Die meisten Männer vögeln lausig

Anna Rheinsberg Ich komme nicht aus dem Kleinbürgertum, sondern tatsächlich aus dem Proletariat und war früh der radikalen Linken verbunden.
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Aus meinem Briefwechsel mit Anna Rheinsberg

Ich hatte Anna Rheinsberg berichtet, dass ich nur bei Aldi einkaufe. Nicht erzählt hatte ich ihr, dass ich da nur Champagner und Schokolade kaufte. Alles andere kaufte ich in Kneipen. (Siehe „Die Kneipe als Lebensmittelpunkt“.) Ich dachte in Zechen. Meine Vorstellungen von preiswert glänzten in ihrer Eigentümlichkeit.

Anna Rheinsberg schrieb zurück:

Nur Aldi ist auch nicht schön. Soll ich das überhaupt glauben, lieber Jamal Tuschick? Übrigens hatte ich schon lange vor, Sie zu kontakten und hatte auch Peer Schröder, den ich viele Jahre kenne, vor geraumer Zeit einmal nach Ihnen gefragt. Sie haben pointiert „Liebe Hanna Deine Anna“ besprochen.

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Die meisten Männer vögeln lausig. Warum wir trotzdem nicht lesbisch geworden sind? Der Briefwechsel zweier streitbarer Autorinnen

Selten wird man gut unterhalten von einem - aus der Intimität der Zwiesprache gelösten - Unterfangen, das ursprünglich darauf angelegt war, Dritte auszuschließen. Nicht bestätigt wird diese Erfahrung von einem Briefwechsel zwischen der Hamburger Verlegerin und Autorin Hanna Mittelstädt und der in Marburg lebenden Autorin Anna Rheinsberg. Diese Post birgt - über den Zeitraum eines Jahres - unangestrengte, gleichwohl durchdachte Selbstauskünfte von Menschen, die sich für jede Nullachtfünfzehnlösung zu schade sind. Das herzlichste Verhältnis verbindet die Frauen, die sich am Anfang der Korrespondenz nicht näher zu kennen scheinen. Es kommt dem Leser so vor, als würden sie sich lesend erst richtig kapieren. Keine will die andere langweilen. Beide hebt der Sinn für einen schwungvoll-eleganten Umgang mit den eigenen Idiosynkrasien. Macken werden poliert. Indiskretionen begeht frau, wenn dabei ein Bonmot rausspringt. Für derartige Kommunikation gibt es prominente Vorbilder, die bedacht werden. Die Autorinnen teilen Leseerlebnisse mit, leihen sich Bücher, beschenken sich mit Fotos. Hanna Mittelstädt kniet in Arbeit: "Durch Inge Vietts Autobiografie ist hier der Teufel los". Beide Frauen schwimmen gern, die eine in öffentlichen Bädern, die andere in Seen. Beide tanzen, die eine expressiv in der Frauenpowergruppe, die andere Salsa. Beide reisen, die eine nach England, die andere nach Schottland. Letzte Fragen werden erörtert: "Warum sind wir nicht lesbisch geworden?" Anna Rheinsberg schreibt unterdessen ein Buch. Gelegentlich kommt es zu Lesungen in ihrer Gegend. Sie kommt auch nach Kassel in die "Werkstatt", einem literarischen Veranstaltungsort mit Anthroposophen-Appeal. Eine Wendeltreppe führt in den Keller, wo vorgetragen wird. Dort trifft sie die Sturmspitze der nordhessischen Regionalisten: Hans Horn, ein Schriftsteller, dessen Entdeckung noch aussteht. Eine andere Kasseler Geschichte mit hanseatischer Abzweigung schimmert durch: Sie betrifft Michael Kellner, der in den Siebzigern Allen Ginsberg nach Kassel holte und später in Hamburg einen Verlag aufzog. Anna Rheinsberg wirkt bodenständiger, skeptischer als Hanna Mittelstädt. Ihre Urteile fallen harscher aus: "Die klassische männliche RAF-Figur" war "ein eigenartig fauler Männertyp". Mit zunehmender Vertrautheit schleicht sich bei ihr ein gereizter Ton ein. Der Freundin mutet sie Wahrheiten zu, liest ihr die Leviten. Sie erklärt das Leben, fragt auch mal: "Bin ich zu schroff?" Sie bekennt sich zu einer Vergangenheit - mit singulärem Gegenwartsbezug im Regionalexpress - als rasch zuschlagende Frau. Wenn damit ein Mann renommieren würde, wär sofort Schluß mit lustig. Dennoch ist Hanna Mittelstädt jene, die ihre (Revolutions-)Träume an das größere persönliche Risiko gekoppelt hat. Sie war im Dschungel bei indianischen Freischärlern. Ihren Mut begründet sie an anderer Stelle: "Es ist mir zu fleischlos, das Erleben in die Phantasie zu verbannen". Ihre politische Utopie ebenso wie alle abgelebten Hoffnungen verhandelt sie in einem Zusammenhang mit menschlichen Beziehungen, oft zu Männern. "Mein Leben ist ein Gefäß, in das jeden Tag von neuem mehr Inhalt gepreßt wird". Die Hinfälligkeit aller Maßnahmen vor dem Wunder der Entzückung ist für sie ein Thema. Andererseits pflegt sie Klausurfantasien. Ihre Einsamkeitssucht veranlaßt die andere zu Ermahnungen. Letztlich sind es aber hier und da auf Verausgabung angelegte Existenzen, die zur Sprache kommen. Keine Autorin scheint eine Chance zu haben, ihren Entwurf unversehrt durchzusetzen. Polarforscherinnen könnten sich so unterhalten, nachdem der letzte Schlittenhund verreckt ist. Man ahnt, daß in den Briefen erzählende Prosa vorbereitet wird. Bei Hanna Mittelstädt ist die Differenz zwischen ihrer Post und den Publikationen manchmal verblüffend gering. Normalerweise kriegt mann nicht mit, wenn sich Frauen über Männer auslassen. Schon deshalb lohnt diese Lektüre. Anna Rheinsberg und Hanna Mittelstädt besprechen offenherzig ihren erotischen Status quo. Anna Rheinsberg, ohne großes Federlesen: "Die meisten Männer vögeln lausig". ... Seelisch betrachtet sind Männer Idioten". Hanna Mittelstädt gestattet sich die Verehrung von Subcomandante Marcos und "Subsub" Moises, "obwohl der Typ so klein ist".

Weiter im Brief

Auch Frau Chotjewitz-Häfner, die vor 2 Wochen gestorben ist und mit der ich eng befreundet war, hat mir von Ihnen erzählt. Selbstverständlich habe ich Ihr Buch über die schönen Zwillingsschwestern zur Kenntnis genommen, ich hoffe, Sie/Ihr hattet damit Erfolg.
Ich bin immer wieder in Frankfurt. Die nächsten Tage fahre ich aber in die Südheide zu meiner Brut, ich habe einen Sohn und zwei Enkel, auch noch Mutter und Vater.

Ich gehörte nie zu der Beatnik-Fraktion, auch nicht zu FALK; ich kannte/kenne sie alle; ich komme anderswoher, nicht aus dem Kleinbürgertum, sondern tatsächlich aus dem Proletariat und war früh der radikalen Linken verbunden. Na, Schwamm drüber. Einstweilen gute Tage, sicher sehen wir uns, ich grüße Sie, Anna Rheinsberg

Morgen mehr.

11:06 03.06.2018
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