Jamal Tuschick
16.03.2017 | 10:11

Ein Witz als Haftgrund

#FreeDeniz Vorgezogener Solidaritätstanz in den Mai für Deniz Yücel

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jamal Tuschick

Noch nie habe sich ein Termin so schnell fixen lassen, meldet Mely Kiyak im Festsaal Kreuzberg. Alle wollten dabei sein und ihre Solidarität mit dem in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel zeigen. Die Beteiligungsküchen der Jungle World, Welt, taz, der Edition Nautilus und des Verbrecher Verlags kochen “Beste Deniz wo gibt” u.a. mit Michel Friedmann, Imran Ayata, Daniel-Dylan Böhmer, Doris Akrap, Maxim Biller, Matthias Lilienthal, Jens Friebe, Oliver Polak, Sven Regener, Andreas Rüttenauer, Margarete Stokowski und Özlem Topcu so wie mit Jan Böhmermann und Robert Stadlober im Zuschaltungsmodus.

Deniz’ Familienname wird gerade vom Volksmund geschluckt. Der taz-Linke bei der “Welt” ist bereits unser ¡No-pasarán!-Deniz, Deniz der Pressefreiheit und der deutsch/kurdisch/türkischen Freundschaft. - Ein Deniz für Nachweise repressiver Toleranz in tückisch mutierenden Demokratien, die sich querstellen wie Tanker in verhangenen Hochseemanövern. Niemand hat damit gerechnet, dass Recep Tayyip Erdoğan so ungebremst vorankommt bei seiner Umwandlung der laizistischen Türkei in eine gleichgeschaltete Gesellschaft.

Am 14. Februar 2017 wurde Yücel (als türkischer Staatsbürger) in Polizeigewahrsam genommen. Die Staatsanwaltschaft Istanbul wirft ihm auch Terrorpropaganda vor. Der Vorwurf stützt sich auf ein Interview mit Cemil Bayik. Die türkische Regierung sieht in Bayik das Übel als Kurde, dem Yücel in einem aufwertenden Zusammenhang Raum gab. Für die Behörden ist der Journalist ein verkappter Parteigänger, viel mehr Aktivist als Journalist. Den Standpunkt der Macht überliefern Kollegen in einer akustischen Akteneinsicht. Ich stehe zu tief im Saal, um die Sprecher*innen Doris Akrap und Daniel-Dylan Böhmer zu sehen. Achthundert Leute sind Publikum. Eben hat Friedman den türkischen Staatschef in direkter Ansprache ermahnt. Er stellte fest: “Einige zahlen einen hohen Preis für die Freiheit des Gedankens.”

Die Kolleg*innen zitieren aus Yücels mutiger, für ein unabhängiges Gericht bestimmten Verteidigungsschrift. Das Leitmotiv des Abends liefert ein Witz, der (verbunden mit dem Vorwurf der Volksverhetzung) zum Haftgrund wurde, und wieder und wieder nicht zu Ende erzählt wird. Darum garnt als roter Fadeneine Lesung von Yücels jungle world- und taz-Kolumnen. Biller trägt einen Beitrag zu Uns-Uwe “Ein Leben im Strafraum” Seeler vor. Regener geht mit “Deutschland schafft sich ab” in die Bütt. “Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite. Eine Nation, deren größter Beitrag zur Zivilisationsgeschichte ... darin besteht, dem absolut Bösen Namen und Gesicht verliehen und, wie Wolfgang Pohrt einmal schrieb, den Krieg zum Sachwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit gemacht zu haben; eine Nation, die seit jeher mit grenzenlosem Selbstmitleid, penetranter Besserwisserei und ewiger schlechter Laune auffällt.”

Das Publikum fällt fast in Ohnmacht vor Begeisterung. Wer nicht mitfällt, sieht sich erziehenden Blicken ausgesetzt. Ja, “der Deutsche ist der Brasilianer im Scheißefinden” und rigide gibts auch in antideutschen Farben. Jan Böhmermann spricht mit Bruch in der Stimme vom Mitgefühl: als im Ernst dilettierender Satiriker. Andere erinnern an Yücels Würdigung einer von triftigen Gründen befreiten Liebe der Türken zum Autokorso und an seine Taksim Platz-Protestberichterstattung.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.