Ein Weihnachtslied im Frühling

Literatur Ocean Vuong erzählt in seinem ersten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von einem Sohn, der seiner Mutter mehr erklärt als sie ihm.
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In den letzten Apriltagen des Jahres 1975 endet der desaströs fehlgeschlagene Versuch, Nordvietnam in eine neue Steinzeit zu bomben (Curtis E. LeMay) mit der lange herausgezögerten Evakuierung Saigons. Das Startsignal der Räumung ist ein Lied.

Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios, auf Deutsch von Anne-Kristin Mittag
Hanser, 237 Seiten, 22,-

Am Anfang vom Ende spielt der American-Forces-Network-DJ vom Dienst als ein anderes Lied vom Tod Irving Berlins White Christmas, „in einem Land, in dem niemand weiß, was Schnee ist“ (Claire Armitstead). Die eskapistische Formulierung zeigt an, was nun unter anderem in Gang kommt – ein Exodus zu den Schneeländern in der nördlichen Hemisphäre. Die Schutzmacht USA überlässt auch jene einem ungewissen Schicksal, die in einer ethnisch homogenen Gesellschaft zu Geliebten amerikanischer Soldaten mit sichtbaren Folgen geworden sind.

Es gibt zwar die Operation Babylift. Ein paar tausend Soldatenkinder werden ausgeflogen und zur Adoption freigegeben. Die meisten Markierten und ihre Mütter müssen die Diskriminierung in einem von ihren Vätern zerstörten Land aushalten. In den späten 1980er Jahren reagiert der amerikanische Kongress auf die Missstände mit einem Gesetz, in dessen Konsequenz sich viele halbamerikanische Vietnamesen in den Vereinigten Staaten ansiedeln. Vielleicht kommt Vuong und seine (von ihrer Mutter weg gegebene) Mutter so nach Amerika. Vuong lernt den Kriegergroßvater kennen; einen gebildeten Mann, der im „Reisparadies“ einst eine Analphabetin gefreit hat. Während die Vuongs ein erzählwütiges Familienleben pflegen, herrscht beim amerikanischen Opa und dessen Professorengattin akademische Friedhofsruhe.

Der Erzähler wendet sich an seine Mutter. Er schreibt einer Analphabetin im Weißt-du-noch-Stil … „wie ich versuchte, dir Lesen beizubringen“ – eine Hierarchieverkehrung in einer bizarr ziselierten Prekarität. Immer nur die Arschkarte. Die Mutter wächst im Waisenhaus auf, um ihrer Mutter das Leben in Schande zu ersparen. Trotzdem hat die Familie Bestand. Man kommt wieder zusammen, Ocean gesellt sich dazu (nach einer Erzählung der drastischen Mutter steigt er direkt aus ihrem Arsch ins Familiengeschäft ein: eine Lüge aus Scham; die Namen weiblicher Geschlechtsteile soll das Kind nicht kennen) und gerät in Kämpfe mit seiner Mutter, als seien er und sie Geschwister.

Es gibt keine Sicherheit, keine Ordnung, keinen Halt. In der Mutter tobt ein Mädchen ohne Anhaltspunkte. Es rebelliert gegen den Sohn, als sei er der abtrünnige Vater, dessen Privilegien und unendliche Sicherheit auf einem anderen Kontinent sie in ihrer Pseudowaisenhaft teuer zu stehen kommt.

Wie viele Traumatisierte verfügt sie über Spezialtechniken. Sie kann sich in ein von ihr ausgemalten Malbuchhaus hineinbegeben. Sie ist dann in dem Haus (geschützt). Fühlt sie sich da gestört, schlägt sie um sich.

Vuong gelingt es, die Umkehrung gewöhnlicher Verhältnisse zu schildern, ohne die Mutter zu denunzieren. Sein Erzähler, Little Dog genannt, ist das erwachsenste Kind der Weltliteratur. Er nimmt die Mutter an die Hand. Die beiden besuchen ein Einkaufszentrum so herausgeputzt wie andere ins Theater gehen. Andere kaufen, sie gucken.

Sie genießen die Show.

Mehr ist nicht drin.

Schauplatz der zweiten Ausgrenzung ist eine lateinamerikanische Nachbarschaft in Hartford, Connecticut. Little Dog hat neben weiteren Verwandten auch die abgedrehte Oma Lan an der Backe. Das ist die mit dem Amerikaner. Lan das heißt Lilie. Sie hat den Krieg in den Knochen. Er steckt in ihrem Hirn wie ein Splitter. Schneisen der Verheerung durchziehen die von Angst und Ablehnung Verwüstete – in einer Aura aus Knoblauch und Tigerbalsam.

„Sie … hat eine Tochter geboren, die sie in ein Stück Himmel einwickelt, gestohlen von einem klaren Tag.“

Lan begründete die Dynastie der Verworfenen unter Artilleriebeschuss. Granaten schlagen weiter ein in eine „stille Polarlandschaft“.

„Meine Familie, dachte ich, ist diese stille Polarlandschaft, in die nach einer Nacht unter Artilleriebeschuss endlich Frieden eingekehrt ist.“

Die Vuongs sind in Amerika die Parias geblieben, die sie in Vietnam waren.

Verstoßene. Verirrte. Verwirrte.

Aber Little Dog ist ein kleiner König von eigenen Gnaden. Nicht killbar. Er geht über die Barrieren. Er wird sich qualifizieren, den Anfang in seiner Familie als Collegeabsolvent machen und die temperierte Luft des Mittelstandes atmen.

Später.

Little Dog passiert das Labyrinth einer wahnsinnigen Kindheit. Er imaginiert vietnamesische Kriegsszenen. Mit visionärer Klarheit sieht er seine Oma in ihrer Lilienblüte.

„Monarchfalter, die die Wanderung überleben, reichen diese Botschaft an ihre Nachkommen weiter. Die Erinnerung an Familienmitglieder, die der Winter gefordert hat, ist in ihren Genen verwoben.“

Schändliche Namen gibt man in Großmutters Herkunftskanton einem wenig versprechenden (hässlichen) Kind: „Schweineschnauze, Affenspross.“

So hält man die bösen Geister auf der Jagd nach vielversprechenden Kinder von den Häusern fern. Eine Schutzfunktion haftet sich an die Schlechtesten. Sie sind ihrer schönen Schwestern Hüter. Das beschreibt sehr gut, was Little Dog auszeichnet. Sein Überlebensgeheimnis ist das Fluide. Genderfluid und strotzend vor Diversität dreht er der Normalität und ihren Repräsentant*innen, die ihm einen Platz auf der Müllkippe anweisen wollen, lange Nasen.

Nicht mit mir. Das ist Little Dogs Credo. Der Heranwachsende ersetzt eine biografische Leerstelle mit einem Überich. Ihn beschäftigt Tiger Woods, der Sohn einer Thailänderin und eines Schwarzen Amerikaners, der außerdem Angehörige der First Nation zu seinen Ahnen zählt.

„Eldrick Tiger Woods, einer der größten Golfspieler der Welt, ist wie du, Ma, ein Kind des Vietnamkriegs.“

Der Vater vom Tiger ist Earl Dennison Woods. Er war erst in Thailand stationiert, bevor er, mit einer Thailänderin verheiratet, nach Vietnam kam. Vuong verbaut Heldenstorys in ländliche Episoden und zeitgenössische Schäferstücke. Little Dog jobbt auf einer Farm. Sein Freund Trevor hat ein Trailerpark-Zuhause ohne Mutter.

11:47 28.07.2019
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