Ein Gefühl bleiernder Leichtigkeit

ilb Internationales Literaturfestival Berlin - In „Dunkle Wolken über Damaskus“ schildert Dima Wannous Diktaturgeschädigte in allen Schattierungen der Anpassung.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dima Wannous (Mitte) Julia Malik, Stefan Weidner auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin.

Eingebetteter Medieninhalt

„Literatur war in der arabischen Welt lange eine Gefangene der Politik“, sagt Dima Wannous. Sie hat an der Sorbonne studiert und lebt in London. Ihre ersten Erzählungen kündigten bereits 2007 die syrische Revolution von 2011 an. In „Dunkle Wolken über Damaskus“ schildert sie Diktaturgeschädigte in allen Schattierungen der Anpassung. Sie beschreibt die Spielarten des vorauseilenden Gehorsams von Schranzen in einer paranoiden Günstlingswirtschaft. Überall lauern Spitzel. Auch Assads alawitische Adlaten sind Gefangene einer kollektiven Depression.

Dann kam die Revolution und zerstörte, so sagt es Wannous, Familien und Freundschaften. Die gesellschaftlichen Risse gingen durch die Decken der Häuslichkeit und zerfetzten die letzten Abschirmungen. Wannous gehörte zu der Schicht, die das Sagen hatte – zu jenen Alawiten (nicht Aleviten), die den engsten Ring um den Assad Klan zogen. Alawiten bilden einen Mysterienkult, also eine Geheimgesellschaft. In Syrien kassierte ein Staat im Staat den Staat. Das konnte gelingen, weil Alawiten in der französischen Kolonialarmee, zunächst in der Légion syrienne und ab 1925 in den Troupes spéciales du Levant privilegiert wurden: im Gegenzug für die Bereitschaft, gegen die sunnitische Mehrheit vorzugehen. Vielleicht erklärt das Assads indifferentes Blutvergießen. Die syrische Mehrheit steckt nicht in der alawitischen Matrix. Das sind nicht seine Leute. Wannous stellt fest: In Syrien tobt kein Bürgerkrieg. Da lässt die Regierung das Volk zusammenschießen.“ Sie prophezeit: „Wir werden nicht wieder miteinander leben können.“

„Syrien ist ein besetztes Land.“

Plötzlich drehten sich auch die Gespräche der Auserwählten um Kontrollpunkte und steigende Lebensmittelpreise. Die Nähe zur Macht verschonte die Wannous‘ nicht von alltäglicher Not. Mit Freunden und Bekannten traf man sich nur noch, um festzustellen, wie fremd man sich geworden war. Das ist der Ausgangspunkt in Wannous‘ Roman „Die Verängstigten“. Der schreibende Arzt Nassim flüchtet vor dem Krieg nach Deutschland und geht da auf Tauchstation. Er überlässt es seiner Geliebten sich Sorgen zu machen und Mutmaßungen anzustellen. Suleima verdient so wenig, dass ihr Gehalt von den Fahrtkosten verpulvert wird. Sie arbeitet bei einer privaten Fluglinie, die prosperiert, seit der staatliche Luftverkehr auf die Bereitstellung einer Maschine reduziert wurde. Die permanente Nähe zu den Spielräumen der komfortabel den Kriegshärten nach Saudi-Arabien entgehenden Besserverdienern gibt Suleima ein „Gefühl bleiernder Leichtigkeit“. Ihre Seele trennt sich vom Körper, sie verliert jeden Halt.

Eines Tages empfängt Suleima ein Manuskript ihres desertierten Geliebten, das ihre Biografie spiegelt. Vorderhand geht es um religiöse Spannungen und totalitäre Verhältnisse. In Wahrheit geht es um das Eingemachte der Empfängerin. Auf den Brückenbögen der Lektüre bricht Suleima zu einer Selbstkonfrontation auf. Sie begreift: Das Regime spaltet die Gesellschaft vorsätzlich. Jeder soll sich nur seinem Milieu verbunden fühlen.

Gleichzeitig erlebt ein Offizier der republikanischen Streitkräfte seine Verhaftung. Man degradiert ihn, bis er sich nackt unter Nackten in einer überfüllten Zelle wiederfindet, froh darüber, den schmerzhaftesten Zumutungen gerade einmal nicht ausgesetzt zu sein. Einem Kameraden im Leid ist die Unterhose nicht weggenommen worden. Das gibt dem Offizier ein Rätsel auf. Er fragt in die Runde, doch niemand erklärt ihm die Sache.

Jeden Morgen werden die Gefangenen nacheinander der Folter unterworfen. Eines Tages kehrt der Mann mit Unterhose aus dem Behandlungszimmer zurück und bricht tot in der Zelle zusammen. Die Überlebenden stürzen sich auf die Leiche und kämpfen um die Unterhose. Dem Sieger gehört sie bis zu seiner Begnadigung im Tod.

Wannous schildert den Umschwung von Liebe in Hass und den Durchmarsch einer Psychose, die nach allen greift. Die Psychose, das ist der Krieg. Seine postumen Rationalisierungen sind Kunstwerke der Unwahrheit.

14:35 06.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1