Die Unschuld des Engels

Literatur In Joana Osmans Roman „Am Boden des Himmels“ türmen sich Wunder und Zeichen neben banalen Halluzinationen und anderen Folgen großer Hitze.
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„Israel ist das Land mit dem meisten Wundergläubigen“ – eine Hochburg der Empfänglichkeit für charismatische Sendungen. Scharaden der Göttlichkeit und des Übersinnlichen finden da seit Jahrtausenden ein dramatisches Publikum. So kamen von Jesus Christus bis Uri Geller Wanderprediger, Wasserläufer und Gabelbieger zu einem Auskommen.

Joana Osman, „Am Boden des Himmels“, Roman, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 287 Seiten, 22.90 Euro

In Joana Osmans Roman „Am Boden des Himmels“ türmen sich Wunder und Zeichen neben banalen Halluzinationen und anderen Folgen großer Hitze. In der Gereiztheit eines glühenden Vormittags geraten Palästinenser und israelische Soldaten aneinander. Die Wehrpflichtigen sind die Augensterne ihrer Eltern mit Kükenflaum unter den Nasen. In den Augen der anderen verkörpern sie die Besatzungsmacht. Auf dem Höhepunkt der Eskalation erscheint ein Showdown mit Toten unvermeidlich. Plötzlich liegen sich zwei Feinde in den Armen und flennen gemeinsam.

„Das haben sie getan und dann saßen sie auf der Straße wie zwei Schwule und klammerten sich aneinander fest.“

Schauplatz des Wunders ist Tiberias, eine Stadt in Galiläa. Der See Genezareth liegt vor der Tür. Es ist alles sehr historisch und sogar heilig im jüdischen Weltbild. Die Radioreporterin Layla Al-Riadh dokumentiert das Versöhnungswunder, indem sie Zeugen vor die Kamera zitiert. Man erzählt ihr von einem Engel, dessen Erscheinen vor Ort mit keinem Verweilen verbunden war. Während Layla die Informationen auf die Reihe zu kriegen versucht, flasht ihr Anblick den Neurobiologen Lior, der sich schon vorher für verhext hielt, nun jedoch auf einem Triumphbogen des Wahns zu der Überzeugung gelangt, Layla magisch anzugehören.

Das alles erfährt der Leser auf den ersten dreißig Seiten. Die Ereignisdichte erzeugt eine Stakkatowahrnehmung. Osman, als Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter 1982 geboren, und in der Friedensbewegung The Peace Factory engagiert, switcht zwischen jüdisch-israelischen und arabisch-israelischen Perspektiven. Ihre Ausgangspunkte sind die Koordinaten einer spannungsreichen Koexistenz israelischer Staatsbürger diverser Provenienz. Die einen präparieren „am Freitagmorgen das Klopapier für den Sabbat … weil Papier abreißen als Arbeit gilt“, die anderen trinken täglich schon vormittags Bier und bekommen davon gewaltige Bizepse.

Das europäische Erbe der einen erscheint wie in die Wüste gekippter Hausrat (eine Westernszene frei nach Sergio Leone), das Erbe der anderen erschöpft sich in obdachloser Wut.

Omar zum Beispiel. Hat seine Eltern früh verloren und verherrlicht einen kriminellen Bruder. Schlüpft unter bei einem Teppichhändler. Agitiert Layla, „die so oft von Asche träumt, dass sich unter ihren Nägeln bereits ein schwarzer Rand gebildet hat“.

Omar überzeugt Layla von der Dringlichkeit einer Recherche zugunsten des Engels. Er heißt Malek Sabateen und schmort neben Omars Bruder in einer Gefängniszelle.

Freundschaft mit dem Feind ist ein revolutionärer Akt

Immer wieder überschreitet Layla Grenzen der Feindschaft. Ihre Offenheit isoliert sie in ihrer Ursprungsumgebung.

„In meinem Dorf haben sie mir ein Stockholm-Syndrom attestiert.“

Osman trägt ihre politischen Überzeugungen im Text aus. Sie illustriert den Diskurs der Versöhnung aus einer palästinensischen Perspektive. Layla ist bereit für den Frieden in einer von Aufständen, Polizei- und Militärgewalt erschütterten Umgebung. Mitunter reagieren Touristen hysterisch auf den Straßenhass, der indes von Maleks wundersamer Wirkung herunterreguliert wird.

Die Leute demonstrieren inzwischen im Namen des Engels.

11:44 07.08.2019
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