Die Tücken der Hilfsbereitschaft

Kino Westliche Gesellschaften stecken in Prozessen der Versachlichung. “A War” zeigt Wirkungen einer Synchronisation ziviler Gesellschafts- und Rechtsbegriffe mit dem Krieg
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Die Tücken der Hilfsbereitschaft
Claus Pedersen (Pilou Asbæk) befehligt eine Einheit in Afghanistan
Bild: Magnolia Pictures/ Presse

Die Modalitäten und das Vokabular humanitärer Missionen überformen den militärischen Auftrag einer dänischen Kompanie in Afghanistan. Der Kommandant erscheint unrasiert und fern der Heimat wie ein Brunnenbohrer vom Technischen Hilfswerk. Seine Soldaten sprechen ihn wie einen Abteilungsleiter bei Ikea an. Claus Michael Pedersen bläut ihnen ein: Wir sind hier, um zu helfen.

Pilou Asbæk spielt den zum Ausgleich entschlossenen, heimwehkranken und familiensehnsüchtigen Chef. Pedersen trägt seinen fürsorglichen Habitus mit zuckenden Mundwinkeln zur Schau. Er hält allgemein den Ball flach in einem von Anspannung, Unsicherheit, Langeweile, skandinavischer Toleranz und gutem Willen bestimmten Einsatz.

Das Camp verödet zwischen Verhau und Pfadfinderlager. Jeder Schritt vor die Schleuse birgt ein tödliches Risiko. Nachdem ein Untergebener zerfetzt wurde, führt Pedersen Patrouillen öfter als zuvor persönlich. Er solidarisiert sich mit seinen Männern, hilft, wo er kann. Das führt zu gefährlicher Retardation, ein Zug gerät in einen Hinterhalt. Die Evakuierung eines Schwerverletzten verhakt sich im Gefecht. Der Kommandant fordert Erdkampfunterstützung an. Pedersen veranlasst die Bombardierung eines Hauses, in dem er Taliban vermutet.

Der Film klärt nicht deutlich, wo die Schuld des Kommandanten anfängt. Zu gewaltsam wirken die Aufnahmen ziviler Opfer auf das Empfinden in einem Prozess, der ein Kriegsverbrechen zum Gegenstand hat. In der Rolle des Angeklagten erheischt Pedersen Mitgefühl. Man sieht ihn im Familienalltag, sieht die sympathisierenden Kameraden auf den Rängen des Gerichtssaals.

Die Forderungen der Zivilgesellschaft an ihre Soldaten verrücken die Szenerie und geben ihr ein wahnsinniges Format. Pedersen verwandelt sich in ein Standbild der Überforderung, die Eintrübung seines Urteilsvermögens ist datierbar. Die gerichtliche Auseinandersetzung entkernt ihn restlos. Sein letztes Argument liefert die Familie, der er als Versorger sich lügend erhält.

A War, Dänemark 2015. Regie: Tobias Lindholm. Mit Pilou Asbæk, Tuva Novotny, Dar Salim

12:44 16.04.2016
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