Digitales Weltfriedensei

Sarah Spiekermann findet ein Bild, das ihren persönlichen Anfang, einen gesellschaftlichen Aufbruch und eine technische Revolution unter eine Zipfelmütze presst: das globale Dorf des ...
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Sarah Spiekermann findet ein Bild, das ihren persönlichen Anfang, einen gesellschaftlichen Aufbruch und eine technische Revolution unter eine Zipfelmütze presst: das globale Dorf des Web 1.0 als gigantisches, dem Modem entschlüpftes Weltfriedensei.

Eingebetteter Medieninhalt

Sarah Spiekermann, „Digitale Ethik: Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert“, Droemer, 304 Seiten, 19.99 Euro

Wer erinnert sich noch an den Modemsound im Einwählmodus? Man telefonierte ins Internet via Telekom. Das fühlte sich noch fast so an wie ein Service der Deutschen Post. Die Deutsche Post war eine Regierungsstelle meiner Kindheit.

Sarah Spiekermann beschwört in ihrer Analyse zur ethischen Verfassung des Internets zunächst den Zauber, der jedem Anfang innewohnt. Inzwischen ist sie Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik, aber ihre Sporen verdiente Spiekermann an der operativen Front zu einer Zeit, als das Unwissen über die Konstitution eines entwichenen Geistes phantastische Wachstumsmargen verzeichnete und ein scharfsinniger Aberglaube grassierte. Man glaubte, Wahrheitsmodelle für die Zukunft errechnen zu können. Aus Falschem kann man alles schließen.

„Der eine definiert einen Kunden als jemanden, der einmal reinschaut. Der andere lässt nur zehn Besuche im Monat gelten. Und je nach Definition hat man eben mehr oder weniger Kunden in seinem Zukunftsmodell.“

So wird aus der Analyse eine Story, an die man glauben muss.

Nichts wächst schneller als die moralischen Wüsten des Internets, in dem Hassdesigner die Grenzen des Sagbaren erforschen.

Spiekermann rechnet sich zu den Pionierinnen in der Phase des Aufgalopps. Man träumte von einem Handy für alles, das heute als Smartphone selbstverständlich ist. Den 11. September 2001 beschreibt Spiekermann als „Wahrheitsmoment“, in dem sich viele Visionen der euphorischen Starter-Generation als Illusionen zu erkennen gaben.

Jahrzehnte später postuliert die Autorin: Es reicht nicht, nicht böse sein zu wollen. Man muss richtig gut sein.

„Die Welt ist unsere Gestaltungsplattform.“

Spiekermann kontrastiert eine „kostenintensive Negativkultur“ der Überwachung von Mitarbeiter*innen und der Durchleuchtung von Kundinnen mit Systemen positiver Anreize im Rahmen einer „wertebasierte Digitalisierung“. Die gegenwärtige Ökonomie sei ein „Auslaufmodell“ im Gegensatz zu Investitionen in Zufriedenheit.

„Damit es in unserer Gesellschaft zu menschengerechtem, sinnvollem Fortschritt kommt, ist die Bereitschaft von Unternehmen entscheidend, sich ein Wertedenken anzueignen.“

Wird fortgesetzt.

17:42 14.04.2019
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