Durchschlagende Kraft

Clarice Lispector Die Erzählerin rückt so dicht an die Autorin, dass ich mich mit einer akademischen Binse ...
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In „Erklärung“ rückt die Erzählerin so dicht an die Autorin, dass ich mich mit einem akademischen Allgemeinplatz davon abhalten muss, sie auch so ansprechen.

Man darf die Autorin nicht mit dem erzählenden Ich gleichsetzen.

Manchmal ist die Suggestion aber zu stark, um ihr nicht zu erliegen.

Vom Leben abgeschrieben

Zur Spielanordnung

Der Artenova-Verleger und Dichter Álvaro Pacheco* gibt der narrativ durchziehenden Macht das Mandat drei, dem Leben abgeschriebene Geschichten mit ihrem Können aufzumöbeln.

*„Álvaro dos Santos Pacheco (Jaicós, 26 de novembro de 1933) é um servidor público, advogado,empresário, escritor, editor, jornalista e político brasileiro que exerceu o mandato de senador pelo Piauí na qualidade de primeiro suplente de Hugo Napoleão.”

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Die Könnerin haut die Sachen raus. Zack. Zack. Zack. Auch der Kunst liefert Geschwindigkeit Vermögensbeweise. In Stunden ist die Chose verfasst: Miss Algarve, Der Körper, Kreuzweg.

„Alle Geschichten … sind von durchschlagender Kraft.“

So wird eine Selbstverständlichkeit angesprochen. Es folgt ein Aufgalopp der Binsen. Die Autorin beschreibt sich als „ernsthafte Frau“, die jedenfalls „nicht des Geldes wegen (schreibt), sondern aus innerem Antrieb“.

Sie datiert ihre Preisgaben auf einen 12. Mai und nimmt zugleich Zuflucht zu einem Pseudonym, das ihr gleich wieder ausgeredet wird. Sie soll so frei sein, sich mit ihrem richtigen Namen unmöglich zu machen. Alles Weitere erfolgt in Erwartung einer Steinigung.

Miss Algarve/ Trottoirroutinen

Eine irische Sommersprossenschönheit, so ledig wie von Grund auf und bis in die letzten Winkel virginesk, spielt sich unter die massenhaft Versprengten von Soho. Jeden Tag passiert Ruth aka Miss Algarve Sexarbeiterinnen am Piccadilly Circus, deren Trottoirroutinen ihren üppigsten Widerwillen erregen.

Ruth führt eine Mansardenexistenz in den privaten Stunden. Beruflich wirkt sie als Schreibkraft „ohne Fehl und Tadel“. Hochmütig und bibelfest bedenkt sie, was ihr die Tage beschweren. Eines Samstagabends besucht sie ein Saturner, der sich Ixtlan nennt. Der Extraterrestrische prahlt mit einer Natternkrone. Für ihn kann sich Ruth einfach ausziehen. Offenbar kennt Ixtlan die Agenda ihrer Geheimwunschliste.

„Es war, als schleuderte ein Krüppel seine Krücke in die Luft.“

Ruth erlebt Lust und Liebe wie in einem Atemzug.

„Sie war tatsächlich vom Schicksal begünstigt. Sie war die Auserwählte eines Wesens vom Saturn.“

An dieser Stelle öffnet sich die Geschichte. Sie verändert ihre Gestalt. Ein Strenge predigender Formalismus endet als Trost der Einsamen und Armen. Ruth mischt sich frivol unter die Leute. Sie zieht zahlende Liebhaber aus dem Angebot der Straße. Vor allem jedoch freundet sie sich mit einem grobianischen Gestus an.

Ich will die Skizze mit einem Fazit aufgeben. Mein Interesse greift da durch, wo ich mir nicht erklären kann, warum ich weiterlese. Der Außerirdische ist nichts als Klischee und Wunschwahn. Der „stark behaarte Mann“, den Ruth kurz nach ihrer sexuellen Erweckung zur Penetration heranzieht, gibt nichts her außer einer gewöhnlichen Gleichgültigkeit gegenüber Ruths Euphorie, das ihm an den Haaren herbeigezogen erscheint. Ruth schwebt weiterhin vor, mit einem tiefen Ausschnitt zu einer höheren Gehaltsklasse aufzuschließen.

„Der (Chef) wird seine Freude an mir haben, der Bastard.“

Das ist alles sehr gestrig. Seinen größten Reiz zieht das antike Programm aus der projizierten Natürlichkeit. Ruth übersieht die Zeitgebundenheit ihrer Performance. Sie hält sich in ihrem Lauf für gesellschaftlich ungebunden. Sie glaubt, dass Leben selbst äußere sich wohlwollend, da sie nun „ganz Frau“ ist.

Zeigt mir eine, die sich mit Ruth identifiziert.

Postheroische Agonie

Warum gelingt manchen das Leben mühelos, während andere sich vergeblich abmühen? Die Antwort ist einfach. Die, die sich schinden und glauben, immer kämpfen zu müssen, haben nicht verstanden, dass sie sich selbst blockieren. In Wahrheit kämpfen sie gegen sich. Sie müssten loslassen, um mühelos zu werden.

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Wir kennen die Avenida Copacabana als Boulevard der Verheißung. In der akuten Perspektive erschöpft sich der Prospekt in einem Dreiklang der Ansichten. Häuser, Meer und Leute wimmeln zusammen in einem kraftlos-unscharfen Bild.

Im Kontext der Wahrnehmung unter den Vorzeichen des Jetzt stellt sich die Avenida Copacabana auch so dar:

„Die Apartments Av. Nossa Senhora de Copacabana bieten Ihnen Unterkünfte zur Selbstverpflegung und liegen nur hundert Meter von der berühmten Copacabana entfernt … Die U-Bahn-Station Cantagalo ist drei Blocks entfernt … Den Flughafen Santos Dumont erreichen Sie nach zehn Kilometern.“ Quelle

In „Gott vergeben“ färbt Sepia die Magistrale. Wieder erscheint die Erzählerin namenlos. Sie befindet sich in einem Zustand „müheloser Aufmerksamkeit“.

„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“

Zärtlich besitzt sie die Dinge mit den Augen. Anders will sie sie gar nicht haben. Sie betont, nicht auf einer tour de propriétaire zu sein. Gleichzeitig fühlt sie sich als „Mutter Gottes“.

Wer kennt das nicht?

Der Planet liegt einem zu Füßen. Man weicht zum Strand hin ab vom Straßenverlauf. Unter den Sohlen ergeben sich Muscheln, um mit einem Wohllaut zu zerbrechen. Der Sand macht sich geschmeidig. Der Strand wird zur Metapher der Privilegien. Man erlebt dies gewiss „ganz ohne Anmaßung und Selbstherrlichkeit“. – Und so stellt sich die Erzählerin auch Gott vor; nämlich als ein Wesen, „dass sich ohne jeden Stolz und jede Kleinlichkeit liebkosen“ lässt.

Die Erzählerin befragt sich. Sie argumentiert gegen sich selbst mit den Argumenten der Psychoanalyse, in der sie so bewandert ist wie du und ich.

Darf man so empfinden?

Steckt man jetzt in einer Hybrisfalle? Hat man sich wüst verirrt?

Die Erzählerin vollzieht an sich die Apotheose, und ich sage, so what, Baby. Vom Mummenschatz zum Nonnentanz … was wissen wir denn? Die Erfüllte mäandert aus der Geläufigkeit. Man fürchtet Gott auch da, wo man ihn liebt; so betet sie einen Allgemeinplatz nach. Bevor sie sich gedanklich selbständig macht:
„Von einer mütterlichen Zärtlichkeit für Ihn“ hat sie noch nie gehört. Nun aber liebt sie Gott wie einen Sohn. Deshalb kennt sie auch seine Schande.
Clarice Lispector erzählt das so. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen: diese Verdrahtung von Gott, Sohn und Schande. Vermutlich verwest in dem delirierenden Ich doch noch sehr viel mehr religiöse Erziehung als in mir. Es gibt da einen Übergang. Da will, so scheint mir, die Erzählerin für Gott (ihren Sohn) den Rock heben. Vielleicht habe ich mich verlesen. Andererseits standen wir den Göttern auch schon mal näher und waren mit ihnen verwandt und stammten heldisch ab von ihnen. Daran erinnere ich in der postheroischen Agonie, die auch eine Aporie ist.
Keiner weiß mehr.
Das alles interessiert mich weniger als die „Mühelosigkeit“. Ich verwende den Begriff in dem Sinn, den ihm Professor Kernspecht* gegeben hat.

„Davon abgesehen denke ich, dass ein ganz entscheidendes Erlebnis war, als ich sah, wie Joseph Cheng damals einen Herausforderer nach dem anderen (mit Wing Tsun) besiegte. Und dabei elegant aussah! Das war, was ich wollte: mit dem Gegner kämpfen und mit ihm spielen. Mühelos.“ Großmeister K. Kernspecht/Quelle

Saugender Einstieg

Solange man Menschen anziehend findet, geschehen seltsame Dinge. Davon die Rede ist in „Unfreiwillige Fleischwerdung“. Auch diese Miniatur erzwingt mit einem soghaften Einstieg die Aufmerksamkeit der Leserin.

Wer - Von wem - Was - Woraus?

Die Erzählerin liefert die Informationen auf einem Vorfeld des Geschehens, so als wähne sie sich in der Gesellschaft einer Schar messerscharf ermittelnder Jurist*innen oder Journalist*innen oder Polizist*innen.

Wer - Von wem - Was - Woraus? So geht die Litanei jeder Tatbestandsfeststellung.

Auf einem Flug bittet die Erzählerin Gott, ihr die Verschmelzung mit einer Missionsschwester zu ersparen.

„Ich will nicht diese Missionsschwester sein.“

Doch macht die Intuition keine Pause.

„Ich wusste … (ich) würde … mehrere Tage Missionarin sein.“

„Das ausgesucht höfliche Zartgefühl“ der Nonne ergreift wie ein Krake Besitz von der wehrlos Empfänglichen. Das Programm der anderen geht ihr gegen den Strich. Die Erzählerin weist sich aus als geschäftige Person, befasst und erfüllt mit/von irdischem Kleinkram. In ihrer Person feiert sich die Diesseitigkeit. Das Apollinische ist Trumpf.

Eine Verächterin der Schwermut spricht. Übertriebene Empfindlichkeit erscheint ihr so störend wie mir. Die Nonne aber kam erschöpft auf die Welt, um da das Schauspiel eines zermürbten Kindes aufzuführen. Allem Praktischen begegnet sie mit „Bangigkeit“.

Prätentiös findet die Erzählerin jene „evangelikale Spannung“, die plötzlich in ihr arbeitet.

Muss ich deutlicher werden? Clarice Lispector beglückt uns mit Genie. Zack schlägt sie eine Seite des Lebens auf und der Rest kommt wie das Katzenmachen.

Die Autorin spielt mit den Metaphern der Inkarnation. An die Stelle der göttlichen Fleischwerdung tritt eine triviale Inkubation. Das prosaische Ich registriert die Symptome.

„Noch im Flugzeug bemerke ich, dass ich mich wie eine heilige Laiin bewege.“

Geduld und Bescheidenheit nehmen drakonisch Quartier in der Erzählerin. Nun ist ihr jedes „kräftige Auftreten“ verboten.

„Ich bin jetzt blass, ohne eine Spur von Lippenstift.“

Indem die wie von Invasionstruppen Eingenommene das Nonnenrepertoire in ihren Registern speichert, desavouiert sie es. Sie kehrt die Schwächen der vorgeblich Makellosen nach außen. Sie verrät aber auch die heimlichen Freuden einer von ihrer Sendung Dauerpenetrierten; die das Leid überwunden zu haben behauptet: auf einer gauklerhaften Friedensmission.

Es geht um die Rummelplatzaspirationen des übergeordneten Standpunkts. Mit den Tentakeln der Nervosität einer konsequent Weltlichen spürt die Erzählerin das hausgemacht Muffige und klappernd Hochstaplerische an der Seligkeit ihrer Nonne auf. Die leichte Brise einer penetranten „Sanftheit“ weht über Maulwurfhügeln moralischer Anmaßung.

Ein Kaugummi verteilender Steward lässt die Nonne erröten. Das umgeleitete Begehren bewirkt eine an Hinfälligkeit grenzende Anfälligkeit. Die Erzählerin erkennt den „geläuterten Fanatismus dieser … Frau“. Die bloße Nähe eines jungen Mannes heizt sie auf.

Die zwanghaften Anverwandlungen sind nicht nur belastend, sondern auch reizvoll. Die Gegenprobe macht die Erzählerin auf einer anderen Reise. Sie gerät in den Bann einer geruchsexpansiven Sexarbeiterin, die gerade einen Mann hypnotisiert. Die Nachahmung misslingt. Die Anverwandlungsartistin konstatiert einen „völligen Fehlschlag“. „Der Dicke“, den sie in ihr Anziehungsnetz zu spinnen versucht, offenbart sich als totaler Stoffel. Er bleibt mit seinem Interesse bei seiner Zeitung. Er bleibt bei sich. Warum sollte er den Hort seiner Bequemlichkeit verlassen. Vielleicht ist er Kriminalbeamter und versiert in verdeckten Observationen. Bestimmt hat er daheim alles, was er braucht. Da sitzt kein Ausgesetzter, während die Nonne, peinlich getriggert von grandiosen Ich-Ideen, nicht weiß wohin mit den irdischen Anhaftungen.

Eisiger Kuss

Stammbaumpedanterie

Das Alter hat aus ihr einen neuen Menschen gemacht. Sie kann sich nicht mehr mitteilen. Das sagt sie so. Sie fühlt sich in einer Tombola geschäftsförmiger Beziehungen verwirbelt.

Das ist die Spielanordnung in „Die Abfahrt des Zuges“.

Die Akteurin, gut gekleidet und auch sonst tipptopp und auf Zack, so wie viele Alte, die sich nichts nachsagen lassen wollen, erlebt sich zunächst in der Rolle einer Abreisenden auf dem Bahnhof. Ihre Tochter entlässt sie mit „eisigem Kuss“. Sie gewährt der Mutter das Recht nicht mehr, empfindsam und wählerisch zu sein. Die Verabschiedete fühlt sich wie ein Gepäckstück expediert.

Manche verlieren im Alter ihre Form. Andere gewinnen ungeahnte Konturen.

Lispectors mürbe Heldin wähnt sich vom „Feingefühl“ junger Leute im Abteil „überwacht“.

Die Beobachtung ist superb. Es verhält sich doch genau so. Kommt man mit zukunftsfähigen Protagonisten in Kontakt, holt man alles Mögliche aus dem Habitusrucksack, um nicht ganz abgelegt zu wirken. Wie schrecklich ist das. All die milden Tadel und stillen Zurechtweisungen, mit denen die Ausgemusterten bedacht werden. Und dann sollen die parfümierten Greise auch noch froh sein, dass man sich überhaupt abgibt mit ihnen. Es weiß doch jeder, dass das Tünche und Vorspiegelung ist, was man sieht und riecht.

Zum Glück für Maria fahren die effektivsten Krachmacher*innen an anderer Stelle im Zug mit. Sie sucht billige Zuflucht im Gebet; Erlösung zum Discountpreis.

Nichts hilft mehr.

Apperzeptionssperre

Einer Coupénachbarin stellt sie sich mit aller iberischer Umständlichkeit vor ... Maria Rita Alvarenga Chagas Souza Melo. Die Namen gehören zur Stammbaumpedanterie.

Was nutzt die Herkunft der Dame? Das hatten wir schon. Maria ist „eine x-beliebige alte Frau, die jede Kleinigkeit (erschreckt)“.

„Beim Lachen erwies sie sich als eines dieser alten Mütterchen voller Zähne.“

Mit „leeren Augen“ heuchelt sie Anteilnahme. Um es präziser zu fassen: Maria würde gern Anteil nehmen. Allein, eine Apperzeptionssperre vereitelt das Überlaufen ins Allgemeinen. Maria kommt nicht mehr mit. Das Leben eilt ihr voran und dreht ihr lustig eine lange Nase ins Ungefähre. Es weiß nämlich, dass sich Maria der bösen Botschaft nicht entziehen kann.

Kunstvolle Trostlosigkeit

Lispector beweist einmal mehr ihr Genie in dieser Geschichte. Die Autorin spendet keinen Trost. Sie verzichtet auf ein Fazit. Alles bleibt in der Schwebe.

Nebulöser Nebukadnezar

Es geschieht nur einmal. Doch das reicht, um den Lauf der Welt rauchen zu lassen. Ein übergeordnetes Ich, vielmehr eine Instanz als ein Akteur, bemerkt den „Schrei“ eines Hahns zur „Unzeit“. Ob nun im Hahn oder in seinem Schrei: das Medium der Autorin erkennt darin das Prinzip der Welt, nach dem alle Flüsse im Meer münden.

Sümpfe dampfen vorzeitlich. Wir sehen das Mangroven- und Zypressen-Theater mit all seinen Schattenspielen als Kulisse für „die Kehrseite des Guten“. Kobolde mischen sich unter Frauen und Männer „wie erloschene Gottheiten“. Gleichzeitig wird allen Selbstmördern die Messe gelesen.

Größenwahnsinnige Würmer/ Antike Urbanität

Clarice Lispector verknüpft die Entstehungsgeschichte der Menschheit mit der Bauernhistorie der Sesshaftigkeit. Babylon entsteht aufs Neue und ein nebulöser Nebukadnezar drückt ihr seinen Stempel auf. In der antiken Urbanität war sofort alles da, einschließlich der Verkehrsprobleme im Gott lästernden Größenwahn aus Lehm & Gold.

„Die Menschen schwänzelten am Boden wie dicke, weiche Würmer: nach oben.“

„Glucksend lachende Hunde“ spielen ihre Rollen in „Wo wart ihr in der Nacht“. Die surreale Patina erscheint leicht überzogen. Lispector bedient sich im Baumarkt für Geschichten, in so einem Erzähl-Ikea. Den Phantastischen Realismus gibt es da als Komponentenkleber.

Mich stört der Schnäppchencharakter des Untergrunds und Aufbaus nicht.

„Der Hügel war aus Alteisen.“

Trotzdem zieht es mich weiter zu den psychologischen Feinzeichnungen der Kleinode, ohne erdgeschichtliche Verwerfungen und Gabriel-García-Márquez-Chichi. In „Dona Frozinas Finessen“ taucht die Titelheldin als Nutznießerin einer Hinterbliebenenrente auf. Vierzig Jahre lang hätte ich die kurze Statusmeldung einfach überlesen. Jetzt denke ich, so eine Witwe ist fein raus mit ihren regelmäßigen Bezügen. Der kann keiner ans Zeug flicken. Sie bleibt einfach unter sich und löst Kreuzworträtsel am Küchentisch. Ab und zu schleicht sie durch das Strahlengitter eines segregativen Unmuts zum Fisch-Fritz und seinem Nachbarn, dem Gemüse-Joe, und zieht das Nötigste an Land.

„Dona Frozina ist sehr katholisch und verbringt einen Großteil ihres Lebens in Kirchen.“

Obwohl einst eine famose „Gebärerin“, wurde Dona Frozina als Witwe wieder Jungfrau.

„Also bitte, meine Gute, so eine Sünde! Ich bin als Witwe jungfräulich, liebes Kind.“

Dona Frozina stellt sich selbst das richtige Attest aus und verwaltet ihre Bedürfnisse mit Finesse.

„Dona Frozinas Finessen“ - der Titel verzettelt sich nicht. Ich muss wieder einmal ausholen, um zu erklären, warum mich Lispectors kleine Prosa so anzieht. Die meisten ihrer Akteurinnen sind versprengte, manchmal fast schon geächtete Frauen, die jederzeit auch unglücklicher sein könnten. Doch finden sie, jede für sich, einen Dreh ins Positive. Ich denke gerade an meine vielen Urgroßtanten. Meine Oma sagte im hohen Alter von siebzig Jahren noch Tante zu einem Schock schwäbischer Provinzpietistinnen. Manche überlebten ihre Männer um ein halbes Jahrhundert. Die Männer waren im Krieg geblieben, wie ihre Witwen sagten. Sie waren nicht mehr heimgekehrt. Ich sag jetzt nicht gottlob. Aber es gab diese Tendenz. Allein froh zu sein. Das heißt, allein waren meine Urgroßtanten nicht. Sie waren einander Schwestern, Tanten und Nichten mit einer Entschlossenheit, die ich bei heutigen Feministinnen vermisse.

Refugiés einer anderen Zeit

Sie lebten in Waldenserkolonien, die Corres, Serres und Pinache heißen. Unsere Vorfahren waren Refugiés einer anderen Zeit gewesen. Alle wohnten im Eigentum und besaßen schmale Streifen eines Maulbronner Weinbergs, der vor langer Zeit aufgeteilt worden war und von einem familienfremden Winzer bewirtschaftet wurde. Ich war oft und gern im Wingert, wo die allerknotigsten und -urigsten Typen ein stadtabgewandt-maulfaules Leben führten. Sie beherrschten Kartentricks, Knotentechniken und jene kleinen Messersachen, die daran erinnerten, dass man durch die Jahrhunderte für seine Sicherheit selbst zu sorgen hatte, zumindest als halbverrückter Knecht, den es in den Nächten von Freitag auf Samstag auf die Landstraße zog. Er frequentierte ein paar Schankgelegenheiten, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr kennt. Stallbudiken. Nicht konzessionierte Küchenkneipen, deren Wirtinnen den sozialen Kosmos der Habenichts beherrschten.

Sie waren mittelos in einer Gegend, in der kein Rechtschaffender zur Miete wohnte.

Die Häuser meiner Urgroßtanten sahen alle gleich aus. Sie waren schmal, dunkel und mineralisch-kalt. Man betrat sie grundsätzlich von hinten, nach einer Durchquerung des Küchengartens. Man kam zuerst in die Küche, dem entscheidenden Raum. Die Häuser moderten. Aber über oder unter dem Schwammgestank lag der Geruch von Kaffee. Echter Bohnenkaffee war ein Fetisch im Kreis der unbemannten Kittelschürzen. Übrigens trugen diese Frauen gern Strümpfe, die bis zu den Schenkeln reichten. Die gute Beinhaftung war ein Thema. Im Weiteren besprach man Eigentumsverhältnisse vor Ort. Dem ungeheuren, meinetwegen auch bigotten Materialismus zum Trotz, bestimmte unverbrüchliche Frauensolidarität den Kurs des Alltags. Meine Urgroßtanten wollten ihre Erwins und Wilhelms nicht zurückhaben. Ich wüsste das nicht, wäre es nicht besprochen worden. Nicht wenige waren ihre Männer lästig gewesen. Ich lernte, ein guter Mann ist einer, der nicht zu lange am Leben bleibt und seine auf hundert Erdenjahre geeichte Witwe gut versorgt zurücklässt. Auf dem Sterbebett sagte sie dann gnädig:

„Ich geh jetzt zu meinem Erwin wahlweise Emil oder Wilhelm.

Kostbare Glut

Ein Mann schürt das Feuer im Kamin. Er erfüllt eine Pflicht, mehr nicht. Im narrativen Gegenlicht erkennt die Beobachterin den überzeitlichen Hüter. Sie sieht eine Spielfigur aus dem Arsenal des verlockenden Anfangs. Ein Blitz spaltet einen Stamm und entzündet ihn. Aktivist*innen des Überlebens nehmen das Feuer dankbar entgegen und transferieren die kostbare Glut sonst wohin.

Jahrtausende später erhält die elementare Szene einen phylogenetischen Widerschein.

Die Autorin hält sich mit Merkwürdigkeit auf, dass es ihrer Akteurin überhaupt nicht in den Sinn kommt, das Feuer zu versorgen. Das ist nicht ihr Bier*. Vielmehr gliedert sie sich dekorativ und gibt ein schönes Bild von sich selbst ab.

*„Das ist nicht ihre Rolle, dafür hat eine Frau ja ihren Mann.“

Manchmal fühlt sie sich bemüßigt, in der Glut des männlichen Eifers zu stochern. Sie scheucht den Mann auf und treibt ihn an.

„Der Scheit da … brennt noch nicht richtig.“

Die entscheidende Person im Raum wähnt sich in der richtigen Position. Sie „kann haben“.

Auf einer übergeordneten Reflexionsebene, auf der keineswegs die Autorin thront, sondern ein Erzählerinnengespenst (ganz wie das Orang-Utan-Weiblichen in traurigen Tropen regenwälderisch auf einem vom Nebel verhangenen Klettergerüst) abhängt, wird das Kaminfeuer zur Metapher für das richtige Leben in einer konventionellen Ehe nach den Maßstäben vergangener Zeiten.

„Nein, sie meint nicht das Feuer, sie meint das, was sie empfindet.“

Das empfindet sie in einem Kontext, in dem es ihr nicht ratsam erscheint, dem Mann Befehle zu erteilen. Vielmehr lenkt sie ihn mit Schenkeldruck gleichsam.

„Nicht auf ihren Befehl, sie ist ja die Frau eines Mannes und verlöre ihre (Macht), wenn sie ihm Befehle erteilte.“

Lispector vermisst selbst die Strecke vom Knistern der Scheite bis zum Knistern der Atmosphäre, und weiter von der sachten Glut bis zum Auflodern der ehelich erregten Akteurin.

Der schmale Prosastreifen mit dem kolossalen Titel „Ungeschminktes Leben“ wäre heute ganz unmöglich. Niemand erzählt mehr so, also auch kein Mann im Echoraum verlorener Dominanz.

Und doch steckt ein Roman in dem Stück. Der Roman einer aufgegebenen Selbstverständlichkeit. Er handelt von dem unerklärlichen Einverständnis der Frau mit den Machtverhältnissen. Sie scheint die Verhältnisse für natürlich zu halten; das ist der Clou. Sie löckt nicht wider dem Stachel. Stattdessen lockt sie den Gatten mit Gesten der Unterwerfung in die Sphäre ihrer Nahsinne.

Ich kenne das Programm von meiner Oma. Einer ihrer Binsen lautete:

„Und immer lockt das Weib.“

Für das Kind in der privilegierten Enkelrolle klang das nach Bibel und Ewigkeit. Es war Zeuge mancher Umgarnung. Oma ging Opa schmierenkomödiantisch um den Bart. Das weibliche Antichambrieren erschien mir ganz normal in einer Geruchsoffensive aus Haarspray und Kölnisch Wasser. Ich weiß noch gar nicht so lange, dass meine Oma nicht die Bibel zitierte, sondern einen französischen Schinken anbrachte. „… und immer lockt das Weib“ begründete 1956 den Brigitte Bardot-Mythos. Die Elevin reüssierte in ihrem dritten Film gemeinsam mit dem „normannischen Kleiderschrank“ Curd Jürgens.

„Die 18-jährige Juliette, ein aufreizendes junges Waisenmädchen, wächst bei einem kinderlosen, strengen Ehepaar in Saint Tropez auf. Einige Männer verlieben sich in sie, während sie, nur Augen für Antoine Tardieu hat.“

„Wegen seiner Statur und kühl wirkenden Ausstrahlung erhielt der 1,93 m große Schauspieler von Brigitte Bardot den Spitznamen normannischer Schrank. Die deutsche Presse machte daraus normannischer Kleiderschrank.“ Wikipedia

05:18 25.12.2020
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