Ein Produkt der Solvenz

Liebe unter MusikerInnen Thaïs war bei ihrem indischen Gurufriseur gewesen, der sich auch als DJ aufspielte, und hatte Océane im Café Jamal getroffen, bevor sie klammheimlich bei Hamids Onkel ...
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Hamid käme mit seinen Gagen zurecht, dem Auskommen eines Deklassierten, wäre dies nötig. Unter den Streichern des Heizorchesters ist kaum einer, der nicht auch noch in einem Quartett oder Quintett ein Zubrot einspielt. Bei den Bläsern - ob Holz oder Blech – läuft das nicht anders. Manche Kollegen überleben als Professoren. Ein Bratschist ist sogar als Komponist erfolgreich.

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Die Klarinette entwickelte sich aus dem mittelalterlichen Chalumeau. Im Gegensatz zur Schalmei, die ein Doppelrohrblatt hat, hatte das Chalumeau nur ein einfaches Rohrblatt. Ende des siebzehnten Jahrhunderts wurde das Clarin erfunden. Es besaß schon die charakterisierenden Eigenschaften der Klarinette: Aufschlagzunge und zylindrische Bohrung.

Hamid Mansour, 22, und Emine Bilgin, 15, sind an diesem halbhellen Nachmittag in einer Art Lähmung vereint. Die nach einer Weltklassegewichtheberin der Nullerjahre benannte Tochter eines sportfanatischen Vaters, findet in ihrer häuslichen Umgebung wenig Raum und Verständnis für ihre musikalischen Neigungen. Emine beansprucht Hamid nicht nur als Klarinettenlehrer. Sie sieht in ihm den Soulbro, der Enttäuschungen abschwächt, die Emines tägliches Brot sind. Sie ist mit sich so unzufrieden wie ihre Familie mit ihr, wenn auch aus eigenen Gründen. Sie dehnt die Unterrichtsstunden – ihre wöchentliche Kur.

Hamid spielt auch Saxophon. Der Triangel ist sein drittes Instrument. Eine ungeklärte Hemmung bremst den Musiker. Manchmal macht er den Ausputzer in Thaïs‘ Band „Wuji“. Manchmal schlägt er den Triangel im Berliner Heizorchester, dessen populärste Solistin seine fulminante Geliebte ist.

Allgemein werden Ensembles entlassen und Häuser geschlossen. Die Etatlage bleibt schlecht. Musiker entgleiten der gesellschaftlichen Mitte in die Arbeitslosigkeit. Insofern wären Hamids Aushilfsstellen nicht zu verachten, hätte sein Leben etwas mit Erwerbszwängen zu tun.

Wie viele Musiker glänzen mit ihrem Können nur noch vor einem haustierischen Publikum.

Hamid käme mit seinen Gagen zurecht, dem Auskommen eines Deklassierten, wäre dies nötig. Unter den Streichern des Heizorchesters ist kaum einer, der nicht auch noch in einem Quartett oder Quintett ein Zubrot einspielt. Bei den Bläsern - ob Holz oder Blech – läuft das nicht anders. Manche Kollegen überleben als Professoren. Ein Bratschist ist sogar als Komponist erfolgreich.

Hamid und Emine fühlen sich verflucht und geschlagen. Aus den düsteren Gemeinsamkeiten ziehen sie Gewinne. Sie gewähren einander Asyl. Hamid erscheint Emine so großartig wie sonst keinem Menschen. Selbst Thaïs kann ihn nicht ganz so toll finden und so für ihn schwärmen wie Emine. Hamid nimmt die Blumen der Bewunderung einer Pubertierenden nicht unkritisch an. Er zeigt keine Tendenz zur Verweigerung der erwachsenen Reserve.

Über ihre Teetassen hinweg begegnen sich Emine und Hamid klassisch am Küchentisch. Hamid kleidet eine Kopie des Hausmantels, den Fernando Rey als Alain Charnier in French Connection II trägt. Das Zitat kennt Emine selbstverständlich nicht. Sie spannt eine Hand auf ihrer Tasse (in nicht begriffener Anspannung).

Das Blatt lag bei der Clarin auf der Oberseite. Ein zusätzliches Griffloch am oberen Ende des Schallrohres erweiterte die hohen Töne. Das klobige Rohr des Chalumeaus ersetzte ein schlankerer Korpus mit einer kleineren Bohrung. Man verengte die Bohrung, ergänzte einen Schallbecher am offenen Ende des Instruments, vermehrte die Klappen, drehte das Mundstück und legte das Rohrblatt für die Unterlippe aus. Mozart holte als Erster die Klarinette ins Orchester, Haydn verwendete sie für seine Londoner Sinfonien. Beethoven setzte sie schon selbstverständlich ein. Anfang des 19. Jahrhunderts erhielt die Klarinette ihre gültige Form.

Die Klarinettenschülerin Emine ist ein Gegenmodell zu der Harfenistin Thaïs, die gerade das Anwesen von Hamids Onkel Massoud betritt. Ein Wassergraben säumt den Park der Villa. Beinah beängstigend sind drei Hunde, die freien Auslauf haben - ein Dackel, ein Spitz und ein Terrier. Spitz und Terrier nehmen ihren Sicherheitsdienst ernst. Der Dackel macht nur den Freundinnen zuliebe mit. Thaïs wird aufs Korn genommen; der Spitz an der Spitze. Ein Pfiff von höchster Autorität gibt der Abteilung eine neue Richtung.

Thaïs war bei ihrem indischen Gurufriseur gewesen, der sich auch als DJ aufspielte, und hatte Océane im Café Jamal getroffen, bevor sie klammheimlich bei Hamids Onkel Massoud in dessen neuschwansteinzeitlicher Wannsee-Villa vorstellig wurde. Sie verbarg ihre Erwartungen vor sich selbst, so dass Massoud sie überrascht fand und es ihm erlaubt schien, sich verwundert zu zeigen. Oh, was waren sie für herrliche Heuchler.

Massoud erwartet Thaïs auf der Freitreppe. Er entschuldigt sich nicht für den Überfall seiner Jagdhelferinnen. Er vermeidet die förmliche Begrüßung und verzichtet auf eine höfliche Ansprache. Thaïs folgt ihm in das Musikzimmer. Thaïs kennt sonst niemanden, der in Berlin so wohnt wie der dramatisch gutaussehende Onkel ihres im Vergleich nur ansehnlichen Liebsten – so demonstrativ überheblich. Der zur Schau gestellte Mangel an Merhamet überschreitet alles, was der Islam erlaubt, so wie Thaïs ihn gelernt hat. Auch sie ist als Tochter eines in Rouen ansässigen libanesischen Akademikerehepaars ein Produkt der Solvenz, aber doch versorgt mit viel mehr Zurückhaltung.

Massoud auftrumpfender Stil stößt Thaïs nicht nur ab. Sie fühlt sich herausgefordert, herabgesetzt, emporgehoben und ausgeliefert in einem rasanten Empfindungswechsel. Der Hausherr moderiert sein Verhalten nicht. Ob aus Gleichgültigkeit oder Berechnung? Thaïs weiß es nicht. Sie ist ältere Männer gewöhnt, die sich ihr gegenüber nichts herausnehmen; so deutlich steht sie unter dem Schutz ihres Vaters und dessen weltweit operierender Familie. Thaïs findet nicht, dass man sie in Watte packen muss. Sie will das Leben spüren und aus der Enge ihrer Privilegien ins Offene der Supermarkterfahrungen, wo man arme Leute trifft, die ihre Gefühle einfach so zum Ausdruck bringen.

Die Lähmung ist überwunden. In einem Rausch der Zutraulichkeit dringt Emine in Hamids Schlafzimmer ein. Hamid beobachtet die Infiltration. Gleich entdeckt Emine den Schrein der Liebe, der nur mit Devotionalien bestückt ist, die Hamid geerntet hat.

Emine ignoriert die Details der Beziehungskompression, sie widmet sich jenen türkischen Becken, die Eingeweihte an eine Reise in der Zeit vor Thaïs erinnern.

Römische Legionäre brachten die Becken nach Europa. Man verlernte dort, die Legierungen herzustellen und das Blech in die richtige Klangform zu bringen. Erst im siebzehnten Jahrhundert tauchten die Becken wieder in Europa auf und wurden in Opernaufführungen eingesetzt; jedoch nur in solchen, die im Orient spielten. Beethoven integrierte die Becken mit der neunten Sinfonie in das okzidentale Orchestergeschehen.

Emine wechselt zum Triangel, ergreift das Ding an der Saite und wählt einen Stab aus dem Angebot auf einem Stehpult (einer Flohmarktschönheit aus der Prä-Thaïs-Ära).

„Beim Piano musst du die oberen Schenkel schlagen, beim Fortissimo den waagerechten Schenkel unten“, erklärt Hamid, das Verfügbare dem pädagogischen Eros zuführend.

„Mit den Fingern der linken Hand kannst du das Nachklingen dämpfen. Wird ein Tremolo gefordert, schlägst du den Stab zwischen zwei Schenkeln des Dreiecks schnell hin und her.“

Die Anweisungen überfordern Emine nicht. Sie versteht auf Anhieb, was zu tun ist. Ihr Fingerspitzengefühl berührt Hamid. Sie wird zuhause wieder lügen müssen; die Wahrheit des Arrangements kann sie ihren Eltern nicht zumuten.

Emine lernt im XXI. Jahrhundert heimlich Klarinette. Niemand greift ein und bringt den Eltern die Hausordnung der bundesdeutschen Gegenwart bei.

10:09 02.01.2019
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