Digitaler Karteikasten

#Leben Weil ist egal. Antoinette Motloung lebt in einer robusten Welt. Es wird nicht lange gefackelt und nach Worten gesucht.
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Nein, er ist nicht einfach nur genervt von Dreck und Lärm im Zuge politisch motivierter, an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeigehender Baumaßnahmen vor seiner Haustür. Antoinette Motloung, eine Keramikerin mit eigener Werkstatt und vier Angestellten, hat gewichtigere Gründe, um dem Polier einen schönen Gruß von ihrer Verachtung auszurichten. Die Verachtung deckt einen Schmerz ab. Am Ende, wenn alle einen zu hohen Preis für alle möglichen Einsichten gezahlt haben werden, heißt es lapidar:

„Ungeschoren ist keiner davongekommen.“

Vorderhand geht es um eine Beleidigung. Der Polier nennt Antoinette Motloung eine „Schlampe“. Weil ist egal. Antoinette Motloung lebt in einer robusten Welt. Es wird nicht lange gefackelt und nach Worten gesucht. Aber, und das ist der Dreh- und Angelpunkt des Konflikts, der Polier zählt zu einer Minderheit. Er ist ein von den Machtverhältnissen degradierter Ingenieur; zerrissen von Ungerechtigkeiten. Das Schlechte der Welt ballt sich in seiner Biografie.

Antoinette Motloung sieht in ihm aber nur einen Stammesbruder der Mörder ihrer Angehörigen. Sie will sich von so einem nicht herabsetzen lassen. Sie verlangt eine Entschuldigung. Sie glaubt, das sei billig. Aber den Polier sprengt die Vorstellung, sich als Mitglied einer geschlagenen Minderheit noch tiefer zu bücken.

Der Polier ist ein Mann, der sich stets im Recht wähnt und sich zugleich einer ungerechten Behandlung ausgesetzt sieht. Er hält sich für geduldig und nachgiebig. Es bleibt ihm doch auch gar nichts anderes übrig. Bei einem letzten Versuch, die Sache außergerichtlich zu regeln, verliert er die Nerven und schlägt zu.

Guten Tag, mein Name ist Brain (nicht Brian) AT Thundergod*. Ich bin Therapeutin und plaudere hier aus dem digitalen Karteikasten. Ein paar Umständlichkeiten erklären sich mit der Notwendigkeit zur Verschleierung. Vieler meiner Patient*innen sind so bedeutend, dass sie es nicht nötig haben, ihren Namen in der Zeitung lesen zu wollen. Die eben skizzierte Geschichte erzählte mir eine levantinische Matriarchin, die Babylon mit dem Mondflug in Einklang zu bringen weiß.

Gleich mehr.

19:17 16.02.2021
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