Eine Kultur des Terrors

Nora Amin schildert in der autobiografischen Erzählung "Weiblichkeit im Aufbruch" die Verwandlung eines mutigen Kindes in eine ängstliche Frau.
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„Häusliche Gewalt war ein Aspekt des normalen Familienlebens. Ein Nachbar schlug seine Frau täglich. Es herrschte eine Kultur des Terrors.“

Das erzählt Nora Amin in der Kreuzberger Lettrétage. Im Publikum sitzen junge Männer aus arabischen Familien ganz anders als junge Männer den öffentlichen Raum in der Generation ihrer Väter bevölkerten. Sie leben schon in dem neuen Bewusstsein, in dem Vielfalt selbstverständlich ist und Attitüden der anachronistischen Männlichkeit und der geschlossenen Weltbilder sanktioniert werden.

Nun zeigen junge Frauen in ausladenden Bewegungen stämmiges Verhalten.

Amin ist Ägypterin. Sie fand via Ballett und modernem Tanz zur Kunst und erweiterte ihr Repertoire als Schriftstellerin. Ihre Erzählung hört sich an wie ein journalistischer Report. Amin besteht aber darauf, dass man ihren Text als autobiografische Literatur begreift. Die Lehrer und Väter ihrer Kindheit und Jugend erscheinen als „Machthaber“.

Nora Amin, Weiblichkeit im Aufbruch, aus dem Englischen von Max Henninger, Matthes & Seitz

„Unsere Körper wurden durch Terror gebrochen.“

Die Machthaber entledigten sich so einer gesellschaftlichen Aufgabe. Man erwartete von ihnen Gewaltausübung.

In der an die Zeit verlorenen Kindheit der Erzählerin findet die Vergangenheitsform der Erzählung ihren einzigen Grund. Amin spricht Englisch:

„Many women were victims of domestic violence. How is it possible to be punished by your intimate partner?“

In Deutschland ist jede vierte Frau von häuslicher Gewalt betroffen.

Man habe die Frauen „verprügelt, um sie auf Kurs zu bringen und zu halten“. Das Erleben ihrer Weiblichkeit sei mit dem Verlust der Würde strikt verbunden gewesen. Amin konkretisiert den Mechanismus am Beispiel ihrer eigenen negativen Initiation:

„Männer erschufen meinen sozialen Körper mit Gewalt.“ - Obwohl dieser Zurichtung einiges entgegenstand.

„Ich war groß und kräftig und trug einzigartige Kleider. Ich wusste nichts von dem Zwang zur Uniformierung, der andere Mädchen in die Unauffälligkeit trieb.“

„Ich blickte nicht auf meine Füße.“

Trotzdem endete die Kindheit mit der beiläufigen Vernichtung des ursprünglichen Selbstbewusstseins. Amin beschreibt ein Schlüsselerlebnis als Triumph der Beliebigkeit. Ein Arbeiter „penetrierte meinen Körper mit Blicken. Ich spürte eine Woge der Aggression und die mächtige Kraft der Überschreitung. Mein Körper gehörte nicht länger mir.“

Amin beschreibt den Vorgang „als öffentliche Zähmung“. Sie schildert die Verwandlung eines mutigen Kindes in eine ängstliche Frau.

Amin abstrahiert, nennt den Prozess eine Anpassung: „Die Anpassung ist ein Weg voller Verluste.“

Die Heldin lässt sich zur professionellen Tänzerin ausbilden, wird aber nicht die Tanzrebellin, die ihr vorschwebte, sondern eine Tempeltänzerin, die Erwartungen erfüllt.

Die Geschichte erreicht den Arabischen Frühling.

„Zum ersten Mal hatten wir eine Stimme.“

Nun wurden öffentliche Vergewaltigungen als „politische Waffe“ eingesetzt.

Nora Amin, Weiblichkeit im Aufbruch, aus dem Englischen von Max Henninger, Matthes & Seitz

08:16 01.02.2019
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