Die violette Vulva der Violinistin

Literatur Pauline Delabroy-Allards Romandebüt „Es ist Sarah“ hat in Frankreich Furore gemacht – und wird gewiss auch in Deutschland für Aufsehen sorgen
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Die violette Vulva der Violinistin

Foto: Gijs Coolen/Unsplash

In Deutschland kann kein Mensch so schreiben, so easy zwischen Mascara und Croissant in einem Retro-Nouvelle-Vague-Caféhausstil. Pauline Delabroy-Allard ist eine Françoise Sagan unserer Tage. Sie schöpft aus dem Glück der Leichtigkeit und zieht aus dem Unglück einen federleichten Trauerflor; der Freude trister Saum als Borte.

Das Programm könnte postbourgeoiser nicht sein. Man war im Theater, das Stück hat einen mitgenommen und aufgewühlt, nun sitzt man beim Bier in einer Bar. Das Bier aus dem Fass und vom Hahn.

Die Umgebung ist kolossal - Château de Vincennes – eine Attraktion im Schatten der französischen Kapitale. Und so geht es weiter: illuster und heiter. Die eine ist introvertiert, die andere exaltiert. Die eine beobachtet und spinnt sich ein in eine Seide aus Wahrnehmungsfäden. Die andere marschiert noch im Liegen. Das ist Sarah, eine vital-virtuose Violinistin kurz vor schräg und grell. In den verliebten Augen der Erzählerin, einer alleinerziehenden Lehrerin, spiegelt sie sich ganz wunderbar.

„Es geht um Sarah, ihre rätselhafte Schönheit, ihre steile Nase, die einem sanften Raubvogel zu gehören scheint.“

Die Erzählerin hat den Vater ihrer Tochter „ohne Vorwarnung“ an eine vollständige Gleichgültigkeit verloren. Die Erfahrung geht über ihre Kraft. Sie schleppt das Unbegriffene, vielleicht auch Unbegreifliche mit sich herum wie eine hässliche Handtasche. Sie überträgt die Verunsicherung und Erbitterung auf Sarah. Ihr ordnet sie „das chemische Element mit der Ordnungszahl 16“ zu. S wie Schwefel. Sie verweist auf eine etymologische Verdichtung von soufre (franz.) – sulfur (lat.) – Schwefel und suffero (lat.) – souffre (franz.) – leiden – ausstehen – ertragen. Sie ahnt schon die Katastrophe, als alles noch Lachen ist.

Man geht ins Kino und ist elektrisiert, wenn die Knie sich berühren. Man verschlingt bretonische Pfannkuchen in Paris. Man trinkt nicht wenig vom stärksten Bier.

„Nach dem Film noch ein paar Biere, die stärksten der Bar.“

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Der Freude trister Saum als Borte

Die Liebe ist eingestanden und zur Praktizierung freigegeben. Wirte erleben die näheren Umstände des Nicht-von-einander-lassen-könnens, bis sie ihre Erschöpfung und den Überdruss rüde eingestehen.

Die Heldinnen sind Debütantinnen der gleichgeschlechtlichen Liebe. Das sagen sie sich, als sie zum ersten Mal unter einer Decke stecken. Die Erzählerin entdeckt die „violette Vulva“ der Virtuosin so wie ihre eigenen furiosen Potentiale.

Sarah „ist eine Offenbarung, ein Lichtstrahl, eine Epiphanie.“

Das alles ist auch der Roman. Er ergänzt sich in vielen Erzählrinnen. Die Bäche kommen in keinem Bett zusammen. Sie schäumen auf und fließen aus dem hellen Zentrum von Paris dunklen Peripherien entgegen.

Pauline Delabroy-Allard ist eine Françoise Sagan unserer Tage. Sie schöpft aus dem Glück der Leichtigkeit und zieht aus dem Unglück einen federleichten Trauerflor; der Freude trister Saum als Borte.

In Deutschland kann kein Mensch so schreiben, so easy zwischen Mascara und Croissant in einem Retro-Nouvelle-Vague-Caféhausstil. Ich höre die ganze Zeit The Girl from Ipanema … Astrud Gilberto, João Gilberto, Stan Getz … ist das nicht die Melodie dieses Romans? Das Kartenhaus des Glücks fällt in Zeitlupe in sich zusammen. Sturzbetrunken und von Krämpfen geschüttelt, übergibt sich Sarah stundenlang.

„Sie raucht Zigarette um Zigarette.“

Sie geht den Weg der Regression, übergibt sich auch seelisch. Die Erzählerin, eingefasst von einem schönen bürgerlichen Standard und der eigensüchtigsten Bildung, führt Passion und Leiden zusammen. Passion wird von patior abgeleitet. Pati bedeutet dulden – zulassen – ertragen – hinnehmen. Sarah geht über ihre Ufer, die Erzählerin geht nicht mit. Sarahs Restaurantexzesse treiben ihr die Schamröte ins Gesicht. Eine Bestie der Respektlosigkeit bleckt die Zähne.

Die Erzählerin beschreibt spiegelverkehrte Prozesse der Entfremdung. Ihr bedeutet das Lehramt nichts mehr. Die Scherze der Kolleg*innen erträgt sie nicht mehr. Sie ist eine Gefangene im Haus der Liebe - einerseits. Andererseits laboriert sie an Sarahs Übertreibungen. Sie lehnt das ab, was ihr abzulehnen leichter fällt. Aber in dieser Ablehnung ihres Lebensentwurfs steckt eine kleine Ablehnung, die auf Sarah gemünzt ist. Delabroy-Allard erzählt das genial von hinten durch die Faust ins Auge. Die Ablehnung bleibt kümmerlich, weil es keinen Raum für Gewöhnung gibt. Die Gewöhnlichkeit muss draußen bleiben und mit ihr jede Chance der Entspannung. Die Handlungslore nimmt eine böse Fracht auf.

Pauline Delabroy-Allard, „Es ist Sarah“, Roman, aus dem Französischen von Sina de Malafosse, Frankfurter Verlagsanstalt, 180 Seiten, 22,-

09:27 14.08.2019
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