Die letzte Sillkock

Am Bodden Über der Wasserlinie verliert der Himmel sein brennendes Morgenrot
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„Das Gemeinsame ist wahr, das Ähnliche ist falsch.“ Georges Braque

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Über der Wasserlinie verliert der Himmel sein brennendes Morgenrot. Das Jagdspiel der Wolken spiegelt sich. Das ist eine Urszene meines Lebens. Solange ich zurückdenken kann, nimmt mein Tag an einem Fenster mit freiem Blick auf den Bodden Gestalt an. Jeden Morgen komme ich auf meiner Reise ans Ende der Nacht da an. Ich habe die Welt mit diesem Fensterauge zu sehen gelernt.

Seit ein paar Jahre trage ich Nachthemden meiner Stralsunder Großmutter. Die Leinenstücke gehörten zur Aussteuer und stammen aus der Hand einer Greifswalder Weißnäherin. In der Hochzeitskollektion war auch ein Totenhemd. So praktisch war der Begriff vom Leben.

Gorki kreuzt auf, um in meinem warmen Bett einzukehren. In der dunklen Küche erwartet mich mein Weimaraner Gogol. Ich schlage die Läden zurück. Licht schießt über die Dielen und geht dramatisch die Wände hoch in einem Haus, dessen Grundstein zu einer Zeit gesetzt wurde, als man Schiffsführer noch nicht Kapitäne, sondern niederdeutsch Meester nannte. Ich komme einem mutmaßlich verwegenen Meester Finn Sillkock nach, der in der Zeit von 1728 bis 1761 zur See fuhr. Mit meinem Urgroßvater endete die Seefahrerdynastie knapp im 20. Jahrhundert. Mit mir hört alles auf. Ich bin die letzte Sillkock der Kommandantenlinie. Lange gefiel mir die Schlusspunktstellung. Vor ein paar Jahren verlor sich die Leichtigkeit des Verzichts im schmerzhaften Bedauern.

Flora Danica

Solange ich noch ausführliche Geldarbeit nötig fand, begann mit dem ersten Kaffee die heilige halbe Stunde nicht unbedingt absoluter Ungestörtheit. Liebhaber waren zugelassen. Inzwischen sind Störungen selten. Ich sehe Tillmann nicht gern am Morgen. Er steigt mir zu zackig in den Tag.

Tillmann ist ein zwanghafter Planer; ein Mann der Programmpunkte, Google-Recherchen, Facebook-Offenbarungen und spitzfindigen Freizeitziele. Kein Gemarkungsstein ist vor ihm sicher. Seine letzten Vorgänger waren abends schon nur noch selten auf eine angesoffene Weise zu bequem, um heimzufahren. Sie blieben dann mehr oder weniger ungebeten über Nacht. Das lief so leger ab, dass ich mich nicht herausgefordert fühlte. Bei Tillmann will ich ständig mit dem eisernen Besen kehren, obwohl er sich keine Missachtung meiner Souveränität nachsagen lassen muss. Tatsächlich ist er der höflichste Bettgenosse in meiner langen Laufbahn als Geliebte. Trotzdem ging mir nie einer so auf die Ketten. Tillmann bestätigt sämtliche Vorurteile. Ja, ich finde seine Attitüde westdeutsch, so wie ich ihn auch oft westdeutsch verkrampft finde.

Gestern Abend hätte ich ihn beinah vor die Tür gesetzt. Bei meiner High-Tea-Zeremonie, die ich auch sehr gern mit mir allein durchziehe, rammte Tillmann den Kannenkragen gegen einen Tassenrand. Die Beschädigung einer Kostbarkeit aus der ältesten Flora Danica Kollektion verzeihe ich ihm nie. Seine Achtlosigkeit gegenüber einem Kleinod, das Sturmfluten, Kriege, Seuchen und Familienkatastrophen in Jahrhunderten dank weiblicher Sorgfalt unblessiert überstanden hatte, brachte mich zum Kochen. Ich bin keine Dulderin. Ich stecke nicht zurück. Ich habe das nicht verdient: diese dämlichen Männer in all ihren Verkleidungen.

Bald mehr.

10:15 13.09.2021
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