Die Sonnenfaust der Freiheit

Literatur Francesca Melandri bestimmt in „Alle, außer mir“ die Koordinaten italienischer Kontinuität auf den Achsen Faschismus, Rassismus, Kolonialismus.
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Noch auf der letzten Schwelle hält sich Attilio Profeti für unsterblich. Dass hat er sich mit neun geschworen: Alle (werden sterben) außer mir. Aus diesem Trotz ergibt sich der Titel. Doch nähert sich der Aufstand gegen die irdische Endlichkeit seinem ewigen Ende. Francesca Melandri verkündet den Tod des römischen Patriarchen in einem Vorgriff. Profeti lebt noch, vermindert von Gedächtnisverlusten, als bei seiner Tochter Ilaria der Äthiopier Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti aufkreuzt und behauptet, ein Enkel ihres Vaters zu sein. Der neue Neffe erscheint als Flüchtling. Hinter ihm liegt eine unfassbare Leidensstrecke. Attilaprofeti passierte die Sahara auf einer Schlepperroute. Er überwand „Sandgrenzen, die die koloniale Geopolitik mit unsichtbarer Tinte gezogen hat“. In Libyen erlebte er den Höllenkreis gnadenloser Gefangenschaft – ein Martyrium auf Kaskaden der Agonie. Eines Tages öffnen sich Türen und Tore und die Sonnenfaust der Freiheit trifft Attilaprofeti gemeinsam mit den Hieben der Soldaten, die das Konzentrationslager räumen. Die auf die Straße Geprügelten sind „unrein wie Schweine“. Sie verdienen nur „Schläge und Verachtung“.

Erst Jahre später begreift Attilaprofeti den Grund seiner Entlassung.

Der Tante begegnet er an dem Tag, als der italienische Staatschef Muammar al-Gaddafi in Rom empfängt und so den Wüstendiktator aufwertet. Es geht um Gas und Öl. Zum Deal gehört die temporäre Schließung der übelsten libyschen Kerker. Silvio Berlusconi steht an der Spitze einer Pyramide der Korruption. Die Mafia hat den Staat übernommen. Berlusconi verschleiert kaum, dass er sich als Erbe Mussolinis sieht. In der Beletage ist der Faschismus salonfähig.

Ilaria, links, ledig, Lehrerin, eine Bastion des Widerstands gegen die Krypo-Faschisten an der Macht, liebt mit erfüllter Leidenschaft einen Gefolgsmann Berlusconis. Ein Anruf des Abgeordneten kann Karrieren starten und beenden. Er ist ein Objekt der Begierden in einer verfilzten Gesellschaft. Ein Bruch und Plunder der Beliebigkeit verstellt alle Wege zur Integrität.

Das beschreibt Francesca Melandri als Begleitgeschehen einer Odyssee. Nach der afrikanischen Logik zählt Attilaprofeti zu den Siegern. Er hat die Wüste und das Gefängnis überlebt und ist auf dem Seeweg nach Europa weder ertrunken noch verdurstet. Nun raten ihm Auguren der prekären Migration, sich als Somalier auszugeben und die Erstaufnahmeeinrichtung von Siracusa aufzusuchen. Da wird Attilaprofeti abgelehnt. Melandri schildert den Elendsgang im Stakkato.

In Ilarias Familiengeschichte jagen sich späte Offenbarungen. Die Tochter eines Bigamisten erfuhr erst mit sechzehn von einem Halbbruder. Das Produkt eines Doppellebens ist inzwischen ihr Nachbar. Attilaprofetis Vater kann nur noch postum in der Geschwisterreihe seinen Platz zugewiesen bekommen. Der „halbafrikanische Sohn“ war Attilio Profetis Erstgeborener. Ein bekennender Rassist und glühender Freiwilliger im Kolonialdienst zeugte ihn.

Attilio Profeti führte ein Leben ohne Reue. In der Blüte seiner Jahre war er so korrupt wie alle, die es in seinem Milieu zu etwas gebracht haben. Daraus ergibt sich ein besonderer Blick auf Durchstechereien – die italienische Perspektive. Da, wo sie sich mit der afrikanischen Logik trifft, entsteht ein Schaufenster der Zukunft. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Jetzt kommt die koloniale Verwüstung Afrikas in Europa an.

Francesca Melandri, „Alle, außer mir“, Roman, aus dem Italienischen von Esther Hansen, Wagenbach, 608 Seiten, 26,-

10:03 07.08.2018
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