Die Polis Hacker von Tora Bora

Teichmanns Aufzeichnungen Loriots Partnerin Evelyn Hamann übernahm gerade von Barbara Dickmann die Aufgabe, den Abend für Fernsehdeutschland in Gang zu halten ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Yachthafen von Göttingen

Eingebetteter Medieninhalt

Im April Sechsundachtzig befahl Reagan die Operation El Dorado Canyon. Seine Luftwaffe bombardierte Libyen. Eine Serie restlichtverstärkter Bilder ersetzte dem Zuschauer die Realität und schuf ein neues Design der Wüstenkriegsberichterstattung. Es folgte das nukleare Menetekel Tschernobyl, ich trennte mich von Sina, die dann noch lange nicht einschlafen konnte, ohne ein getragenes T-Shirt von mir anzuhaben oder vor ihrer Nase zu kneten. Wir trafen uns im alten „Kadenz“ gleich neben der „Sonderbar“, ich überließ ihr den Stoff und sie revanchierte sich mit Lunch Boxes voller gefüllter Paprika. Mit Liebe zubereitet. Jemand hatte ihr den Jobhahn abgedreht, so dass Sina viel Zeit in der Küche verbrachte. Man hätte das sehr traurig finden können, aber wir waren jung und hoffnungsstark.

Wer sich trennt, muss ausziehen.

Beim Auszug aus unserer Wohnung in der Sternstraße verlor ich die Fernbedienung. Von da an stand der heilige Fernseher in Reichweite neben meiner Matratze. Michaela war das zu nah, es verstimmte sie, wann immer sie bemerkte, wie egal mir ihr Programm war, aber dann fand sie egal auch wieder geil. Michaela hatte ihr Zimmer in einem schwer beheizbaren Haus, dass linksradikale Physik- und Mathematikfriesen, die wie Brüder aussahen, eng befreundet waren, von jeher gemeinsam Handball spielten und so oft wie möglich in der norddeutschen Sturmlandschaft ihrer Kindheit und Jugend abtauchten, ordentlich gemietet hatten.

Meine Wohnung war wärmer und lag dem Zentrum näher als das Haus, das in meinen Erinnerungen von politischen Pilgern belagert wird. Die Friesen waren in jeder Richtung beschlagen. In ihren Kreisen fungierten sie als Ratsherrn. Ihre Ansagen waren verbindlich für die schwarze Avantgarde von Göttingen und Umgebung.

Michaela war mit dem Chefgenie zusammen gewesen, einem Kariescharismatiker namens Norman. Ihn und mich verband der Graben einer tiefen Abneigung. Zugleich faszinierte mich Normans Intelligenz und sein Feuer. Das war kein politisches Feuer.

Norman war eine Art Freimaurermeister – Geheimgesellschafter aus Leidenschaft.

Er bewegte sich an der Grenze zum Extremismus, wo die roten Zellen hausten. Jeder seiner engsten Freunde war brillant, aber schrullig-brillant. Nur Norman besaß die kristallklare Killerstruktur, mit der man einen Untergrund genauso regieren kann wie eine zugelassene Partei.

Norman träumte von einer kommunistischen Renaissance. Zumindest gab er das vor. Ihm gehorchten vierhundert Leute, die bei Demonstrationen methodisch vor- und Polizisten taktisch angingen und zwar so effektiv, dass wir mit Verbesserungen darauf antworten mussten.

Die Normanen handelten soldatisch, sie riefen sich mit arabischen Namen. Es gab nach unseren Erkenntnissen aber keine heißen Verbindungen zu Radikalen oder Extremisten aus dem Mittleren Osten. Die Kontakte fanden auf der Bildungsebene im Dialograhmen höchst artig statt, auch wenn die Bündnisse als unversöhnliche Interventionsassoziationen deklariert wurden.

Da passte was nicht. Auch der Linksradikalismus klammerte nicht alle und alles. Es gab flankierende Maßnahmen im bürgerlichen Lager bis hinein ins reaktionäre Spektrum. Ein bekennender brachial-konservativer Hedonist orakelte für Norman in Kolumnen wie ein Subalterner, der tut, was ihm gesagt wird.

Der politische Standpunkt bot keinen Schlüssel des Begreifens dieser Gruppe. Aus rechtlichen Gründen nenne ich sie Polis Hacker.

Nicht wenige absolvierten den Parcours eines Studienwerks und wurden darauf vorbereitet, diskursbestimmend zu wirken. Ihre zivile Seite widersprach dem Milizcharakter, den sie auf Demonstrationen bewiesen.

Ihr Erscheinungsbild wandelte sich mühelos; sie beherrschten ihre Rollen, ob als Studierende, als Demonstranten, als Aktivist*innen, als De-Stabilisator*innen, als Gesprächsteilnehmer*innen auf Podien, als Autor*innen oder als Expert*innen einer Kunst, die weh tat und in einem Institut gelehrt wurde.

Jeder Begriff, der mir in den Sinn kam, um die Polis Hacker zu erfassen, leerte sich bei dem Versuch, ihn zu füllen. Ich war zu zwei Feststellungen gekommen, die durchgehalten hatten.

Normans Leute waren überdurchschnittlich intelligent und dabei, sich überdurchschnittlich zu qualifizieren, und trotzdem absolut abhängig von einer Führung, die hinter Norman unsichtbar bleiben wollte. Normans Vater, ein kleiner Schnurrbart, gehörte zu dieser Spitze und merkelte aus Bonn, abgedeckt von dem Amt eines Staatssekretärs, die Polis Hacker. Er konnte Sicherheitsleute aus den Botschaftsaggregaten mobilisieren. Sie erzeugten lebende Bilder mit bedrohlichem Charakter, die nur für den Ermahnten sichtbar waren. Spielten da die … mit?

Die Polis Hacker infiltrierten Organe, die vor so viel Intelligenz stets von alten Schlössern geschützt gewesen waren, wie zum Beispiel Stadtmagazine, mit denen man sehr wohl Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen kann. Nur hatten die verpeilten Macher solcher Periodika oft keine Antennen für strategische Publizistik. (Sie wurden ersetzt und aus ihren eigenen Läden gelotst – betreute Entsorgung. Jede Entscheidung entsprach einer strategischen Personalentscheidung.)

Danach konnte man seelenruhig Überzeugungstäterzusammenschlüsse in Litaneien auf das Niveau von zivilgesellschaftlichen Widerstandsleistenden heben.

Ich nannte das Unterwanderungslabyrinth Tora Bora. Es war viral und fluid. Wir ahnten neue Verbrechen.

Natürlich waren meine unbeholfenen Versuche, Tora Bora zu erkunden, nicht unbemerkt geblieben. Polis Hacker hatten mich ausgespäht und abgehört und nie etwas anderes gekriegt, als den Text eines in jeder Hinsicht unterdurchschnittlichen Mannes. Ich war der Spion, der aus der Kälte kam, ein Leamas meiner Zeit.

Loriots Partnerin Evelyn Hamann übernahm gerade von Barbara Dickmann die Aufgabe, den Abend für Fernsehdeutschland in Gang zu halten, als Michaela nach meiner Aufmerksamkeit griff. Ich stieß mich an Evelyns quietschenden Darstellungen von Spießern wie du und ich. Ich bewertete die Entlarvungen als Verrat an der bürgerlichen Sache, so wie sie mir beigebogen worden war. Was war schlecht an der deodorierten Dienstbereitschaft mit dem Willen zu vorausschauendem Handeln? Was war schlecht an Bausparverträgen? Die gehobene Mittelklasse vor der Haustür und ein gepflegtes Gebiss: Worum sonst konnte es gehen?

„Du und Norman?“ fragte ich Michaela. „Wie war das?“

„Ganz okay. Ich kann nichts Schlechtes sagen. Ich weiß, dass ich Norman zu dumm und zu unpolitisch bin. Ich gehöre zu seinen Irrtümern, darauf bin ich nicht stolz.“

„Glaubst du, dass er frei ist? Dass er sein eigenes Spiel spielt?“

„Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass er irgendwo dazugehört und da angebunden ist, aber als Häuptlingssohn. Egal, wo man bei ihm ankommt, entweder ist es eine Sackgasse oder ein Vorplatz.“

Das war nicht schlecht – Sackgasse oder Vorplatz.

Ich drehte mich auf den Rücken, faltete die Hände unter den Kopf und zog ein Bein an. Michaela verstand und legte ihren Kopf auf meinen Bauch. Sie passte sich an.

Das Leben gelingt in der Anpassung oder es gelingt nicht. Auch für Norman galten Normen. Bei einer normal proportionierten sozialen Größe macht man einen Fehler dreimal. Dann geht einem die Luft aus und ein Mangel zwingt dazu, aus Schaden klug zu werden.

Norman hatte dieses Regulativ nicht. Er konnte seine Sicherheit gleichwohl nicht aus den eigenen Leistungen ziehen. Er bezog sich auf etwas anderes.

Was war das?

Bald mehr.

14:01 09.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare