Die rechte Hand des Scheichs

Osama Bin Laden Auf den Kopf von Osama Bin Laden waren fünfundzwanzig Millionen Dollar ausgesetzt.
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Mein Hotel lag in Shahr-e Naw; es gab Bier, Spaghetti mit Tomatensoße und Satellitenfernsehen.

Eingebetteter Medieninhalt

Wir verteidigten die Freiheit am Hindukusch, um wieder einmal Peter Struck zu zitieren. In den Hotelbars von Kabul brachten sich Journalisten auf den neusten Stand. Die Australier sahen aus wie Rucksacktouristen im Kino. Die Hollywood Backpackers erschienen so großartig wie ihre Großväter in der britischen Kolonialarmee. Sie waren größer und freundlicher als alle anderen.

Auf den Kopf von Osama Bin Laden waren fünfundzwanzig Millionen Dollar ausgesetzt.

Die Südafrikaner befragten schlankweg jeden. Sie kauften Informationen von Kindern, die Aufzüge bedienten. Die Russen traten auf wie Militärs in Zivil und konnten jede Kollegenrunde mit Intransigenz einfrieren. Die Türken waren zweifellos bei Millî İstihbarat Teşkilâtı angestellt. Sie betrachteten Osama Bin Laden als einen Religionsfanatiker, der Schwierigkeiten vor ihrer Haustür machte, aber sie waren schon nicht mehr so säkular wie noch zehn Jahre zuvor. Es waren schon welche in der ersten Reihe des Geheimdienstes angekommen, die einmal als die größten Feinde der Atatürk Republik wahrgenommen worden waren.

Solche Entwicklungen luden zur Vorsicht ein.

Die Türken engagierten sich mit Hochdruck in Afghanistan, ihre Generäle leiteten die Internationale Schutztruppe. Alle standen an einer unsichtbaren Front und konnten sich jederzeit als Kombattanten entpuppen. Die Lieblingslegende des Spions ist ein verkohlter Arsch aka Journalist auf dem Krisenherd. Wo zwischen reinen und unreinen Berufen unterschieden wird, gilt Journalismus als Pariabeschäftigung. Das staatliche Nachrichtengeschäft rangiert absurderweise darüber, obwohl es viele zu Verrätern gemacht hat.

2001 schlug sich Gulbuddin Hekmatyār auf die Seite des Scheichs

Mein Hotel lag in Shahr-e Naw; es gab Bier, Spaghetti mit Tomatensoße und Satellitenfernsehen. Der Manager war Tadschike. Ein Cousin von ihm war mein Gewährsmann. Azim begleitete mich auf meinen Ausflügen. In einer Steinwüste bei Jalalabad trafen wir Azims einflussreichsten Onkel. Die Begegnung fand in einer Senke statt, die mit dreißig weißen Toyota Geländewagen zugeparkt war.

Onkel hätte als Doppelgänger von Aiman az-Zawahiri Dorffeste beleben können. Der ägyptische Chirurg Aiman az-Zawahiri war Osamas rechte Hand. Onkels Männer waren in der Mehrzahl noch nicht zwanzig. Onkel bestand darauf, dass ich mit ihm aß. Es gab Lamm in Rosinenreis. Onkel verzichtete auf ein Besteck. Er schnaufte selbstvergessen. Seine Soldaten umstanden ihn und guckten verlegen.

Onkel gehörte zu den offiziellen Osama Jägern. Er lebte gefährlich in einer Gegend, wo ein Junge für zwanzig Dollar und ohne Schlafstörungen zum Killer wird. Osama nannte er den Scheich. Keinen Zweifel hegte er daran, dass der Scheich sich im afghanisch-pakistanischen Grenzland aufhielt. 2001 war Osama aus dem Labyrinth von Tora Bora entkommen. Er baute auf die Loyalität der Paschtunen in einer Gegend, die pakistanischen Einflüssen unterlag.

„Der (pakistanische) Inter-Services Intelligence (ISI) weiß, wo sich der Scheich aufhält. Der ISI hält die Hand über ihn, sonst wäre er längst tot.“

Ich hatte das schon ein paar Mal so und so ähnlich gehört. Wir befanden uns in einem rechtsfreien Raum. Die Macht der Kabuler Regierung reicht nicht so weit. Das amerikanische Hightech Portfolio glänzte nutzlos; die Schlupfwinkel der Paschtunen waren per Satellit nicht auszumachen.

Ein Urwald überzog die Berge von Kunar.

Plötzlich machte sich Unruhe breit. Onkel wurde flüsternd informiert. Gulbuddin Hekmatyārs Freischärler waren auf dem Weg zur Senke. Hekmatyār war 1993 afghanischer Premierminister gewesen und 1996 vor den Taliban in den Iran geflohen. Man hatte ihn ausgewiesen, nachdem sich Hekmatyār 2001 auf die Seite des Scheichs geschlagen hatte. Seitdem machte er sich in den Landkreisen der Paschtunen stark für die nächste Runde in Kabul. Offensichtlich hatten Onkels Leibwächter keine Lust auf ein Treffen mit der Guerilla. Der Aufbruch vollzog sich rasant. Ohne neue Erkenntnisse setzte ich mich Stunden später in der Hotelbar zu meinem Kollegen Charles Mason. Er hieß so nach Charles Mason dem Älteren (1804 - 1882). Der Ahnherr verbrachte sein Berufsleben als Patentanwalt im US-Bundesstaat Iowa. Man erinnert sich an ihn, weil er 1829 vor Robert E. Lee als Bester seines West Point Jahrgangs abschloss. Wie alle amerikanischen Journalisten, die mir begegnet sind, hing Mason einer konservativen Berufsauffassung an, die es ihm erlaubte mit Politikern und anderen Funktionären auf Augenhöhe und ohne selbstschützenden Spott und Abwehrallergien im Gespräch zu bleiben. Ihn unterschied wenig von den Machthabern.

Die amerikanische Verachtung

Drei Söhne und zwei Ehefrauen umgaben den Scheich in und unter den Eichenwäldern an der Grenze zu Pakistan. Er schickte reitende Boten und erhielt sich auch sonst mit einem archaischen Programm. Er hatte die Aura eines spirituellen Führers. Er war mit sich im Reinen und (auf Videos) sichtlich nicht beunruhigt von den Anstrengungen seiner Häscher.

Ihn mit westlichen Augen zu sehen, brachte keinen Gewinn. In seiner Welt war Osama ein Erlöser. Er besaß die Mittel, seine afghanischen Verfolger verfolgen zu lassen. Diese Männer lebten gehetzter als der Scheich. Sie blieben ihren Familien fern. Besuchten sie ihre Frauen, kündigten sie ihr Kommen nicht an. Sie waren auf der Flucht vor den aus Pakistan ein- und zurückströmenden Taliban. Sie hatten sich die politische Zukunft ihres Landes anders vorgestellt. Sie hatten sich verrechnet.

Der Löwe von Pandschschir

Das konnte man im deutschen und amerikanischen Fernsehen nicht verbreiten. Ein Mann wie Mason erachtete es als seine Aufgabe, den amerikanischen Standpunkt stets mit seinen Schilderungen zu synchronisieren. In erster Linie war er Patriot - America First. Mason glaubte nicht, dass den Afghanen zu helfen sei. Ihre „zivilisatorischen Defizite“ kamen nach seinen Begriffen einem Urteil gleich, das von der Geschichte gefällt worden war. Das entsprach jener Perspektive, mit der Nordvietnam in die Steinzeit zurückbombardiert worden war. Den Afghanen war die amerikanische Verachtung viel klarer als den Europäern. Der anti-amerikanische Affekt sorgte für wilde Allianzen und manche halbherzige Verbrüderung unter Totfeinden.

Mason und ich erlebten so was gemeinsam in der Provinz Nangarhar. In einem Nirgendwo jenseits von Dschalalabad beobachteten wir Stammesälteste, die das Andenken von Ahmad Schah Massoud ehrten. Der Kommandeur der Nordallianz und „Löwe von Pandschschir“ war von Selbstmordattentätern aus den Reihen des Schahs ermordet worden. Nun saßen da Leute, von denen man wusste, dass sie gegen Massoud gekämpft hatten. Das war so auf der ganzen Linie. Pakistan galt gleichermaßen als wichtigster Verbündeter Amerikas und der Taliban.

Morgen mehr.

10:29 04.04.2018
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