Eine Kindheit auf dem Sprung

Migration Wo keiner hin will, da will auch keiner bleiben - Senthuran Varatharajah erzählt in seinem ersten Roman „Von der Zunahme der Zeichen“ von einer Simulation des Mündlichen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Sein erster Berufswunsch war Pfarrer. Historisch gesehen ist das Pfarrhaus ein Laufstall der Poesie. Die Literatur folgt der Liturgie. Das liegt unter Gegenwartsbeschriftungen und anderen Überformungen, so dass man glauben kann, es wäre gar nicht so. Aber so ist es. Varatharajah wollte Pfarrer werden und wurde Schriftsteller vielleicht auf einer Linie des selbstermächtigten Begreifens von Verhältnissen, die ihn in die Opposition drängten und nie aus der Diaspora entließen. Jahrelang lebte der Sohn von Tamilen auf dem Sprung und in der Angst, die für viele Migrant*innen Städte- und Stadtteilnamen trägt. Ich rede von Solingen, Lichtenhagen und Mölln. Ich rede von Pogromen, die als Entgleisung Einzelner heruntergespielt - und von vielen als gelungener Widerstand gegen die staatliche Einwanderungspolitik verstanden wurden.

Senthuran Varatharajah, „Von der Zunahme der Zeichen“, Roman, S. Fischer, 250 Seiten, 19.99 Euro

Man lebt mit Leuten zusammen, die einen nicht in der Nachbarschaft haben wollen. Man hängt von Eltern ab, deren Herkunftsbegriffe sich nicht einfach übernehmen lassen. Man ist der Kreativdirektor in der Klapperkiste der eigenen Identität. Will man sich denn mitteilen und sogar austauschen, muss man weit ausholen und lange Fäden spinnen.

Das berichtet Varatharajah in seinem ersten Roman. „Vor der Zunahme der Zeichen“ erzählt von Zuneigung in den Zeiten von Facebook - und von der Simulation des Mündlichen im Chat. Herausgefordert von äußerster Dringlichkeit vergleichen sich Valmira Surroi und Senthil Vasuthevan. Sie können mit Verständnis rechnen. Das ist so aufregend wie Sex. Beide kennen die Not des Asyls und die Spielräume angehender Akademiker*innen. Der Philosoph Senthil promoviert in Berlin, Valmira studiert Kunstgeschichte in Marburg. Beide sind im Tross Geflüchteter in Asylbewerberheimen kleine Kinder gewesen.

Valmira und Senthil steckten mit doppelt diasporischen Heimatbegriffen in verschiedenen Diversifikationsmühlen. Senthil erweitert den weiten Horizont mit einer genderfluiden Variante. Seine Mutter hatte sich ein Ebenbild ihrer selbst gewünscht und den Sohn bis zu seinem dritten Lebensjahr als Mädchen angesprochen und wahrgenommen. Das Mädchen existiert weiter in einer Quarantänestation der Transition.

Deutsch ist die Verkehrssprache. Die ethnischen Differenzen zur Mehrheitsgesellschaft erzeugen Ladungen, die von transgenerationalen Gaben auf Deutsch gezündet werden.

Man erzählt sich, wie es im Asylbewerberheim zuging, die blauen Punkte auf einer Tischdecke findet Erwähnung in der Haltlosigkeit solcher Feststellungen. Die Tischdecke im Heim ersetzt eben nicht die Traditionen bewimpelnde Decke auf Omas Küchentisch in Pristina. Valmira ist Kosovarin, Senthils Eltern sind aus Sri Lanka geflohen. Er kontert in konsequenter Kleinschreibung, liefert Stimmungen, besteht auf Farbangaben bei Notizzetteln und Fineliner. Rot auf gelb ist so eine ästhetische Markierung. Er weiß:

„niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran.“

Das ist natürlich nicht nur eine Krisenannonce, sondern auch und vielleicht sogar viel mehr eine Auto-Aristokratisierung, zu der sich Valmira herauf gewunken fühlen soll. Man hat die Weltläufigkeit mit der Muttermilch eingesogen, fällt überall auf und verzweigt sich überall hin. Man könnte modellhaft werden oder als Ausnahme von der Regel eine solistische Spur in den sozialen Sedimenten hinterlassen.

Ich möchte sagen, die Liebenden erklären sich ihre Ratlosigkeit.

„Ich weiß nicht, warum ich Dir schreibe“, schreibt Valmira

„Und ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.“ Rilke

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Hesse

Eine Faszination für das Japanische verbindet die Gesprächsteilnehmer, Valmira hat auch in Tokyo studiert und Osaka besucht. Man fällt von da tief, bis zu der Tatsache, dass ihre Mutter von Verkäufer*innen geduzt wird.

„Sobald sie ihren Mund öffnet … sprechen sie mit ihr, als wäre sie ein Kind.“

Das ist das eine. Das andere sind die Zukunftsinformationen, die mit der Migration Gesellschaften erreichen und ihre Zukunftsfähigkeit erhalten. Der Punkt ist doch: Wo keiner hin will, da will auch keiner bleiben.

13:37 23.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1