Dylans Dunstkreis

Jami Attenberg „Nicht mein Ding“ - Solange sie jung ist, fallen Greta interessante Aufgaben zu, und alles fühlt sich richtig an.
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Bob Dylan war heroinsüchtig. Das sagte er in einem 1966 aufgezeichneten Interview, das Jahrzehnte als Verschlusssache gehandelt wurde. Der Vater der Romanheldin Andrea figurierte als Junkiemusiker in Dylans Dunstkreis. Bis zum Ende seiner Tage verbreitete er Dylan & Ich-Stories, die kaum angeberisch waren. Die Kunde aus dem Bauch des Weißen Wals überlagerte die Frage, warum der namenlose Insider nicht geschafft hatte, was dem Sagenhaften gelungen war. Liest man Jami Attenbergs Roman „Nicht mein Ding“ mit dieser Vorgabe, erkennt man, dass sich alles um die Gründe aka Grundlosigkeit des Scheiterns dreht. Man kann den Roman selbstverständlich anders lesen und dann liefert das Scheitern nur ein Nebengeräusch.

Solange sie jung ist, fallen ihr interessante Aufgaben zu, und alles fühlt sich richtig an. Die Magazinchefin Greta bewahrt einen Musiker vor dem Ungemach einer ungebundenen Existenz. Sie begleitet seinen Erfolg, bis David an seine Grenzen stößt. Dann eröffnet sie ihm ihre Spielräume. Greta hebt David auf ihr Niveau. In der Gesellschaft „schillernder Medienmädchen, deren Gelächter klimpert wie mit Kristallen gesäumt“, absolviert sie „feuchtfröhliche Geschäftsessen“ im New Yorker „Balthazar“, während er zuhause komponiert. Irgendwann ist die Party zu Ende. Greta und David verziehen sich in ein geerbtes Haus in New Hampshire, ihres Glamours beraubt. Greta bringt ein krankes Kind zur Welt. Sigrid stiftet den Familienkosmos.

Jami Attenberg, „Nicht mein Ding“, Roman, aus dem Englischen von Barbara Christ, 224 Seiten, 22,-

Jami Attenberg bringt die Konstellation in einem Nebenverlauf. David ist Andreas Bruder. Andrea laboriert an der Verschiebung der familiären Gravitation. New York steht nicht mehr im Zentrum. Andreas Mutter vergrößert die Familie ihres Sohnes so weit weg wie noch nie von ihren Elixieren.

Für Andrea liegt New Hampshire im Wald.

In New York wohnen

Attenberg beschreibt in Personen vereinte Gegensätze. Andreas Mutter besitzt eine mietpreisgebundene Wohnung in New York. Sie sei das Beste, was sie von ihrem Ehemann je erhalten habe. Die Wohnung rangiert vor den Kindern. Sie gestattet der ewig lavierenden Graswurzel-Aktivistin Raumerlebnisse, wie sie in NY nur reiche Leute kennen. Attenberg schildert den Fetischcharakter der Wohnung. Das Ding wächst in seiner mentalen Bedeutung für Mutter und Tochter weit über die Quadratmeter-Größe hinaus. Da ist Überfluss, wo sonst nur das Nötigste zur Verfügung steht.

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Die von allen ersten Plätzen vertriebene Greta kämpft um kleine Brötchen. Sie und David sind nicht krankenversichert. Das verheißungsvoll gestartete Paar wiederholt eine Konstellation der Vorgängergeneration. Davids und Andreas Vater hatte eine Ausnahmekonstitution. Er funktionierte heroinabhängig in der Versorgerrolle zwar schlecht, aber immerhin. Geld verdiente er als Koch und ab und zu flatterte ein Tantiemenscheck ins Haus, der an eine Ära TV-musikalischer Erfolge in den 1960er Jahren erinnerte.

Auch dieses Detail wirkt erstaunlich ausgebaut in dem facettenreichen Roman. Der Junkie tarnte sich als Bohemien und bewahrte sich wohl eine kleine Verachtung für den Kommerz, der es ihm überhaupt erst erlaubte, sich verkannt zu fühlen.

Andreas Vater war an den Tischen der Dylans zugelassen, nicht aber auf ihren Bühnen.

Auch Andrea wiederholte das väterliche Scheitern als Künstlerin, so als sei sein Versagen nicht genug, um etwas Grundsätzliches von erdgeschichtlichem Gewicht klarzustellen.

Wer von euch wider den Stachel der Normalsterblichen löckt, bezahlt seinen Hochmut in einer mäßig heißen Hölle.

Fail better

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Die leichte Verfügbarkeit des Scheiterns als ursprünglich theologische Kategorie behält ihren vornehmsten Grund in der pastoralen Pädagogik. Zum seelsorgerischen Selbstverständnis gehört die Abklärung des Sprengels. Ihm (im Plural der Gemeindemitglieder) soll seine kläglich-erhabene Stellung im Universum nicht vorenthalten werden. Bis zum Existenzialismus begriff man das Scheitern in allen mehrheitsgesellschaftlich wirkungsvollen Sektoren grundsätzlich theologisch. Camus und Beckett (auch Graham Greene ist hier interessant) gaben in ihren Auseinandersetzungen mit dem Scheitern die theologische Bedeutung des Begriffs nicht auf.

Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. Samuel Beckett

Das Besondere diente dem Allgemeinen, wie zum Beispiel der trunksüchtig vom Glauben abgefallene Priester als kolonialer Dutzendtyp, der eine Clash-Folge von Christentum, bescheidener Herkunft und Imperialismus repräsentierte. Heute und schon lange wirkt vor allem die Trostfunktion des Schreibens. Es tröstet „die Langsamen im Kopf“ (Silvia Szymanski), über ihr Scheitern zu schreiben. Deshalb statten Autor*innen ihr Personal entsprechend aus: um ihre Niederlagen im Leben literarisch wettzumachen. Wenn Jessica Andrews‘ Heldin in „Und jetzt bin ich hier“ bemerkt:

„London ist auf Geld und Ehrgeiz gebaut, und von beidem hatte ich nicht genug“,

erkennt der Kritiker in der Feststellung die Weigerung, das Richtige zu tun: nämlich so beschämt wie sang- & klanglos abzurücken; anstatt auf einem Spot der Optimierung ins eingeborene Sediment zu sinken.

Ich komme gleich auf Andrews Roman zurück. Mich beschäftigt noch Jami Attenbergs „Nicht mein Ding“. Attenbergs Heldin ist das Produkt einer in die Länge gezogenen Haltlosigkeit. Andrea wuchs als Tochter unkonventioneller Leute in einer sozialen Ruine auf, nahm einen Anlauf mit Absprung, um die Spannweite ihrer Begabungsflügel zu messen, und verlor sich rasch in prekärer Bedeutungslosigkeit mit ödem Job und toxischen Beziehungen.

In der Handlungsgegenwart ist Andrea eine von sich selbst enttäuschte Person, die dazu neigt, sich in den Schatten grandioser Frauen zu stellen. In einer Rückblende schildert sie sich als Jüngerin, die ihr Idol mit Selbstverstümmelungsbereitschaft anhimmelt.

„Ich bin sechsundzwanzig und würde mir die linke Titte abschneiden, um sie zu sein.“

Die Szene:

Eine „brutale Pracht“ in Punkstiefeln zu Füßen der feministischen Paradepersönlichkeit. Andrea bemerkt die heldischen Arme eines Skulpturenschweißers, der als zwanzig Jahre jüngerer Liebhaber einer Ikone der Frauenbewegung dient.

Wieder geht es um das Gelingen.

Felicia gelingt alles, ihrer Assistentin Andrea nichts.

Andrea kennt ihre Fehler. Sie hat es versäumt, „über ihre Kriterien nachzudenken“. Seit zehn Jahren „malt sie einfach drauf los, (wenn sie nicht) kellnert oder Dämpfe einatmet“.

Attenberg schildert ein Abhängigkeitsverhältnis, in dem sich Andrea genauso unzulänglich wie herausgefordert fühlt. Sie reagiert auf die Dominanz der anderen. Sie spricht darauf an: mit dem Wunsch, sich zu unterwerfen.

Felicia zeigt kein besonderes Interesse an Andreas Angeboten. Sie nutzt ihre Anhängerin aus, gereizt von Andreas Ergebenheit.

Andrea fühlt sich von jedem Arbeitstag seelisch herabgesetzt

„Ich habe Zeit an diese Männer verschwendet. Und jetzt kommen sie mir vor wie Gespenster.“

Das sagt Andreas Mutter beim Leichenschmaus nach einer Beerdigung. Die dauerklamme Graswurzlerin (mit einer Vergangenheit als professionelle, gegenüber ihrer Tochter achtlose Gastgeberin) bilanziert das Leben einer Freundin:

„Betsy war dreimal verheiratet, und zum Schluss ist sie ganz allein gestorben, ziemlich glücklich.“

Prophylaktische Paarberatung

Andrea kennt nichts anderes als „ein Leben am Rand der Pleite“. So ist sie aufgewachsen. Sie macht so weiter, bis es nur noch trister werden kann.

Nach zig Ausflügen in die Grandiosität ist Andrea in der Selbstgenügsamkeit angekommen. Die als Künstlerin unspektakulär gescheiterte New Yorkerin bezieht 2003 ein „schäbiges Loft in einer miesen Ufergegend“. Das Beste an den häuslichen Verhältnissen ist die Aussicht auf das Empire State Building. Jeden Tag zeichnet Andrea den Prachtbau. Die Übung erfüllt mehrere Funktionen auf den Schienen der Kontemplation und vielleicht auch der Abbitte für vergangene Hybris.

In einem erschöpfenden Kraftakt hievt Andrea ein Regal vom Sperrmüll in ihre Bude. Irgendwann ist die Aussicht zugemauert. Der Blick auf eine frische Hauswand wird dem, was sich Andrea leisten kann, eher gerecht. Sie arbeitet und hat Verabredungen. Die Kritik an ihrer Person nimmt zu; die Nonchalance erodiert.

Aus der Ankündigung

„Andrea lebt in New York, ist 39, Single und kinderlos. Und sie ist es leid, sich für ihr Leben rechtfertigen zu müssen. Familie, Ehe, Kinder – einfach nicht ihr Ding. Während ihre beste Freundin Indigo gerade Mutter geworden ist, zieht Andrea alleine durch die Clubs, lässt sich auf eine Reihe von schrägen Dates ein und brüskiert mit ihrer unverblümten Art ein ums andere Mal ihr Umfeld.“

Eines Tages fliegt Andrea zur Hochzeit einer Frau nach Seattle, der sie sich eine Weile schicksalhaft verbunden fühlte. Indigo spiegelte als alleinstehende Happy-Hour-Trinkerin Andreas semi-fideles/semi-trostloses Programm, bis sie sich im Yoga-Flow neu erfand. Nun bringt Indigo ihr Leben in Seidentüchern unter Dach & Fach. Sie heiratet einen reichen Mann, der Wildblumen streuen und die Hippie-Ästhetik degoutant-nostalgisch kicken lässt.

Indigo performt kongenial: „Ihr Kleid sieht aus, als hinge es in Fetzen.“

Der das Gelübde besiegelnde Ring ist natürlich „größer als alle Sterne“. Er wirkt wie ein Gütesiegel weiblicher Vorzüglichkeit. Lange vor der ersten Ehekrise wird man beim besten Paartherapeuten der Stadt vorstellig werden – Reine Prophylaxe wie zur Limitierung des Zahnsteins. Andrea wendet sich dem verträglichsten Mann in ihrer sozialen Reichweite zu. Warren stößt Andrea vor den Kopf. Er gibt ihr zu verstehen, dass er sie lächerlich findet. So grob wurde die Brüskierte noch nicht auf den Verlust ihrer Anziehungskraft hingewiesen.

Es ist eine Bestätigung, keine neue Erfahrung. Darum kreist die Geschichte. Jeder Lebensentwurf hat zwar seine Verfallsdaten. Andrea scheint aber überhaupt keinen Entwurf mehr zu haben. Die Autorin bringt das mit den Flops zusammen, die vor Warren ihre Gelegenheiten hatten, Andrea gegenüber „toxisch“ zu werden. Einer will sie als „Steak“ und auch das findet sie hinnehmbar.

Die reine Freude ist es nie. Doch manchmal könnte es schlechter laufen und für Andrea springt ein „Orgasmus in Moll“ heraus.

Auch Andrea hat sich schon toxisch ausgewirkt und ihrem Bruder Schaden zugefügt. David unterscheidet manieriert zwischen seiner Welt und der Welt seiner Schwester. Der Unterschied erweist sich als nicht belastbar.

Andrea bremst den Suff, bevor sie sich ganz und gar der Nüchternheit stellt.

16:15 10.04.2020
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