Frauen in der Wüste

Isabelle Eberhardt Sie ging der Frauenbewegung voran und war doch am liebsten allein in der Wüste - Isabelle Eberhardt: Agentin und Poetin. Ihr nach kam Jane Auer/Bowles.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Ihrer Zeit erscheint sie unbegreiflich. Hans Christoph Buch nannte sie viel später „Rimbauds Tochter“ und überschrieb so eine Versammlung von Vermutungen. Buch hatte 1977 einen von Paul Bowles übersetzten Band der in Europa vergessenen Schriftstellerabenteuerin Isabelle Eberhardt (1877-1904) in der Buchhandlung von Lawrence Ferlinghetti „auf der Grant Avenue in San Francisco“ entdeckt, und sich mit dieser Entdeckung ein Feld erschlossen.

„Was mich zum Kauf bewogen hatte, war vor allem das Photo der Autorin auf dem Frontispiz: (eine männlich wirkende Europäerin) in tunesischer Tracht ... die mit einer Mischung aus Stolz und Verachtung über den Photographen hinwegsah.“

Buch las die „Vergessenssucher“, magnetisch angezogen von den Begleitumständen.

„Kein Zweifel, Isabelle Eberhardt hat wirklich gelebt.“

Aktive Träumerin

Auf mich wirkt sie wie eine Romanfigur von Albert Camus und vielmehr noch als Akteurin eines verfrühten Existenzialismus. Im ersten Jahr des schwarzen Jahrhunderts beginnt sie eine Serie von Eintragungen mit der Bemerkung:

„Ich bin allein.“

Und zwar nicht vorübergehend, sondern von jeher und für immer.

Die Pionierin der Selbstbestimmung (als einer seelennautischen, navigatorischen Leistung) verbessert ihre Technik des Träumens. Das werden nach ihr viele projekthaft betreiben.

Eberhardt gelingt das ganze Bild der aktiven Träumerin ohne Vorbild und Umgebung. Die Liebhaberin des müßigen Streifs beobachtet sich und erkennt vor allen den ikonografischen Charakter ihrer sozialen Gebärden. Ein filigranes, genderfluides Geschöpf „versteift“ sich darauf, „der Säufer, der Verderbte, der Scherben stiftende Rohling zu bleiben“.

„Wer gibt mir je die Streifzüge zurück, zu Pferde, mit fliegenden Haaren, durch die Berge und Täler der Sahel.

*

Hans Christoph Buch nannte Eberhardt „Rimbauds Tochter“ und überschrieb so eine Versammlung von Vermutungen. Buch hatte 1977 einen von Paul Bowles übersetzten Band der in Europa vergessenen Schriftstellerabenteuerin Isabelle Eberhardt (1877-1904) in der Buchhandlung von Lawrence Ferlinghetti „auf der Grant Avenue in San Francisco“ entdeckt ...

Diese Anordnung führt via Paul Bowles zu Jane Auer/Bowles:

Sie feilte an ihren Verrücktheiten. Jane Auer, Jahrgang 1917, liebte Bars und fürchtete Natur da, wo Landschaften die Regelmäßigkeit einer Tapete verlieren.

Sie traf Céline, kurte in der Schweiz und ergattete den aufstrebenden Komponisten Paul Bowles. Mit siebenundzwanzig Koffern fuhr das Paar in die Flitterwochen nach Panama. Die Ehe besiegelte einen geistigen Bund. Die von vielen Ortswechseln belebten Stationen einer Gatten-Freundschaft dokumentieren Briefen, die Jane Bowles zwischen 1937 und 1970 verbreitete. Nöte der nomadisierenden Absenderin bestimmen die Korrespondenz, gleich an wen sie sich richtet. Unbezähmbare Nervosität greift Jane Bowles in Paris, New York und Tanger an. Zweifel und Schuldgefühle plagen sie. Sie fällt sich selbst ins Wort.

„Wahrscheinlich hasse ich das geschriebene Wort, ganz egal wie ich es gebrauche“ (an Paul Bowles 1947). 1950 meldet die Autorin: „Wenn ich mein Buch nicht zustande bringe, gebe ich das Schreiben auf.“ Die Rede ist von Jane Bowles zweiten, nie vollendeten Roman. „Und dann entweder Selbstmord oder ein anderes Leben.“

In einem Geschäftsbrief findet sich die Zeile: „Lieber Mr. – Wenn das Geld nicht bis Dienstag da ist, erschieße ich mich.“

Tennessee Williams traf Jane Bowles 1948 in Malaga: „Aufreizend, hin und her gerissen zwischen Scherzen, Besorgnis, Liebe und Zerstreuung … ein nervöses Mädchen“ von einunddreißig Jahren.

Ihr literarisches Debüt „Zwei sehr ernsthafte Damen“ brachte Jane Bowles Anerkennung. Begabt und geschlagen mit einer Empfindlichkeit, die in Zusammenbrüchen mündete, blieb sie taub für konventionelle Lösungen. Ein Hirnschlag traf die künstlerischen Potentiale. Die letzten Jahre verbrachte Jane Bowles in Kliniken: „Ich habe große Angst hier ganz allein.“

Sie starb 1973. Das schmale Werk erklärt ihren heimlichen Ruhm nicht restlos. Eine exponierte Ehe und offensive Homosexualität wirken ein. Nach einem Streit mit der arabischen Geliebten schreibt Jane Bowles im April 1957: „Ein junger Mann aus New York ist hier namens Allen Ginsberg … Vermutlich muss ich mich mit ihm treffen … (Er ist) ein Freund von Bill (Burroughs), der ständig in seinen Gedichten auftaucht.“

Jane Bowles war stolz und eifersüchtig auf den Erfolg ihres Mannes: „Ich bin schrecklich niedergeschlagen und natürlich trägt die Tatsache, dass du all diese Briefe von Verlegern bekommst … nicht gerade zur Stärkung meiner Moral bei.“

Jane Bowles maß „Himmel über der Wüste“ eine prophetische Bedeutung bei.

09:49 14.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare