Die neuen Nachbarn

Literatur Barbara Pym plaudert hinreißend aus dem Giftschränkchen & Nähkästchen einer Pastorentochter im zerschlagenen London Ende der 1940er Jahre.
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Sie hat die Angriffe der deutschen Luftwaffe auf London erlebt. Wenige Jahre nach Kriegsende führt Mildred Lathbury ein Mauerblaukissendasein in der versehrten Kapitale des verdämmernden Empire. Ledig geblieben zu sein, ist ein Makel, dem die nun dreißigjährige Pfarrerstochter den Vorzug gibt. Sie empfindet „die Liebe als etwas Furchtbares“.

Barbara Pym, „Vortreffliche Frauen“, Roman, aus dem Englischen von Sabine Roth, 349 Seiten, 22,-

Ihrer Eitelkeit gestattet sie wenig. Gewiss könnte niemand noch weniger putzsüchtig sein, doch nutzt Mildred Anlässe, um ein bisschen Staat zu machen.

„Meine Kleidung eine Spur weniger trist.“

Barbara Pym erzählt das so, dass man es sich sehr gut vorstellen kann. Die Selbstdisziplin, die Einsamkeit, die vermodernden Gemeindehauswände, die Gerüche der Armut, die Nachrichten aus den überseeischen Kolonien, die Klatschgesellschaft „vortrefflicher Frauen“ im Dunstkreis der Kirche als ungenügender Trost für ein mit den besten Vorsätzen verfehltes Leben …

The road to hell is paved with good intentions.

Die Nachmittagsfreuden des Tees/

Zeitgenössische Buntglasbläser/ untergegangene Jahrgangsgenossinnen/ Strickereien & Stickereien spielen zusammen in einem Ensemble der Zurückhaltung.

„Also machte ich mich daran, das kleine Gästezimmer herzurichten, stellte eine Vase mit Narzissen auf den Kaminsims und holte die nutzlosen kleinen Gästehandtücher mit der Stickerei heraus.“

Monster der Vitalität

Nicht zurückhaltend sind Mildreds neue, den Erzählanlass stiftenden Nachbarn. Diese Monster der Vitalität stoßen die Eingesessene mit unverblümten Meldungen aus der Fäkalsphäre vor den Kopf. Das Gediegene und Getragene ist ihnen fremd. Die Rede ist von der attraktiven Anthropologin Helena und dem charismatischen Offizier Rocky, den Mildred gegen ihren Willen anhimmelt.

Rocky entspricht einem Ideal. Dem Kampf gegen die Deutschen lieh sein Typus das Siegerimage. Man ist sich ziemlich sicher, dass er im Krieg ein Verhältnis mit einer Italienerin hatte.

Rocky schreckt vor nichts zurück. Er geht so weit, Mildred den Hof zu machen. In ihrer stillen Erregung versteigt sie sich zu Vergleichen von verblichenen Gatten mit Teekannen.

Man ersetzt einen Mann „so wie man eine neue Teekanne kauft, wenn einem die alte zerbricht.“

Rocky erkennt den Scharfsinn der Verschmähenden. Er lockt Mildred aus der Reserve und bringt sie aus der Fassung.

Ich bin hingerissen von Pyms Schilderungen post-viktorianischer Szenen im Abendglanz einer Epoche. Plötzlich hebt das Schwungrad des Lebens Mildred hoch. Sie bilanziert:

„Die Männer sind nicht annähernd so arm und hilflos wie wir uns das gern einbilden.“

09:19 21.06.2019
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