Mehr Druck auf den Schwamm

Rassismus Die Premiere der interdisziplinären Performance „Stricken“ von Magda Korsinsky eröffnete gestern Abend das über zwei Spielzeiten hinweggehende „Festival der ...
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Die Premiere der interdisziplinären Performance „Stricken“ von Magda Korsinsky eröffnete gestern Abend das über zwei Spielzeiten hinweggehende „Festival der Überlänge“ Postcolonial Poly Perspectives im Berliner Ballhaus Naunynstraße.

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Die Übergänge von der strafbewehrten Rassenschande im Nationalsozialismus zum Nachkriegsfräuleinwunder waren schmale Stege. Deutsche, die mit afroamerikanischen Soldaten gingen, bewegten sich auf einen gesellschaftlichen Rand zu. Da trafen sich die Vorurteile ihrer Umgebung mit ihren eigenen Vorurteilen. Die oft bei den Großeltern abgegebenen Kinder solcher Verbindungen befanden sich in namenlosen Nöten. Im Gegensatz zu ihren Müttern waren sie markiert. Sie waren auf die Liebe und Fürsorge von Rassist*innen angewiesen. Mit den deutschen Erziehungsdevisen atmeten sie Rassismus ein, so dass sie im Selbsthass siedeten.

Sie hatten keine kulturellen Alternativen zur weißen deutschen Mehrheit und sie mussten das Kolonialwarenangebot einer Gesellschaft nutzen, die ihren Rassismus und ihre koloniale Verfassung gern nicht begriff und lieber den Abweichenden übertriebene Empfindlichkeit vorwarf, als sich selbst kritisch zu befragen.

Nach Achtundsechzig änderten sich die Parameter. Die nächsten deutschen PoC-Generationen wiederholten Erfahrungen der afrodeutschen Fräuleinwunderkinder in abgeschwächten Versionen. Sie profitierten und profitieren von zunehmender Diversität. Die Differenzen zwischen ihrer Selbst- und der mehrheitsdeutschen Fremdwahrnehmung verhandelt Magda Korsinskys Performance „Stricken“. Die Choreografin befragte sechs afrodeutsche Frauen zu ihren weißen Großmüttern.

„Diese Art von Schürzen hat sie meines Erachtens nicht mehr getragen.“

„Sie hatte eine tiefe Stimme und war unhöflich und direkt, aber nicht ätzend.“

„Bei meiner Oma galt nur Arbeit. Die Devise lautete: Mehr Druck auf den Schwamm.“

Die Einlassungen kommen aus dem Off und korrespondieren mit Porträtprojektionen der Befragten auf Flickenteppiche, die wie gigantische Tischdecken an Leinen hängen.

Im Übrigen ist die Bühne leer.

Naê Selka de Paiva und Hilla Steinert performen pantomimisch-minimalistisch Arrangements zwischen Enkelin und Großmutter, während es biografische Informationen hagelt.

„Aufgewachsen in einem hessischen Dorf …“

Das Ballhaus Naunynstraße präsentiert künstlerische, aktivistische und theoretische Ansätze von Schwarzen Protagonist*innen und People of Color zur Dekolonisierung der Gegenwart. Kolonialität diktiert auf vielen Ebenen unseren Alltag, haftet an den Dingen, an Alltags- und Kulturgegenständen, wirkt bis in die eigenen vier Wände hinein, bestimmt Essen und Trinken, Erben und Kaufen. Das Festival zeigt künstlerische Methoden auf, die Körper, die Dinge der Kunst, der Warenwelt, der Archive aus der kolonial fixierenden Rahmung zu schieben und die Perspektiven zu vervielfältigen.

„Schwarzsein ist das Andere und deshalb verdächtig. Diejenigen, die in unserer kollektiven Vorstellung eine Gefahr darstellen, sind nicht weiß. Diese Botschaften sind von so durchschlagender Wirkung, dass mein vierjähriges Ich sie dank des Fernsehens bereits entschlüsselt hatte und wusste, dass alle, die aussahen wie ich, schlimmstenfalls Verbrecher und bestenfalls aufsässige Nebenfiguren waren.“ Reni Eddo-Lodge

Mit Weißen über Phänomene des nicht-begriffenen Rassismus zu sprechen, ist grandios mühsam. Doch genau das wird von der Enkelin verlangt: in Aushandlungsprozessen mit der Großmutter um familiäre und außerfamiliäre Teilhabe. Die strukturell Abgelehnte ist einem überdurchschnittlichen Anpassungsdruck unterworfen. Sie will besonders adrett erscheinen und keinem Vorurteil entgegenkommen. Auf den Strecken der Anpassungsbereitschaft bleibt die Seele auf der Strecke. Double Bind-Konstellationen gleich wie man sich dreht und wendet.

Eine Agentin der Zukunft spricht von einem „Teufelsdreieck zwischen Mutter, Großmutter und der eigenen Person“. Die Mutter habe sich auf einen Rebellenstandpunkt gestellt, dessen Nachahmung der Tochter das soziale Genick brechen würde. Ihr bleibt nur die Übererfüllung der Normen und die Übernahme der Ressentiments zum Beweis der Zugehörigkeit.

Eine Informantin thematisiert ihre Angst vor lebensgefährlichen Verfolgungen. Sie ist darauf eingestellt, Europa zu verlassen.

Eine toxische Reaktion offenbart sich ungefähr so:

In der S-Bahn. Ein Schwarzer setzt sich mir gegenüber, zückt ein Smartphone und ich denke, das ist doch geklaut. Wo kommt das her? Wie kommt der Rassismus in meinen Kopf?

Fazit:

„Stricken“ ist eine sehenswerte Untersuchung von Konstitutionen deutscher PoC ohne afrikanische oder afroamerikanische Identitätstankstellen. Ihre brüchigen Identitätskonstruktionen indizieren die Undurchlässigkeit der Verhältnisse, an denen sie sich abarbeiten.

09:11 28.04.2019
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