Die Rettungsdecke als Anker

#DieVielen #unteilbar #DieVielen und #unteilbar zeigen: „Die solidarische Gesellschaft ist möglich.“
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#DieVielen und #unteilbar zeigen: „Die solidarische Gesellschaft ist möglich.“ Das behauptete Holger Bergmann in einem Orientierungs- und Sondierungsgespräch linker Bündnisse und Aktivist*innen vor zwei Tagen auf der Bühne des Berliner HAU-Theaters. Weitere Teilnehmer*innen waren Ferda Ataman, Nikita Dhawan, Newroz Duman, Kira Kirsch und Fabian Virchow teilnahmen. Als Diskurskuratorin trat Margarita Tsomou auf.

Eingebetteter Medieninhalt

Universalschlüssel gegen Rechts

„Der Kampf um soziale Gerechtigkeit kennt keine Grenzen.“

Holger Bergmann sprach im Think Tank auf der Bühne des Berliner Theaters Hebbel am Ufer im Namen der #Vielen. Er forderte das „Europa der Vielen“ - ich baue das jetzt mal summarisch auch im Sinne anderer Beiträger*innen aus - jenseits nationalstaatlicher Kleinlichkeit und jedweden Identitätslobbyismus – in einem Rahmen, der die soziale Frage und den Rassismus gleichrangig behandelt. Kurz gesagt:

Kein Feminismus ohne Intersektionalität.

Keine linke Politik ohne expliziten Antirassismus.

Europa muss neu gedacht werden.

„Wir wollen nicht, dass sich der Diskurs nach rechts verschiebt“, sagte Bergmann vermutlich ohne sich die Passivität der Formulierung (so als schöbe sich eine Eisdecke über entblößte Alpen) zu vergegenwärtigen.

Die Vielen sind ein Verein von Kulturschaffenden. Sie formieren sich nach der Devise: „Solidarität statt Privilegien.“ – Mit dem Ziel, „neue Handlungsebenen zu entwickeln“.

„Kunst schaffen“, so Bergmann, „heißt an einer Gesellschaft zu arbeiten, die auf Gleichberechtigung basiert.“ „Zweitausend Einrichtungen“ zählen sich zu den Vielen.

„Der Verein hat die Rettungsdecke als Symbol in die Politik gebracht.“

Man erwartet einen solidarischen Sommer zum Beispiel in Leipzig und will auch in Räumen „mit rechter Hegemonie standhaft“ bleiben.

Bergmann erwähnte Institutionen, die bereits Opfer „rechtspopulistischer Attacken“ geworden seien. Man müsse „eine gemeinsame Sprache finden“, die den Gegner auf sämtlichen Ebenen ausschließt.

Das setzt eine zutreffende Gegneranalyse voraus. Denn

aus Falschem kann man alles schließen

Fabian Virchow (Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus / Neonazismus Fachhochschule Düsseldorf) sagte im Anschluss an Bergmanns Grußwort:

Die Rechte ist nicht europafeindlich. Im Gegenteil strebt sie ein transnational-weißes Festungsbündnis an. Die segregative Fraktion will zwar West- nicht aber Osteuropa in den Wind schießen. Sie bewertet territoriale Bestandshaftungsgarantien höher als Chancen, die sich im freien Austausch ergeben.

Virchow weiter: Die Rechte agiert im Modus des „historischen Optimismus“. Das lässt an den Historische Materialismus denken. Dessen Vertreter gingen mit der Unumkehrbarkeit des Geschichtsverlaufs hausieren.

„Im historischen Optimismus setzt sich das völkische Prinzip auf der Grundlage heteronormativer Geschlechterarrangements durch.“

Im historischen Optimismus gut aufgehoben fühlen sich alle, die, so Virchow, „Europa als Wiege der Zivilisation“ ansehen, das Lebensrecht ihrer Völker sozialdarwinistisch begründen, und die Vereinigten Staaten als negatives Gegenmodell apostrophieren. Solche argumentieren nationalstaatlich, sagen jedoch: Jeder einzelne europäische Nationalstaat ist zu schwach.

Virchow präzisierte die

Konstruktion des (gemeinsamen) Ursprungs

Überall, wo germanisch, keltisch, heidnisch kategorisch auftauchen, fährt die Aufklärung in völkischen Nebel. In diesem Nebel dräuen die Begründungen des „souveränen Nationalstaates“. Im Nachgang „der alten Konkurrenz der Nationalstaaten“ wünschen die rechten Europäer keine „internationalen Verträge“.

Das ist die Bruchstelle.

Ohne internationale Verträge keine gemeinsame Verteidigung.

Tsomou griff den „historischen Optimismus“ als narratives Massif central auf, dass eine genauso große, wenn nicht größere Gegenerzählung herausfordere.

Das neue Narrativ – Die große linke Erzählung – Die Gegenerzählung zum „historischen Optimismus“ völkischer Bewegungen, die sich weltweit im Aufwind vermuten.

Virchow sagte voraus, dass nach der Europawahl der rechte Block „noch handlungsfähiger“ sein wird. Auch wenn der Ideenstrauß um den Nationalstaat „mit seiner homogenen Bevölkerung“ längst so vertrocknet wie ein alter Kondolenzkranz sei, helfe dagegen kein linker Zunder, weil das Gros in politischer Apathie den Menetekelcharakter der Zeichen der Zeit nicht richtig zu deuten wisse.

Wird fortgesetzt.

09:25 04.05.2019
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