Die kollabierte Mauer

Divided Cities Festival Der Architekt Anh-Linh Ngo sprach im Berliner Literarischen Colloquium von der „kollabierten Mauer“.
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Der Architekt Anh-Linh Ngo sprach auf dem Rewriting the Map-Festival: Literature and Urbanism in Divided Cities im Berliner Literarischen Colloquium von der „kollabierten Mauer“.

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Am Ende der Blockkonfrontationen kollabierte die Mauer. So schildert Anh-Linh Ngo eine Performance der Geschichte, die Francis Fukuyama zu der Fehldeutung „vom Ende der Geschichte“ hinriss.

Es war alles falsch. Die Vorhersagen der Auguren vor Neunundachtzig mit ihrem Aporie-der-Avantgarde-Gedöns genauso wie die blühenden Behauptungsgipfel danach. Die Grenze hatte sich in den Köpfen etabliert. Da kollabierte bloß die Vernunft. Das sehen wir heute. Jahrzehnte nach dem Mauerfall gehen die Investitionen in die Perpetuierung der Gegensätze.

Vereinigung in Gegnerschaft

Nach Jahren der Annäherung, ist jetzt jeder wieder in sein Dorf zurückgekehrt. Vor meiner Sensibilisierung hätte ich noch Kraal geschrieben. Adorno war noch nicht so weit, als er sagte: „In diesem Krahl hausen die Wölfe.“ So sprach er über Hans-Jürgen Krahl, einem Kind der CDU, das im Sozialistischen Deutschen Studentenbund so richtig nicht geläutert wurde, weshalb es als Konterrevolutionär und Agent des Klassenfeindes bei jeder Gelegenheit im Ffm-Bockenheimer Wirtshaus „Doktor Flotte“ bis an die Grenze zur Besinnungslosigkeit soff. Man pumpte ihm den Magen aus, dann kehrte Krahl gleich wieder ein und spielte den Toten Mann auf des alten Seemanns Kiste.

Anh-Linh Ngo beschreibt Berlin ab Neunundachtzig als Schauplatz einer Konfrontation zwischen den Chancen einer neuen Politik & Kultur und einer massiven Neoliberalisierung der politischen Instrumente. Erst dieser Clash, so Anh-Linh Ngo, machte Berlin zur Weltstadt. In der, das sage ich, ein rückwärtsgewandter Identitätsdiskurs geführt wird. Die Zukunft kratzt das nicht. Sie hat Zeit.

Soziale Oasen

Keine Zeit haben die Leute in Mostar. Die Stadt hat mit Berlin eine unsichtbare Mauer gemeinsam. Die Teilung ist taufrisch als Folge des Kriegs von 1992 bis 1994. Manche Straßen haben eine bosnische Ost- und eine kroatische Westseite. Das berichten Marina Đapić und Mili Đukić, die sich auf antifaschistische Kunst im öffentlichen Raum spezialisiert haben. Vor dem Krieg sei der öffentliche Raum ein Hort „sozialer Oasen“ gewesen. Seither veränderte sich die „visuelle Identität“ drastisch. Die Gegnernähe schlägt dem Behagen auf den Magen. Architektonische Erinnerungen an die kaiserlich-königliche Großösterreich-Epoche und an die kommunistische Ära stehen ohne kommunale Kodifikationen wie in einem geschlossenen Freilichtmuseum im Raum. Ein segregierte Stadtgesellschaft widerspricht grundsätzlich dem Gemeinsinn.

Seit 2012 findet in Mostar ein Street Arts Festival statt, dessen subversive Ladung eine Antisegregationskampagne ist. Das war im LCB oft zu hören: Wir unterrichten alle Kinder. Wir fragen nicht nach der Herkunft. Die artistischen Interventionen überschreiten die Demarkationslinien, überschreiben/-malen faschistische und nationalistische Symbole im Geist einer neuen Gemeinschaftlichkeit und der Befreiung Mostars vom Pathos des Martialischen. Die Aktivistinnen sprechen von Marken einer neuen Realität. Inzwischen sei die Stadt eine der größten open-space art galleries in der Region.

Das ist eine wirklich großartige Guerillapolitik. Sie braucht kein Morgen für ihre Hoffnungen. Die Zukunft ist da.

Bald mehr.

09:11 31.07.2019
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