Die Produktionsbedingungen der Poesie

Dichtung und Wahrheit Aus- und abschweifende Bemerkungen zu Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“ und zu Johannes Bobrowski.
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Was alle Korrekturen eint, ist ihre Nachträglichkeit

„Auch das, was dem Gedicht vorausgeht, gehört unbedingt dazu.“

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Im September 2017 rechnet Rinck täglich damit, in Istanbul zur Stipendiatin zu werden. Es gibt Verzögerungen im Geleit der Eilmeldungen, und es stellt sich die Frage, „ob es … angeraten sei, weitere Petitionen zu unterschreiben“. Die Dichterin bestimmt das Verhältnis von Befürchtungen und Erwartungen. Sie analysiert die Logik der Paranoia, nach der die schlimmstmögliche Annahme dem vorläufig schlimmstmöglichen Fall vorausgeht, so dass der Belohnungseffekt Leib und Seele hochjazzt.

Die Vorausschau wurde vom Eintritt der Ereignisse geadelt. Man scheint realitätstüchtig zu sein. Nicht unwahrscheinlicher ist, das Folgendes geschah:

„Da verkleinert sich der Raum so lange, bis er in etwa der Größe meines in die Enge getriebenen somatisierenden Körpers entspricht.“

„Herrje, da kippen wir jetzt einen Würzling drüber.“

Monika Rinck, „Champagner für die Pferde – Ein Lesebuch“, 526 Seiten, 24,-

Das gute Gedicht führt beide Ansichten eines Zustandes zusammen. Die Dichterin kompiliert die Spannweiten des Davor und Danach. Sie erkennt, dass die Angst vor einer türkischen Repression von Unwägbarkeiten der Haushaltsführung unterwandert wurde.

„Es hatte sich ein Raum aufgebaut, in dem ich nicht mehr frei denken konnte.“

Joyce schreibt: „Nacht für Nacht war ich am Haus vorbeigegangen … und hatte das erleuchtete Viereck des Fensters studiert: und Nacht für Nacht hatte ich es auf dieselbe Weise erleuchtet vorgefunden, schwach und gleichmäßig.“

Rinck antwortet: „Meine Vorstellungskraft überraschte mich Nacht für Nacht mit neuen Szenarien. Das Visum kam nicht. Die Tage gingen vorüber, als würde keine Zeit vergehen, und ich geriet aus dem Tritt.“

Die Produktionsbedingungen der Poesie

Die Grenzen zwischen der Poetisierung des Lebens und der Poesieproduktion verschwimmen. Rinck denkt darüber nach und bleibt bei einer Arbeitsplatzbeschreibung hängen.

Wie leben fleißige Dichterler? fragt die Dichterin. Die Erweiterung des Dichters zum Dichterler versteht sich nicht von selbst. Vielleicht habe ich die Erklärung überlesen. Rinck spricht die „steifen Beine“ lang Sitzender an. Sie rückt die Dichterexistenz in einen Rahmen der sozialen Unverträglichkeit. Die Konzentration auf das Wort schließt vieles aus. Sie verändert die Welt für den Konzentrierten.

Rinck zitiert H.C. Artmann, der aussagte, man könne auch eine Dichterin ohne Werk sein. Verweilen wir an dieser Stelle, bevor wir dahin gehen, wo Rinck für Nero eine Lanze bricht. Ein poetisches Leben sah ich einige führen, die das jetzt, angenagt vom Rattenzahn des Alters, nicht mehr können. Sie waren selbstbezogen und bescheiden und wirkten anziehend. Man wollte mehr von ihnen wissen. Zur Verfügung standen ihnen außer Kurs geratene Wörter.

Lasen sie mit größerem Ernst als die meisten?

Ein poetisches Leben ließ sich auch alleinstehend mit Kind führen. Dafür stand Peter Handke ein. Eine große Spaziergängerin und Naturliebhaberin war jede.

Der lyrische Weltentwurf als Summe unausgeführter Ideen. Vereinzelte Besuche von Spätvorstellungen. Erinnerungen an ältere Verwandte und früh gestorbene Freundinnen. Stets sah man in einen Garten. Am Kirschbaumstamm lehnte ein Rechen. Ein schiefgesessener Campingstuhl stand im Schatten der Hecke. S. öffnete das Fenster. Der Rahmen war aufgequollen, der Auftrag splitterte. Der Griff saß nicht mehr richtig.

S. erwähnte Johannes Bobrowski, der früh ein Großvorhaben der Absicht unterstellte, „das Land zwischen Weichsel und Ural mit seinen Völkern, mit Historie und Landschaft“ in Gedichten Gestalt annehmen zu lassen.

Ein Unterfangen wie eine Talsperre.

Und jetzt kommst du, oder ich, mit was denn?

S. strich elegisch das Haar zurück. Heute nenne ich die Geste dekorativ. Doch damals erschien sie mir wie ein Zeichen Gottes und seines guten Willens.

S. blieb bei Bobrowski. Sie vermisste ihr Sarmatien. Erschien ich ihr lächerlich, da ich so weit davon entfernt war, Verluste zu melden. Die verlorenen Ostgebiete waren für mich ein ganz und gar abstrakter Begriff, kontaminiert mit jener Schuld, von der mein Vater sprach. Die Heimatvertriebenenverbände waren revanchistisch. Ihre Führer wollten die Zeit zurückdrehen.

Mein Vater kannte Bobrowski nicht. Der Dichter hatte seinen Erzählraum gegliedert. Lyrisch distanzierte er Ost- und Westpreußen von den baltischen Staaten und einem finnländischen Zipfel. Nördlich schritt er nach Schweden aus. Das Schwarze Meer entging ihm nicht. Die Ostsee aber mit ihrem baltischen Licht, die Badewanne Europas, war Bobrowskis Zentrale.

„Mir reicht“, sagte S. „zu lesen, was Bobrowski geschrieben hat.“

S. kam es besonders darauf an, dass Bobrowski eine Sprache für sich hatte, die wie ein Resonanzraum Gewöhnliches aufnahm und ungewöhnlich einkleidete.

Wir sprachen über Klangbilder, während der Nachmittag verstrich. Uns gefiel der Einfall, man müsse ein Land verlieren, um eine Sprache zu gewinnen.

S. hatte ein schmales Bett. Darin war ihre Urgroßmutter gestorben. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entsprach es der Regel, in einem Bett geboren zu werden, in dem schon gestorben worden war.

„Wir haben nichts“, flüsterte S. in mein Haar. „Wir sind verarmt.“

„Ich bin nicht arm“, dachte ich. Schon war ich zum Dissidenten geworden.

07:46 15.05.2019
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