Jamal Tuschick
01.05.2017 | 10:27 3

Die sozialistische Tischordnung

Deutsche Geschichte An der Ostsee erschienen kleine Männer, die wie Pinguine watschelten und einen bürgermeisterlichen Habitus hatten. Sie ließen sich von israelischen Söldnern bewachen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick

1990 fand eine Sehnsucht nach Exotik neue Ziele im Osten. Es gab noch die DDR mit Lothar de Maizière als Kohls Statthalter. Das westliche Interesse wurde schon als Heimsuchung empfunden. Die Bundesbürger versauten mit ihrer Währung die Ostpreise. Sie erschienen wie Landsknechte in Tanzlokalen, wo man Aufforderungen mit höflicher Ansprache verband und egokompakte Alleingänge unbekannt waren. Da war er plötzlich, der Malle erfahrene Manta Tiger mit seinen zwo Mille nach allen Abzügen. Daran gewöhnt, Rede und Anwort zu stehen, wo es um die Frage ging: Und was hast du so auf der Naht? Stand kein Aschenbecher parat, wurde die Kippe auf dem Flor flachgetreten. Dagegen erhobene Einwände waren unzulässige Bevormundungen von viel zu lange Bevormundeten. Man musste über achtzig sein, um sich als DDR-Bürger an eine freie und geheime Parlamentswahl erinnern zu können: vor der CDU Party am 18. März. Seit der Reichstagswahl vom 6. Nov. 1932 kannte der zum Behufe der Beitrittswilligkeit hart gefreite Ossi nur den Strich der Parteilinie.

Manta Tiger durfte nicht einfach die Kerzen auf dem Tisch anzünden. Die Anzünderin erschien zur festgesetzten Zeit und wehe, man griff ihr vor. Besondere Beilagenwünsche wurden als unangebrachte Extrawürste abgewürgt.

„Bei uns bestellt man die Gerichte so, wie sie auf der Karte stehen.“

Das schrieb die sozialistische Tischordnung vor, sie musste mit Humor genommen werden. Manche Usurpatoren zündeten sich Zigaretten mit Ostmarkscheinen an. Traktor kaufte einen ZT 320 und stellte die Landmaschine fahrtüchtig in eine Remise an der Bornemann Avenue (vormals Glauburgstraße). Unsere besten Künstler traten in eine Phase westöstlicher Geschlechtsverbindungen ein. Das war zu der Zeit, als die Rolling Stones Überraschungskonzerte gaben. Die Gruppe hatte sich Sechsundachtzig aufgelöst. Ihre Wiedervereinigung überragte als Weltereignis die anstehende Aufhebung der deutschen Teilung. Kolumbianische Kartelle entdeckten die DDR als Rückzugsraum. Polizei stellte zentnerweise Verbotenes sicher, Pablo Escobars Devise plata o plomo - Silber oder Blei (entweder lässt du dich bestechen oder erschießen) rangierte unter den Ersten Zehn der Leipziger Losungsolympiade. Unbescholtene Narco Nosotros bezogen Quartiere an der Ostsee. Da erschienen kleine dicke Männer, die wie Pinguine watschelten und einen bürgermeisterlichen Habitus hatten. Sie ließen sich und ihre Familien von israelischen, südafrikanischen und britischen Söldnern bewachen. In aller Gemütlichkeit trachteten sie der kolumbianischen Justizministerin Mónica de Greiff nach dem Leben. Ausgesetzt war ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar. Die Lebensspanne der Politikerin lieferte einen Wettgegenstand. De Greiff übte ihr Amt vorübergehend in Washington aus, wo ihre Familie jahrelang als Verfolgte lebte. Das Thema begegnete mir in einem Seebad, wo ich einen Einnistungsversuch der Republikaner unterwanderte. Der bevorstehende Beitritt sorgte bei Berufsschlesiern für Auftrieb. Nach revisionistischem Rechtsverständnis konnte über die polnischen Westgrenzen erst nach der Wiedervereinigung entschieden werden. Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war folglich vorläufig, Deutschland in den Grenzen von 1937 möglich. Der republikanische Manta Tiger kam aus einem fränkischen Spessartdorf und hatte von den Eltern ein Vertriebenenschicksal geerbt, das sich in Empfindungen erschöpfte. In einem Kursaal empfahl er den Sacro egoismo - den heiligen Egoismus für Deutschland. Wolfgang Schäuble hatte ein paar Tage zuvor im Streit mit einem Spitzenmann der Ost-SPD die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als notwendiges Begleitübel der Vereinigung beinah zähneknirschend festgestellt. Ich hatte ihn schon Mitteldeutschland zur DDR sagen hören. Manta Tiger sagte selbstverständlich Mitteldeutschland. Seine Zuhörer freute das. Ich wunderte mich über die vielen jungen Ex-Pioniere, da saßen keine Ewiggestrigen.

Der Bonner Vertrag von 1955 sei erpresst worden, erklärte Manta Tiger. Im Verhältnis zu dem ausstehenden Friedensvertrag dürfe man alle älteren Verabredungen als vorläufig und egal betrachten. Die Bundesrepublik hielt Manta Tiger für keine geringere Lüge als die Deutsche Demokratische Republik. Ich fragte mich, ob die Leute im Saal dazu in der Lage waren, totgeglaubte Gebietsansprüche wiederzubeleben.

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