Ehrgeizige Fürsorge

#Leben Im Haus ihrer Tante Anela Kamehameha erlebt Kalea Spielräume in drangvoller Enge, ehrgeizige Fürsorge und spannungsreiche Zärtlichkeit im Sog unentwegten Strebens.
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Die Bundesrepublik ist im Ausnahmezustand. In Sparkassen und auf der Post hängen Fahnungsplakate. Manche Terroristinnen sehen so gut aus, dass Oberschüler sie gern in ihrem Kinderzimmer verstecken würden. Wer steht nicht alles auf den verträumten Typ mit Egalfrisur. Die Kombi aus Schlumpfmädchen und Waffentüchtigkeit wirkt sich auf die Gymnasiast:innen-Ästhetik aus. Es gibt jede Menge Daniela Klettes in den K-Gruppen.

Im Haus ihrer Tante Anela Kamehameha (Anela bedeutet auf Hawaiianisch Engel) erlebt die Halbwaise Kalea Spielräume in drangvoller Enge, ehrgeizige Fürsorge und spannungsreiche Zärtlichkeit im Sog unentwegten Strebens. Der Besucher:innenstrom reißt nicht ab. Die meisten Gäst:innen sind noch sehr jung und leisten als Klavierschüler:innen von Tante Anela stolpernd ihren Beitrag zum Sound der Kindheit einer Tigerin auf dem Sprung.

Anela verströmt Glück und Zuversicht. Ihr Mann arbeitet auf einer Nachtzuglinie als Pullman Porter. Die Tätigkeit wird nur von Schwarzen ausgeübt, die sich in theatralischen Dienerposen für nichts zu schade sein dürfen. Zu den grotesken Auswirkungen einer Déformation professionnelle gehört, dass Onkel Makepono auch noch nach seiner Pensionierung in einem Zustand leerer Förmlichkeit fortbesteht. Er spielt kaum eine Rolle im Familienbetrieb, der eine hauptsächlich weibliche Angelegenheit ist. Jede Ablage ist ein Schauplatz von Memorabilien zu Ehren von Anelas Vater, einem Konzertpianisten, der nach dem Nachbarschaftsmaßstäben beinah eine internationale Karriere absolviert hat.

Auf dem Feld der Erinnerungen gibt es nichts Belangloses.

Eines Tages taucht Kaleas Vater (ein Mann namens Bruce Lee) auf und beansprucht die Tochter zur Erweiterung seines Klan-Ensembles, zu dem halbdeutsche Geschwister und eine deutsche Stiefmutter gehören. Ehe sie sich versieht, geht Kalea in Darmstadt, wo ihr Vater stationiert ist, zur Schule. Zehn Jahre später gehört sie zu jenem Team der National Security Agency, das im deutschen Herbst die Verbindung zur Bundesregierung hält. Wenn alle von der Übermüdung eingeholt werden und endlich schlafen gehen, prüft Kalea Lee einmal wieder einfach nur ihre Form. Mit Rainer Werner Fassbinder könnte sie sagen: Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.

Helmut Schmidt hält Kalea via Hans-Jürgen Wischnewski auf dem Laufenden. Sie donnert in einer gepanzerten Limousine der Kanzlerkolonne durch das nächtliche Bonn. Die Bundesrepublik ist im Ausnahmezustand. Dahinein versetzt wurde sie von einem kirschkerngroßen Kommando. In Sparkassen und auf der Post hängen Fahnungsplakate. Manche Terroristinnen sehen so gut aus, dass Oberschüler sie gern in ihrem Kinderzimmer verstecken würden. Wer steht nicht alles auf den verträumten Typ mit Egalfrisur. Die Kombi aus Schlumpfmädchen und Waffentüchtigkeit wirkt sich auf die Gymnasiast:innen-Ästhetik aus. Es gibt jede Menge Daniela Klettes in den K-Gruppen.

Kalea hat einen anderen Blick auf die Gemengelage. Die US-Agentin will die Auseinandersetzung da eskalieren lassen, wo die Feind:innen des kleinen BRD-Bruders von Revolutionsromantik geblendet werden: im Nahen Osten.

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Im Herbst 1977 steht Westdeutschland vor dem Staatskollaps. Nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer fühlt sich die Regierungsspitze von ihren Verächter:innen so vorgeführt und herausgefordert, dass sie rechtsstaatliche Prinzipien zur Disposition stellt.

Alle sind überreizt. In dieser Situation beweist Kalea ihre Klasse. Ihre Analysen sind messerscharf.

12:55 26.04.2021
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