Doppelte Introspektion

Literatur Geir Gulliksen liefert in seinem Roman „Geschichte einer Ehe“ keine Dutzendware der Liebe aus.
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Nach einem TV-Grashüpfer nennt er sie Timmy. Sie ist ein paar Jahre jünger, aber darauf kommt es nicht an. Timmy kann mit „ihren Zehen Sachen vom Boden aufheben“, sie ist eine straff in das Gelingen verliebte Person: ein Muster norwegischer Normalität. Von Beruf Ärztin.

Geir Gulliksen, „Geschichte einer Ehe“, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, Roman, 220 Seiten, 22,-

Ihre superakzentuierte Klarheit birgt eine gewaltige erotische Ladung. Timmys Sexualität spaziert über die Liebe hinaus in den öffentlichen Raum. Blickkontakte affizieren sie wie distanzlose Berührungen. Sie ist empfänglich für muskuläre Reliefs.

Das weiß das erzählende Ich. Es verfügt über die Potenz des Allwissenden.

„Sie dachte an … mich.“

Während Timmy sich einem anderen zuwendet. Die doppelte Introspektion weicht von einem realistischen Erzählkurs ab, ohne Störungen zu verursachen. Jon muss sich nicht auf seine Intuition verlassen und Timmy mit den Methoden der Liebe unter die Haut kriechen. Er sieht, wie sie sich im Blickfeld des zufällig Begehrten in Stellung bringt, sich öffnet und dem Geschehen gegenüber erblindet.

„Das Begehren hat keinen Blick für sich selbst.“

Jon hat in der Beziehung zu der Mutter seines ältesten Kindes böse geholzt, um für Timmy schnell frei zu werden. Ich denke zuerst, ihm fehlt die Kraft, Timmys phantasievolle Untreue zu übergehen.

„Und dann sprach ich weiter davon … was ich gesehen hatte. Wie sie sich einem anderen geöffnet hatte.“

Jon hat mit Timmy zwei Kinder, ein gutes Leben.

Die Romangegenwart umfasst Jahrzehnte. Die erste Begegnung und das Vollbild der Ehe wie auch ihre (vermeintliche) Gefährdung sind nicht kaskadisch voneinander abgesetzt. Die Szenen verhalten sich zueinander wie Wasserfarbenklekse, die in Abhängigkeit von der Beschaffenheit des Untergrunds verlaufen. Sie reagieren eben nicht aufeinander, sondern auf das Material, das sie färben. Das Resultat lässt sich aussagekräftig verwenden. Gulliksen klärt so die psychische Verfassung einer Liebe auf. Ich habe schon lange nichts mehr gelesen, was so klug die Reizpunkte einer Beziehung ansteuert.

Jon weiß, dass der Hauptfehler im System liegt. Man sollte nicht so informiert sind. Die Liebe braucht psychische Rückzugsräume, in denen paradoxe und infame Abstriche vorgenommen werden können.

Was, wenn die Lust ihren Sitz im Hintersinn des Anderen hat?

Timmy kommt Jon nicht abhanden, weil sie seine Einsicht in ihr Wesen als Übergriff erlebt. Sie wehrt sich nicht gegen sein seherisches Potential, sie gibt der Liebe aus auktorialen Perspektiven offenbar nicht den Vorzug.

Was ist los mit den beiden?

In Jons Unterströmungen rettet sich ein Cuckold vor dem Ertrinken. Das gibt der Geschichte den Drive: die Kombination von Eifersucht und Erregung und die Erregung als Folge einer fremden Dominanz, die sich auf die eigene Frau auswirkt.

„Und ich (flüsterte) ihr all die schönen Sachen ins Ohr, die sie zusammen mit einem anderen Mann machen könnte.“

„Ich habe Lust zu sehen, wie du die Finger nicht von ihm lassen kannst.“

Dann ist er da, der andere, er kommt als Skilehrer um die Ecke. Gulliksen erzählt das so, als sei Harald im Verhältnis zu dem Timmy & Jon-Planeten immer schon der Mond gewesen.

Wie eine Flut nimmt/nahm der Liebesanfang Timmy und Jon mit. Wie ein trocken gefallener Meeresboden erscheint die Liebe (der Eheleute) in jener von beiden heraufbeschworenen Krise, die den Erzählanlass liefert.

Der neue Liebesanfang strapaziert Timmy und Harald. Die beiden laufen zusammen. Sie schenken sich nichts. Timmy erweitert ihren Horizont. Sie reitet, klettert und fährt Ski im Geleit einer andauernden Erstmaligkeitseuphorie.

Harald verwendet verbrauchte Sprachbilder, als hätten sie für ihn was Exklusives übrig. Timmy ahmt die Sprechweise des Begehrten nach. Jon registriert das alles in der zeitlichen Nähe des herbeigesehnten Ernstfalls. Er treibt ein gefährliches Spiel.

10:48 04.04.2019
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