Ein Staat als Beute

Macht Man sieht Alijew auf einem Foto hinter Breschnew und Brandt in einer lächelnden Korona. Das Foto entstand 1971 und überliefert Physiognomien einer Günstlingswirtschaft.
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Es waren wohl Zwanzigtausend, die im Frühjahr 2002 auf dem Siegesplatz von Baku gegen Staatschef Heydər Əlirza oğlu Əliyev (Gajdar Alijew) demonstrierten. Alijew verstärkte jene Garde, die unter Breschnew groß geworden war. Man sieht Alijew auf einem Foto hinter Breschnew und Brandt in einer lächelnden Korona. Das Foto entstand auf einer Yacht im September 1971 an der Schwarzmeerküste vor der Krim und überliefert Physiognomien einer Günstlingswirtschaft. Eine Hand wusch die andere und fast alles blieb in der Familie. Alijew war durch die Geheimdienstschule gegangen und erst KGB- und dann KP-Chef seines Landes geworden. Der Alijew Klan besetzte zu Sowjetzeiten Schlüsselpositionen der Republik Aserbaidschan in tribaler Herrschaftsmanier. Nach dem Niedergang des Imperiums blieb Aserbaidschan (abgesehen von einem demokratischen Intermezzo) in Stammeshand. Kurz vor der Demonstration war Alijew bei einer Fernsehansprache zusammengebrochen und zu einer Klinik in Cleveland, Ohio, geflogen worden. Der von der Menge zum Rücktritt aufgeforderte Präsident war noch außer Landes.

Auch mein Gewährsmann berief sich auf seine Verwandtschaft mit Alijew. İlham hieß so wie der aktuelle Geschäftsführer im aserbaidschanischen Stammesbetrieb. İlham Heydər oğlu Əliyev war ein Sohn des greisen Führers und führte den Titel eines Ministerpräsidenten. Die Verfassung war geändert worden, um den familiären Wechsel an der Spitze reibungslos gestalten zu können. Vollzogen war der Wechsel jedoch noch nicht. Die meisten Beobachter trauten İlham Alijew (İlham Heydar) die Landesleitung nicht zu. Der Junior belehrte sie. Er regiert seit 2003. Wikipedia sagt: „Im Dezember 2012 ernannte das Organized Crime and Corruption Reporting Project İlham Alijew zum korruptesten Mann des Jahres.“

Auf der Verliererseite hielt İsa Yunis oğlu Qəmbər aka Issa Gambar Volksreden. Der Mann war Anfang der Neunziger, als man noch glaubte, demokratische Spielregeln durchsetzen zu können, Staatschef gewesen und gewaltsam vom übermächtigen Alt-Alijew aus dem Amt gehoben worden. Seither konnte in Aserbaidschan kein Mensch mehr glauben, mit einem westlichen Politikstil ernsthaft verbunden zu sein.

Auf dem Siegesplatz nannte Gambar den Sohn seines Verdrängers einen „Stalinisten“. Der Historiker hätte es besser wissen können. Stalin war eine verlorene Seele gewesen, die sich durchgeboxt hatte. İlham betrachtete Aserbaidschan wie der Bauer seinen Acker. Diese Ruhe im Arsch beim Anblick der Krume, hatte Stalin gewiss nie genossen.

İlham Alijew setzte die Polizei ein wie eine persönliche Miliz. Das bekamen die Zwanzigtausend in Baku zu spüren. Die stärkste Opposition gegen das Klan Regime ging aber vom Iran aus, wo Millionen Aseris leben. Diese Bewegung wollte außerdem die Mullah Diktatur stürzen. Deshalb war sowohl das offizielle wie auch das oppositionelle Aserbaidschan für die USA interessant, deuteten sich da doch Möglichkeiten zur Destabilisierung des Iran nicht zuletzt an. Dazu kam sehr viel Öl, um die Beziehungen zu schmieren. US-Streitkräfte nisteten auf dem Luftwaffenstützpunkt Nassosny, im Rahmen einer sich selbst verlängernden Antiterrorübung. Das hatte der amerikanische Journalist Arthur Reed herausgefunden. Reed hatte irische Vorfahren. Eines Abends brachte er mich dazu, eine irische Sache zu bedenken, die in ihrer Widersprüchlichkeit aus den Scharnieren des schnellen Begreifens rutscht. Nach der irischen Rebellion von 1916, dem Osteraufstand, war das Verhältnis der Unterworfenen zur britischen Krone stark belastet. Trotzdem kämpften Iren für das Empire in Serbien, Mazedonien und Palästina. Zugleich stellten sich Iren in diversen Konstellationen gegen ihre Usurpatoren. Der britische Diplomat (und irische Nationalist) Roger David Casement versuchte 1916 in Absprache mit kaiserlichen Instanzen eine Freiheitsbrigade aus irischen Kriegsgefangenen in Deutschland auf die Beine zu stellen. Die zweitausendzweihundert vor allem in Limburg an der Lahn inhaftierten Iren ließen sich so aber nicht bewegen, weil sie trotz Hass auf die Engländer in ihren Herzen britisch waren. Jedenfalls behaupte ich das jetzt zu meinem Vergnügen.

Die Amerikaner schöpften in Aserbaidschan das Herrschaftswissen der Alijews und ihres Apparats ab. Die Kooperation mit dem Klan setzte Russland unter Druck und sicherte Öl. Man lächelte nach links und fletschte rechts die Zähne. Zugleich fühlte man den Bizeps der Opposition und penetrierte den Iran mit klandestinen Unterstützungen der „Südaserbaidschanischen Erweckungsbewegung“. Amerika spielte jedes Spiel, ohne ernsthaft präsent zu erscheinen. Verschlissen wurden die Kräfte vor Ort. Der wichtigste Führer der „Südaserbaidschanischen Erweckungsbewegung“ zum Zeitpunkt der Machtweitergabe vom Senior an den Junior Alijew hat es in kein Geschichtsbuch geschafft. Damals galt er als charismatisch, gebildet und rebellisch. Auf dem einzigen im Netz kursierenden Bild sieht er aus wie Ahmad Schah Massoud, dessen Erscheinung wiederum an Bob Marley erinnert.

Morgen mehr.

10:41 05.04.2018
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