Ein Mann für gewisse Stunden

Literatur Mehr zu Emma Clines Kurzgeschichtenband „Daddy“ - Die Clous der Geschichten lassen sich leicht überlesen. Die Autorin erzählt mit seltener Finesse.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Emma Cline erzählt mit seltener Finesse. Die Clous ihrer Geschichten lassen sich leicht überlesen. Sie entfalten eine verzögerte Wirkung. Ihre Ladungen detonieren wie Feuerwerkskörper auf der Lichtung eines Sommertages. Sie verfehlen jene Effekte, auf die schlechtere Erzähler:innen spekulieren. Nie erlauben sie eine vollständige Aufklärung.

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3526

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3502

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3494

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3492

Der „Northeast Regional“ Express verkehrt zwischen Boston und Washington DC. Die Linie liefert einer Geschichte den Titel, deren Held sich als Mann für gewisse Stunden geriert. Richard Hagood hält sich an verheiratete Frauen, die es ihm erst einmal leicht machen und mit ihren Schwächen sein Selbstbewusstsein heben. Er beobachtet Unsicherheiten, die gewiss mühelos behoben werden könnten, aber offenbar eine andere Art der Beachtung nahelegen. So als läge ein besonderer Reiz der Überschreitung in einer unbeholfenen, den Gigolo ködernden Manier.

Emma Cline, „Daddy“, Kurzgeschichten, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Roman, Hanser, 22,-

Warum sollte Richard als Liebhaber jenes Gardemaß erreichen, dass er als geschiedener Vater gleich zweimal verpasst? Er zahlt das Schulgeld, hat aber nichts zu melden. Seine Exfrau informiert ihn nach Gutdünken. Pam rächt sich mit Versäumnissen. Sohn Rowan spiegelt die Verachtung seiner Mutter für den Blindgänger.

Richard weiß, dass ihn seine Exfrau nicht respektvoll auf dem Laufenden hält. Sie lässt ihn hängen und zappeln. Trotzdem glaubt Richard, an manchen Stellen des Lebens Überlegenheit herausschinden zu können. Seine Schöpferin führt ihn vor. Cline zeigt den Tropf, der sich mit Antidepressiva und Affären über Wasser hält.

Die Autorin folgt Ecken und Kanten eines beliebigen Anfangs. Die Immobilienmaklerin Ana, beauftragt mit dem Verkauf des Hauses von Richards verstorbener Mutter, verfängt sich bereitwillig in der Verstrickungsroutine ihres Auftraggebers.

Ana legt ihre Armbanduhr nie ab. Sie rezensiert die Details des Anbahnungsinterieurs. Die Spannweite ihrer Aufmerksamkeit erscheint Richard melodramatisch. Energisch unterscheidet Ana zwischen ihrem „eigentlichen Leben“ und der Affäre.

Psychotische Einfühlung

Kayla trinkt Bier zum Abendbrot. Ihre Gastgeber finden das bedenklich. Die geläuterten Postboomer machen eine Nummer aus ihrer vorgeblichen Toleranz. Kayla erwartet, mit (von Erfahrung und Entsagung kündenden) Ex-Junkie-Psalmen traktiert/gelangweilt zu werden. in ihren Analysen beweist sie Schärfe. Sie entlarvt die bürgerliche Floskeltünche auf den Lebenslügen, die in ihrer Umgebung kursieren.

Sie ist auf der Flucht vor Boulevardjournalist:innen, die sie für die Zerstörerin einer Prominentenehe halten.

*

Als Geliebte eines Berühmten wächst ihre Google-Präsenz in den Viralhimmel. Kayla erlebt die Progression als „alptraumhaften Anstieg“. In mitunter exotischen Schriftbildern kommentieren Wildfremde überall auf der Welt den Umstand, dass Kayla in der Aura des Schauspielers Rafe Bedeutung erlangte. So sieht das Close-up zu der Geschichte „Das Kindermädchen“ aus. Die Erzähllinse brennt ein Loch in die Schutzhülle einer Subalternen, die sich auf ein heimliches Verhältnis mit ihrem verheirateten Arbeitgeber eingelassen hat, um es dann doch öffentlich zu machen.

Bis eben wurde Kayla vom Google-Radar kaum erfasst. Im „Bernstein des Internets“ fand man nur ein Kinderfoto. Nun schießen die Schnappschüsse der Fans und die Kunstschüsse der Paparazzi wie Pilze aus dem Nährschlamm der sozialen Medien. Kayla sucht ihre Attraktivität in den Aufnahmen. Sie will nicht einfach nur „okay“ aussehen.

Sie schwebt und schwankt in einem Zustand zwischen vertraut mit und benutzt von einem Herausgehobenen. Kayla spielte in Rafes Entourage keine hervorragende Rolle. Nichts Besonderes ging von ihr aus.

Kayla diente zunächst der Versorgung von Rafes Sohn Henry. Rafes Frau Jessica behielt (dann doch nicht) die Kontrolle über ihren Mann. Kayla und Rafe hatten nur wenige gestohlene Augenblicke für flüchtigen Sex. Trotzdem beweist die Geliebte (mit dem Abstand von zig Zeitzonen und offensichtlich für immer abgehängt) ein geradezu „psychotisches Einfühlungsvermögen“ gegenüber einem Mann, der sie kaum je beachtete (ungeachtet der Intimität). Das erzählt Emma Cline meisterlich. Sie erzählt es so gut, dass es keine Punktlandung des Begreifens gibt. Man irrt durch die Labyrinthe von Kaylas Wahrnehmung.

Soziale Landschaften

Die Kehrseite des Neoliberalismus mit seinen Thatcherisierungen kompletter Volkswirtschaften und ihrer sozialen Landschaften waren private Vermögensexplosionen. Arthur gehört zu den Glücksrittern jener Ära. Der Mann aus Menlo Park fühlt sich vom Universum angeschissen, seit man ihn aus seiner eigenen Zockerbude expedierte. Arthur sorgte selbst mit größenwahnsinniger Sorglosigkeit für die Blöße, die zu seiner Achillesferse wurde.

Cline schildert die Larmoyanz eines Großversagers, der den Rausschmissschmerz aus der eigenen Firma mit einem ellenlangen Riemen der anklagenden Selbstbeweihräucherung zu lindern versucht. Natürlich schreibt er den Mist nicht eigenhändig. Er engagiert den Gefälligkeitspublizisten Ben, der wiederum eine Ghostwriterin auf die kalifornischen Lächerlichkeiten ansetzt. Das fleißige Lieschen liefert vertragsgerecht. Nun kommt Ben nach Menlo Park, um mit dem abgehalfterten Mogul das Projekt festzuzurren.

Ich straffe gerade eine geschönte Version. In Wahrheit fehlt Ben der Spielraum für einen autonomen Auftritt. Er taucht nicht als Medienprofi auf. Vielmehr kommt er wie ein entmündigter Almosenempfänger an. Er schleimt und beweist die Intuition der Subalternen. Ben hechelt seinem vielleicht letzten Auftraggeber hinterher. Arthur gebärdet sich als Adept eines verlogenen Beat-Mystizismus, dem er ohne Weiteres abschwören kann.

Ist alles bloß Masche, ist Instant-Spiritualität und Bubble-Bluff. Ist Castaneda-Quatsch. Ist egal. Während Ben sich für mit emphatischen Ergüssen (dann doch nicht) empfiehlt. Der Wolf schlägt seine Fänge in die Dürftigkeit. Er trinkt Blut und weidet sich an Bens Elend.

Nebengeräusche des Wohlstands

Weihnachten in Kalifornien. Eine Familie kommt zusammen. Bugwellen klären den Status im Plural der Ankünfte. Auch Nebengeräusche verraten den weißen Mittelstand. Leger garantieren die Eltern dem Nachwuchs ein stabiles Zentrum im Chaos offener Spiele.

Einst speisten Linda und John ihre Kinder mit Hotdogs ab, während die Versorger Eiswürfel in Weißweingläsern klingeln ließen. Jetzt sind die Eltern erschöpft genug, um sich für die Brut wirklich zu interessieren. Das erzählt Emma Cline in der Startstory „Was macht man mit einem General?“.

Konstituierende Konflikte

Wesentliche Momente der temporären Reunion finden im „wintergrünen Garten“ statt. Beim Abendbrot drohen Entladungen. Konstituierende Konflikte melden ihre Hoheit an wie schwarze Wolken an einem Gewitterhimmel aufkreuzen. John weiß, er kann nur alles falsch machen. Die Verstörungen seiner Tochter Sasha nötigten ihn einst dazu, eine Therapie zu machen, um Sashas Therapieerfolg nicht zu gefährden. John weicht in den Rausch aus. Er stiehlt sich aus der Wohnzimmerarena; überfordert von dem wahnsinnig übersteuerten Egoismus, den er mit seinem Samen in die Welt gebracht hat. Raubtiere fletschen die Zähne. Besser, man nennt es Lächeln.

Keimzeitliche Rivalitäten brechen auf. Man könnte sich doch auch mal einen Abend lang zusammenreißen. Der obligatorische Weihnachtsfilm läuft ab. Same procedure as every year. Darauf spielt der Titel an. Ein pensionierter General verkörpert „diese ganze Ostküsten-Rüstigkeit ... kerngesund mit roten Backen“. Eine Name hilft, den Film zu identifizieren. Die Angespannten sehen Weiße Weihnachten.

John muss sich Zuschreibungen gefallen lassen, die ihn zum achtlosen Vaters erklären. Vergeblich versucht er sich als Lordsiegelbewahrer von Kindheitsschätzen zu rehabilitieren. Seine Töchter erlauben ihm nicht, gemeinsame Erinnerungen zu teilen. Sie stellen sich taub gegenüber ihren Manien, Vorlieben und Niedlichkeiten von früher. Sie lassen den alten Mann auflaufen. Seine Manöver sind doch bloß durchschaubare Umdeutungen emotionaler Unzulänglichkeiten.

Leistungsfähige Pappbecher

Für John gibt es am ersten Weihnachtsfeiertag keinen angenehmeren Ort als sein über die Festtage stillgelegtes Büro. Er macht es sich an seinem Schreibtisch bequem, fährt den Rechner hoch, unterschreibt ein paar Schecks.

John bedenkt den Nutzen leistungsfähiger Pappbecher. Er verliert sich in Gedanken, die seine Mitarbeiter:innen streifen, um dem Häuslichen auszuweichen. Ehefrau Linda schaltet sich ein und legt eine digitale Spur zurück in den familiären Stress. Im nächsten Augenblick kehrt er an die Front töchterlicher, mit lauter Vorwürfen garnierter Forderungen zurück. Er gabelt Sasha auf, die ohne ihn einkaufen gehen wollte, jetzt aber mit leeren Händen dasteht. Siehe ferner Nebengeräusche des Wohlstands.

Leere Stauseebetten

„Blauer Himmel und nackte Arme.“

Für Alice symbolisiert diese Mischung die Stadt, in die sie gerade gezogen ist. „Los Angeles“ heißt die zweite Geschichte. Sie spielt ebenda in der Vorweihnachtszeit. Wieder lotet Emma Cline die Differenz zwischen dem schneewinterlichen und dem kalifornischen Heiligen Abend in seiner feierlichen Umgebung aus.

Alice bemerkt „Fensterscheiben mit künstlicher Schneekruste, so als wäre Kälte bloß ein Witz“. Sie antizipiert eine Dystopie mit verdunstenden Pfützen in leeren Stauseebetten und braunen Rasenflächen. Die Zukunft spricht sich schon in der Gegenwart gegen den kalifornischen Traum aus. Es fehlt nur noch Adornos vielleicht auch in Kalifornien zur Welt gekommene Edelbinse „Fun ist ein Stahlbad“.

Das antike Surferparadies ist perdu. Alice verkauft teuren Ramsch in einem Laden ohne männliches Personal in der Publikumssphäre. Ein Gefühl von „resignierter Kameradschaft“ verbindet sie mit der schönsten Kollegin im Betrieb. Oona lässt sich die Aufmerksamkeit von Männern gefallen, die sich ihr unter durchsichtigen Vorwänden nähern. Oona spekuliert darauf, dass sie in die Aufrechterhaltung des Anscheins eines regulären Interesses nennenswerte Summen investieren. Für jedes verkaufte Stück kassiert die Begehrte eine Provision.

Das Narrativ der Häuslichkeit

Für fünfzig Dollar überlässt Oona einem Freier ihre Unterwäsche. Bald vertickt auch Alice Lingerie. Geklaute Sachen. Die Erzählerin suggeriert, dass die Dealerin ungetragene Regalware weiterreicht. Der persönliche Touch erschöpft sich in Frischhaltebeuteln, die das Narrativ der Häuslichkeit bedienen.

Die Transaktionen vollziehen sich nicht jedes Mal unkompliziert. Ein Käufer verwickelt Alice in ein Beschämungsdrama. Er gestaltet den Austausch von Geld und Ware für Alice maximal peinlich. Seine Kontrolle ist total, da der Exzess in einer Fahrzeugkabine über die Bühne geht, und Alice als Gefangene auf dem Beifahrer:innensitz keine Möglichkeit hat, sich dem Zugriff zu entziehen.

Emma Cline verrät nicht, ob Alice mit dem Schrecken davonkommt. - Oder ob sie, gerade als die Geschichte endet, in eine lebensgefährliche Falle gerät.

Aus der Ankündigung

„Der sehnsüchtig erwartete Erzählband ‚Daddy‘ ist ein würdiger Nachfolger von Emma Clines Debüt ‚The Girls‘.“ Esquire

In ihrem Haus in Südkalifornien erwarten Linda und John sehnsüchtig die Ankunft ihrer Kinder. Es könnte ein idyllisches Familienfest werden – wären da nicht die Gespenster von Zorn und Traurigkeit. Emma Cline erzählt von Männern, die gefangen sind in mühsam errichteten Selbstbildern, von Frauen auf der Suche nach dem Reiz der Grenzüberschreitung, von Familienvätern, die die Vergangenheit einzuholen droht. „Daddy“ ist ein funkelndes Psychogramm unserer Gegenwart: Erzählungen über die andauernden Widersprüche unserer Beziehungen, den Kampf gegen den männlichen Blick, das Ausloten von Weiblichkeit. Nach ihrem fulminanten Debüt „The Girls“ beweist Emma Cline erneut die ganze Bandbreite ihres Könnens.

Zur Autorin

Emma Cline wuchs in Kalifornien auf. Für ihr schriftstellerisches Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Plimpton Prize for Fiction der Paris Review. Ihre Erzählungen erschienen u.a. im New Yorker, Granta und der Paris Review. Sie wurden wiederholt in die Best American Short Stories-Anthologie aufgenommen. Bei Hanser erschien zuletzt ihr gefeiertes Debüt The Girls (Roman, 2016).

15:59 31.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare