Die Tochter des Paten

Systema M. Pavličenko Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.
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Sieben bis neun Gramm Kaffee ... Maria liebt es, vermeintlich allein an einem Cafétresen Normalität zu simulieren. Die allzeit bewachte Tochter des Paten existiert in einem Sonderuniversum akuter Todesnähe. Ihre Ermordung ist beschlossene Sache. Es geht nicht um das Ob, sondern bloß um das Wann & Wie. Maria weiß das. Trotzdem bleibt sie cool. Die Erzählerin Ljudmila Michailowna „Systema“ Pawlitschenko schwafelt etwas von genetischem Mut. Das gibt es doch gar nicht.

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Was zuvor geschah

Italien in seiner Prä-Pandemie-Verfassung. Maria Montana studiert Germanistik an der Universität von ... Die Tochter des Paten Mario führt ein Granden-Leben unter feministischen Vorzeichen. Sie darf all das, was früher den ältesten Patriarchensöhnen vorbehalten war. Maria lebt sich frenetisch aus. Vehement liest sie sich durch ihre Interessengebiete. Sie spielt Tennis und genießt eine Mafia-Spezialausbildung, die der Geheimhaltung unterliegt.

Aber das ist nicht unser Thema. Wir sind im Alltagsmodus. Von mir aus -trott. Maria im Café, bei der Massage, auf dem Laufband, in der Ambulanz ... im Hörsaal, auf einem Uniklo mit dem durchaus verheirateten Professor Doktor Ágio Páscha, den es seltsam berührt, von einer Studierenden mit gut gefülltem Schulterhalter geküsst zu werden. Maria legt zwar ihren Büstenhalter, aber doch nicht den Holster ab.

Die Bewaffnung törnt den alten Páscha an. Maria hat nichts gegen solche Benefite des Erotischen. Was geil macht, ist gut. So hat Maria es von Mario gelernt. Auch er kam als starker Mann/einst bei den Frauen vortrefflich an. Nun geht er gebeugt und sieht aus wie geschwefelt. Die Macht zersetzt ihn. Die vielen Todesurteile wiegen schwer auf seinem Gewissenskonto, während Maria für diese Not noch kein Empfinden hat. Sie genießt ihre Wirkung auf alles, was kreucht und fleucht.

Gern nimmt sie einen Kaffee im Stehen am Tresen einer Bar.

So geht es weiter

Dynastischer Kleinhandel

Maria überlässt sich einer Phantasie, die sie in Rimini zum ersten Mal gestärkt hat. Darin führt sie in dritter Generation einen Kiosk. Der dynastische Kleinhandel wirkt sich physiognomisch aus. Alle damit Befassten sehen sich ähnlich. Sie sind auf die gleiche Weise robust und anfällig.

Maria pflückt Lachs von einem Avocadobett und verlängert den Tagtraum, bis sie in der Bar ihres Verweilens (Illycaffé, free WiFi, originelle Backpackerbewertungen und endlos-stummgeschalteter Rai Uno auf einem zweiundvierzig Zoll Plasmabildschirm) jobbt, so wie die meisten ihrer Kommilitoninnen in Cafés jede Menge Schichten abreißen, um sich soeben über Wasser zu halten. Sie stellt sich vor, wie der offenbar skandinavische Barista (Maria tippt auf Schweden) um sie herumstreicht und die Nähe ihres Hinterns eine Glut entfacht. Neben ihr saugt eine Frau ihren Smoothie aus einer aufgepeppten Schnabeltasse. Maria baut die Frau in ihre Geschichte ein. Die Frau trägt ein Kleid aus erhabener, reliefierte Rankenmotive zeigender Spitze, mit einem fest vernähten Chiffonüberwurf, der wie ein Schleier kaum anliegt.

Ob ihr der Tod einmal so gut angezogen begegnen wird?

Das internationale Auftragsmordwesen ist längst eine weibliche Domäne.

Maria beneidet das geringe Volk um den Verschleiß, der es umgibt. Verstohlen registriert sie abgewetzte Stellen, geborstene Kanten, gesplitterte Kacheln, den Routinen entgangene Staubinseln; antike Zeichen, die zurückweisen in die Zeit, als in Bars noch geraucht wurde. Maria fürchtet jede Auffälligkeit. Ihre Sicherheitschefin Clarice Carangaria erstattet dem großen Mario Bericht. Maria darf nicht den Eindruck einer Saumseligen erwecken. Man erwartet Tatkraft von der Designierten.

Normal ist der Ausnahmezustand

Nichts sollte uns mehr überraschen als der funktionierende Alltag. Aber das überrascht uns nicht. Etwas macht uns glauben, wir hätten einen Anspruch auf Wärme im Winter. Obwohl all die Geflüchteten am Rand unserer Strecken die Kunde von der permanenten Dysfunktionalität weitertragen.

Angeregt von Antonio Gramscis Erkenntnissen, ist Marias Vater schon von zehn Jahren dazu übergegangen, die auf Lampedusa gestrandeten und von ihm eingesammelten Migrant*innen nicht so zu missachten, wie es die schieren Machtverhältnisse erlauben. Mario versteht den Mehrwert des kaum halbwegs fairen Umgangs als Bollwerk gegen die Konkurrenz. Ihm ist man gewogen. Die Plantagenarbeiter*innen springen jederzeit für den Boss in die Bresche. Im Hinterland mafiöser Weitsicht entsteht eine neue Wehrkultur.

Clarice Carangaria ist eine Flüchtlingstochter, die es weit gebracht hat im Imperium der Montanas. Mario vertraut ihr seinen Augenstern an.

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Tödlicher Liebreiz

Die Tochter des Paten hat passionierten Sex mit Professor Páscha auf dem Uniklo. Das erschöpft Maria Montana eine Weile und hält gleichzeitig die Spannung hoch. Sex ist für die Studierende auch ein kosmetisches Abenteuer. Bei jeder Begegnung mit der Koryphäe fragt sich Maria, ob ihre Hautpflegerin ganze Arbeit geleistet hat. Dann zieht sich Maria im Tennistraining eine Sehnenentzündung am Innenschenkel zu. In der Physiotherapie verfällt sie temporär einem kindlichen Greis mit goldenen Händen.

Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.

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Ihn schmücken nicht nur die Titel der akademischen Hochform. Ágio Páscha trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. Sie haben bestimmt gedacht, das ist was Türkisches. In Deutschland würde Ágio Páscha als Professor Doktor Ostern (Ágio Pás-cha) kursieren.

„Orthodoxe Christen feiern zu Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten. Das orthodoxe Ostern – in den Ostkirchen auch Páscha genannt – findet einige Tage nach dem Osterfest der westlichen Kirchen statt, da für die Bestimmung des Datums der Julianische Kalender verwendet wird.“Quelle

Akademisch dilettierend

Der unerhörte Liebreiz von Ágio Páschas Geliebten Maria ist jetzt noch nicht das Thema, so wenig wie die Stelldicheins auf den Klos der Universität von P. Beide, Lehrkraft und Studierende, lieben das Abortale in seinen internalen Spielarten. Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.

Sie müssen sich stets vor Augen halten, dass Mario seine Tochter nirgendwo allein hingehen lässt. An der Peripherie des Geschehens lungern Leibwächter*innen herum, die übrigens keine Ähnlichkeit mehr mit dem Lino-Ventura-Typus haben. Der Wrestler hat ausgedient. Die Killer*innen sind zartwüchsig. Sie tauschen mit Maria ihre Kajalstifte. Sagen Sie ruhig divers und fluid, ich sage, das bleibt sizilianisch, auch ohne Schmerbauch, Dreitagebart und Lupara.

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Feudal-fidel

Der über alles informierte Mario lässt seiner Tochter freie Hand als zukünftiger Führungspersönlichkeit. Töchter sind die neuen Söhne nach dem aktuellen Mafia-Komment. Man setzt auf Frauenpower und Sizilianischen Feminismus. Das heißt, die Frauen können schießen und haben Nahkampfkompetenz. Mehr Feminismus geht doch gar nicht, sagt der Pate.

So wie man in den alten Zeiten in dunklen Gassen und verrufenen Häusern mit seinem Sperma hausieren ging, so kommt man jetzt feudal-fidel zur Sache. Same same but different eben.

Checks and Balances

Maria wünscht sich eine Jungfrau zum Mann. Aber noch nicht jetzt. Im Jetzt des Zenits ihrer sexuellen Explosivkraft checkt sie die Balance der Akteure im Feld. Ágio Páschas Mundgeruch erzählt schon von dem alten Mann, der er gleich sein wird. Binhs Einfühlungsgenie dient der Erkundung von Schleichwegen der Migration. Im Schatten der Magistralen, die der Mehrheitsgesellschaft vorbeihalten sind, erstreichelt er sich ne passable Wohnung, genug zu essen und solche Sachen. – Und Maria kapiert das Konzept. Kapiert es und goutiert es. Für sie ist der lautlos agierende Binh ein Bringer im unerklärten Bürger*innenkrieg um alle möglichen Ressourcen.

Maria und die Migration

Maria sitzt in einem Café und liest einen Bericht über die Gegend, in der das Café liegt. Die Rede ist von „Afrikanern und Kleinbürgern“. Die Leserin erkennt unverstandenen Rassismus. Unter den Afrikaner*innen sind gewiss genug Kleinbürger*innen (dies als Beispiel für nachholendes Gendern). Man identifiziert sie nur nicht als kleine Leute, die von ihrem Schlendrian getrennt wurden; die nicht mehr einkehren können in ihre kleinen Ich-Gehäuse. Auch Maria hat keine Chance auf das Glück eines kleinen Lebens. Sie trägt die Glock am Mann (umgangssprachlich) und eben nicht in der Handtasche, so wie die anderen Pastorentöchter. Dem Ernst der Lage als Tochter des Paten von … entspricht sie scharf rasiert.

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11:11 16.12.2020
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