Ego-Extremismus

ilb Internationales Literaturfestival - Hat Gott aufgegeben? - Ibrahim Nasrallah hält das für möglich. Der hochdekorierte Schriftsteller las aus ...
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Ibrahim Nasrallah, Stefan Weidner

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Vielleicht ist Gott müde. Womöglich hat er aufgegeben und sich von seiner Schöpfung abgewandt. Sollten ihm die Menschen egal geworden sein? Jedenfalls währen die irdischen Tage nur noch fünf Stunden in einer dystopischen Zukunft. Das erzählt der 1954 in dem jordanischen Flüchtlingslager al-Wehdat zur Welt gekommene Ibrahim Nasrallah in seinem Roman „Der zweite Krieg des Hundes“. Die wichtigste Auszeichnung für Autor*innen der Arabischen Welt ging 2018 an ihn. Der palästinensische Schriftsteller erhielt den seit 2008 vergebenen, mit fünfzigtausend Dollar dotierten, von Abu Dhabis Kulturministerium finanzierten und von der Londoner Stiftung des Booker Preises unterstützten „Internationalen Preis für Arabische Romanliteratur“. Nun trat Ibrahim Nasrallah als Gast des Internationalen Literaturfestival Berlins auf. Er sagte: „Jeder gute Roman ist eine gut gestellte Frage.“

In einem namenlosen Land herrscht „die Festung“. Sie verfügte eine unbegrenzte Ausgangs- und Lichtsperre. Das Volk ist in den langen Nächten eine Gefangene der Dunkelheit. Der Besitz von Spiegeln ist verboten. Begründungen bleiben aus.

Im Gespräch mit Stefan Weidner betonte Nasrallah die Bedeutung von Orwells „1984“ für seinen Pessismismus. Er übt Kritik an den arabischen Regierungen mit den Mitteln der Literatur. Er will provozieren und die Leser*innen „atemlos machen“. Er versteht den Roman als Warnung vor einer Zukunft, die Orwells Schreckensvision übertrifft.

Seelenverkäufer

„Alle Gewalt geht von Regierungen aus.“

Dahin kehre sie dann auch wieder zurück. Man könne keine Gewalt ausüben, so Nasrallah, ohne ihr schließlich selbst zum Opfer zu fallen. Die Regierungsgewalt liefere den privaten Initiativen die Vorlagen.

„Jeder Krieg bleibt an dem kleben, der ihn anfängt.“

Nasrallah bedauerte, dass der Mensch nicht lernfähig ist. Auch sein Romanheld Rashid vollzieht eine steile Karriere vom idealistischen Aktivisten zum Ego-Extremisten. Der Schriftsteller erklärt die Verwandlung nicht mit den Verhältnissen. Für Nasrallah ergibt sich Rashids negative Katharsis aus humanen Konstanten. Die Brutalität wohnt ihm inne.

Im Roman besetzen reguläre Seelenhändler einen Gipfel der Verworfenheit. Die Amoralität nimmt neben der Gewalt ihren angestammten Platz ein.

08:37 10.09.2018
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