Straßenfehler

#derpuppenspieler Götz Kubitschek feierte heimlich mit Philipp Ruch die Dummheit der Reaktion in den Katakomben der Berliner Volksbühne.
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Hessische Kleinstadtdiscoszene um 1980

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Der zweiten Tasse Kaffee folgt eine Tasse Tee. Dann geht es weiter mit Kaffee. Wieland fürchtet so sehr um seinen häuslichen Frieden, dass er ihn oft kaum noch aushält. Er sieht sich schon um alles gebracht, ein letztes Mal von Wohlsituierten durch die Straßen gejagt und noch einmal hingerichtet mit einem Nachruf, der ihn neben Hitler in eine Reihe stellt.

„Er war vielleicht der kleinste mögliche Hitler, aber doch ein Hitler.“

Wieland verfolgen nicht nur in der Regie des unvermeidlichen Fredo Unversöhnliche Interventionalist*innen und Militanten Humanist*innen, sondern auch Zahnschmerzen. Er ist so paranoid, dass der Schmerz in der Tiefsee seiner Verzweiflung zum Agenten der Gegenseite wird. Seine Zahnärztin, eine Meisterin ihres Fachs und auch sonst hochbeschlagen, kann ihn nicht ganz befreien. Eine Schmerzahnung atmet immer mit.

Im Feld der Erzählung

Schmerz ist ein Konzentrationskiller, dem man mit mentaler Stärke nicht beikommt. Die ideale Waffe, denke ich. Mit dem Schmerz hat man den Feind im Körper. Mit dieser Überlegung ziehe mich auf die Couch zurück und überlasse Wieland das Feld der Erzählung.

Aufmucken

Die Außenhaut seiner privaten Existenz ist in den letzten Monaten beinah durchlässig geworden. Wieland erinnert Angstexzesse vor zehn Jahren, als er aus Versehen einem Bandenfürsten zu nah gekommen war, dessen Truppen kaum weniger geschickt als nun die Unversöhnlichen Interventionalist*innen und Militanten Humanist*innen in einem Schattenspiel rechtsstaatliche Schranken unterliefen/unterlaufen – in der Tradition intelligenter Verbrecher*innen. Wieland konnte nur aufmucken, so wie jetzt auch.

Gigantischer Honigtopf

Das feindliche Kriegsgeschrei erreicht Wieland auf allen Kanälen. Journalistinnen eines Schlages, der früher höchstens heimlich links war, nennt alles Mögliche nationalistisch und verboten, was gestern noch einen guten Staatsbürger auszeichnete.

Seine Feinde begegnen Wieland zuhause überall: im Fernseher, in den Zeitungen, auf den Online Portalen. Wieland ist so kirre, dass er inzwischen die Identitären für eine Erfindung der Linksradikalen hält, um da die zwanghaft Rechten wie in einem Lager zu konzentrieren und auszuzählen. Ein gigantischer Honigtopf.

Götz Kubitschek feiert heimlich mit Philipp Ruch die Dummheit der Reaktion in den Katakomben der Berliner Volksbühne.

Erzählerintervention

Ich muss dazu was sagen. Wir vom TTT haben das auch eine Weile geglaubt. Ich gewiss mit der größten Reserve im Führungsteam jener längst legendären Rechercheorganisation, die als Ausgründung der Bundespolizei entstand, nachdem uns klargeworden war, dass ein generalstabsmäßig geplanter Kunstangriff auf die Institutionen des Staates zum Zweck seines Sturzes stattfand.

Ein Putsch mit den Mitteln der Kunst

Bald begriff ich mehr als alle anderen, dass nicht nur Deutschland angegriffen wurde. Überall in Europa ergriffen Prominente das politische Wort, die man vorher als Komiker*innen im RTL-Format oder als Schauspieler*innen von deutlich begrenztem Verstand wahrgenommen hatte.

Prominente Puppen

Ich erkannte in ihnen Puppen. Es fehlte Animus auctoris – der Täterwille. Nehmen Sie Jan Böhmermann. Wenn so ein Playboy der leichten Muse seine Unterhaltungssendung zur Kanzel der antifaschistischen Predigt macht, kann er doch nicht damit rechnen, dass er die Erwartungen seiner Zuschauer*innen höhepunktartig erfüllt.

Aber wenn Böhmermann die Puppe ist, braucht es einen Puppenspieler; einen, der grundsätzlich gern lyrisch wird. Wir erinnern uns an den Schaum vor Erdoğans Mund.

Ich arbeitete mich vor, grub mich ein, lautlos invasiv, nach den Regeln des Hieronymus Crane Gong-fu (unbekannt auch als Golden Earring Style), dass ich in Kong-King von einem alten Pfandflaschensammler gelernt habe.

Ich entdeckte den Mann an der Gegnerspitze; einen Berliner Redakteur. Das ist der Puppenspieler, ich nannte ihn zuerst, so wie dann auch das TTT-Führungsteam, Fredo, nach dem unfähigsten Patensohn Fredo Corleone.

Frederico „Fredo“ Corleone is a fictional character in Mario Puzo‘s novel The Godfather. Fredo is portrayed by American actor John Cazale in the Francis Ford Coppola film adaptation. Wikipedia

Das ist die Wahrheit. Fredo erschien mir lange unfähig, ob seiner Straßenfehler, bis ich begriff, dass er Heiner Müller weiterdenkt. Er setzt Müllers poetisches Diktum „Die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen in die Tat um. Er nutzt die Schwächen Mächtiger. Er dreht virale Stricke aus ihrer Eitelkeit.

Fredo verknüpft Anarchie mit dem Leistungsgedanken. Die Nachfolger*innen des Lumpenproletariats interessieren ihn nicht. Er charmiert den Mittelstand.

Nicht zum ersten Mal gibt es in Deutschland linksradikale Besserverdienende.

Fredos Gegner werden von Fredos Puppen so weit nach rechts getrieben, wie sie sich treiben lassen. Dann haben es die Interventionalist*innen schon immer gewusst. Alles Nationalisten, Militaristen, Rassisten, denen nur gesellschaftliche Ächtung Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Rechts beginnt nach Fredos Definition links von der Mitte in der SPD (als legaler Nachfolgerin der NSDAP). Die Strategie ist so infam wie genial.

Wieland

Wieland lässt den Eindruck entstehen, die Alltagskatastrophen führten ihre finsteren Schwänke allein zu seinem Erstaunen auf. Er notierte die gestickten Tiere auf dem Schlafanzug des Mädchens, dem er als Vater abhanden kam. Die Kindesmutter wollte nicht mehr, Ingrid bot sich an einzuspringen. Der biografische Unfall machte Wieland produktiv. Man müsste eine Verschwörermiene aufsetzen, um ihm mit dauernder Anteilnahme in alle Elendsecken folgen zu können. Im seinem Erzähluniversum wird der Armut ein Prachtkleid verpasst, mit Pailletten aus Skurrilität.

Der von diversen Sehnsüchten und Zahnschmerzen geplagte Journalist half sich, indem er zusammenzählte, was einst schön gewesen: die kleine Münze des Glücks, die immer schon alles war, was einer wie er unter die Leute bringen konnte. Er porträtierte Trebegänger und Sperrmüllexperten; von den Beschleunigungen einer prosperierenden Republik in ewigem Mistwetter Abgeschnittene.

Ingrid nahm ihn an die Hand, führte ihn weg vom Kind und hin zu einer Existenz in Möbeln aus erster Hand. Und echten Bildern an strahlend weißen Wänden. Im Gegenzug holte er für sie den großen Wagen aus dem Himmel und lullte Kissen voll.

Es gibt eine Verbindung zwischen Wieland und mir, eine mittelhessische Sportplatzgeschichte. Wir sind ein paar Mal gegeneinander angetreten … in grauer Vorzeit und in den Tälern der hessischen Mittelgebirge. Damals war Wieland ein manischer Sprecher, im Vortrag fand er zu seinem Text. Er prüfte die Wirkung von Darstellungen. Wie etwas ankam. Ein Wort, eine Szene … Wieland verlangt von seinen Erfindungen immer noch, dass sie Wirklichkeit werden. Insofern ist er Gott nah geblieben. Die Leute glauben ihm, sie nehmen an, was er sagt. Ich verspreche mir viel von ihm, oder um es mit Fredo zu sagen:

„Nur ein absoluter Esel kann uns stoppen.“

11:04 25.05.2019
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