Die Verschiebung des Nichts

Über Grenzen Wo Grundbesitz endete, verlief eine Grenze. Grabsteine markierten sie. Die Toten einer Sippe waren die ersten Grenzwächter. Von daher gewinnt die Vorstellung von ...
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Wo Grundbesitz endete, verlief eine Grenze. Grabsteine markierten sie. Die Toten einer Sippe waren die ersten Grenzwächter. Von daher gewinnt die Vorstellung von einer Grenze als Nicht-Ort wenigstens eine weitere Bedeutung. Der Ökonom Francesco Magris zitiert den Philologen Jacob Grimm, der die ursprünglichste Bedeutung von Grenze in Eigentumsregelungen entdeckte. Magris beschreibt eine Parallelbewegung zwischen Staat und Ewigkeit in der Wahrnehmung Ovids. Der Limes trennte den Verbannten vom „skythischen Nichts“. Der römische Grenzbegriff war mächtig aufgeladen. Ovid erwartete von einer Verschiebung des Limes die Verschiebung des Nichts.

Ovid verband mit dem Nichts ein Jenseits. Seinen Begriff von einer Grenze prägte der Limes sowie die römischen Vorstelllungen von Germanien.

Monika Rinck fragt nach dem Wesen des Begriffs. Sie kommt dahin: Ein Begriff ist eine „Rast, für einen Moment das Ende der Eile – bevor das unablässig aus- und umdeutende Geschehen der skeptischen Vorstellungskraft … erneut verändernd eingreift.“

Francesco Magris, „Die Grenze. Von der Durchlässigkeit eines trennenden Begriffs“, aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, Paul Zsolnay Verlag, 123 Seiten, 18,-

Das beschreibt gut das Verfahren, mit dem Magris Grenzen erkundet. Magris betrachtet sein Thema so retrospektiv als sei die Gegenwart schon Vergangenheit. Ihn reizen Marginalien und unauffällige Valeurverschiebungen – das Kleinklein der Randnotizen historisch eminenter Ereignisse.

Die Peripherie definiert das Zentrum
„Die Grenze (ist) ein empfindlicher Rand, reizbar und bissig wie ein Nerv.“

Magris beschäftigt sich mit Vorreitern neuer Grenzziehungen – den Repräsentanten der Grenzregimes und ihren Antagonisten. In der Literatur, so Magris, verändern sich die Spielregeln, nach denen Ränder von Zentren unterschieden werden, u.a. im Werk von Dostojewski. Der Autor und seine Agenten stürzen ab und landen in der Manege, wo sie sich von den an Fäden hängenden Figuren nicht mehr unterscheiden. Von dieser Entmachtung führt kein Weg zurück in die Himmel des gottgleich allmächtigen Erzählens.

Magris vermisst Umbauten, die ältere Verläufe ungültig machten, im Mikrosektor. Von dem „Rand einer beschriebenen Seite“ kommt er zu dem „Rahmen eines Bildes“. Er stellt fest: Der Rahmen macht eine Aussage. Er bestimmt, was zentral ist. Die Peripherie definiert das Zentrum.

Die Beatles kamen aus Liverpool und verschoben die Grenzen von London. Ohne das alte, in den weltumspannenden Rostgürtel des vergangenen Industriezeitalters geschnallte Liverpool, kein Swinging London.

Die Migration liefert den europäischen Ländern neue Rahmen. Dieser Umstand verdeutlicht auf die anschaulichste Weise, dass Magris in seiner Analyse auf Gold gestoßen ist. Er untersucht Emanationen, die eine Unterscheidung zwischen Rand und Zentrum nicht zulassen und erkennt als Bedingung die Subjektlosigkeit.

Wer versucht, sich seines Rahmens zu entledigen, läuft Gefahr, selbst Rahmen zu werden.

08:26 10.05.2019
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