Die meisten Mütter dieser auch irgendwie lost gegangenen Gemeinde waren keine Jüdinnen gewesen. Sie hatten zu den Unterworfenen in den Haushalten gehörte; zum Gesinde, wenn nicht zu den Sklavinnen. Viele wurden von den Hausfrauen als Bilha oder Silpa ihren Gatten ins Bett gelegt zum Ausgleich einer Unfruchtbarkeit. Die Erstrangigen nahmen die Kinder als ihre eigenen wie Rahel den Naphthali und Lea den Asser.

Waren diese Halbchinesen Juden nach der Halacha, weil eine Jüdin sie angenommen hatte?

Und wenn so ein Naphthali eine Jüdin zu heiraten die Gelegenheit bekam und die ihm nach beachtlicher Gebärleistung endlich geschwächt eine Bilha unterschob und den nächsten Naphthali an Sohnes statt nahm, war der dann wieder Jude?

Vielleicht ignorierten die Juden von Kaifeng auch das mütterliche Abstammungsprinzip im Zuge einer regionalen Verwilderung (oder Anpassung). Die Gründerväter zu König Davids Zeiten hatten alles geheiratet, was zu ihren Plänen passte, ob Dingsbums oder Philisterin. Sie nahmen ägyptische, libysche, assyrische und aramäische Frauen und zeugten mit ihnen legitimen jüdischen Nachwuchs.

Das war das Gegenteil von matrilinear. Kann sein, sagte Saeed bei einer guten Tasse Tee Achtzehnhundertschnee, dass die Leute am Gelben Fluss in der vierten Einwanderungsgeneration von der Mischna nur noch so viel wussten, dass sich am Mutterrecht argumentativ herumschrauben ließ.

Um einen Vergleich heranzuziehen: Nach der Abschottung Japans und dem Verbot des christlichen Glaubens im 17. Jahrhundert entstanden Untergrundkirchen, die bis in die 1850er Jahren ohne äußeren Zuspruch und klerikale Autorität in animistischer Manier am Kreuz festhielten.

Reliquien verkamen zu Fetischen.

Warum soll so etwas nicht auch in Kaifeng geschehen sein. Es hätte für jede Variante historische Beispiele gegeben. …

Jedenfalls kann sich Sin-Li auf eine Verwandtschaft mit Ayat berufen. Sie drückt hundertdreißig Kilo auf der Bank. Sie hat aus ihrem Busen Panzerplatten gemacht und ist stolz darauf. Überheblich mustert Sin-Li den alten Sack auf dem Laufband. Sie könnte ihn mit einem Hantelscheibe erschlagen und das Lied wäre zu Ende.

Morgen mehr.

11:13 10.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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