Eine Simenon unserer Tage

Juli Zeh Unterleuten als Weltanschauung - Man findet diese Abwegigkeit einer Betrachtung schmaler Verhältnisse auf Seite 449 in “Unterleuten”
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Unterleuten klingt wie ein Wort aus dem Handbuch für Kirchendiener. Es klingt nach läuten mehr als nach Leuten. Zwar liegt Unterleuten flach im Sand der Mark Brandenburg. Doch so wie Zeh das Dorf erzählt, räumt sie es in eine Schlucht und zeigt es im Zustand brutalfürsorglicher Selbstbelagerung. Die Unterleutener standen in halsstarriger Staatsferne zur Deutschen Demokratischen Republik. Die Neigung, für sich zu bleiben, bewahren sie wie ein eigenes, die Zwangskollektivierung postum verhöhnendes System der Rechtspflege. Polizei ist ausgeschlossen. Legitimation ist eine Frage innerunterleutner Akzeptanz. Man richtet sich gegenseitig und hält sich bis dahin in Schach. Der Leser lernt die örtlichen Spielregeln gemeinsam mit den Neuen im Dorf. Das gemeine Gefüge lässt sie wie Intriganten aussehen. Zwei Paare bewerben sich um Vollpfostenrollen in einer geschlossenen Gesellschaft. Pferdeflüsterin Linda Franzen “kratzt die untergegangene DDR von den Wänden” einer “Villa Kunterbunt”. Das Leben erklärt sie zu einer Frage des Willens. Die Pferdepsyche versteht sie so: “Stellen Sie sich ... vor, Sie bestünden aus 700 Kilo Fleisch und liefen durch eine karnivore Welt. ... Dann hätten Sie auch ein Faible für klare Verhältnisse.”

Linda zieht sich den Hass aller zu bloß mit Geschick. Ihr Liebhaber (Funktionspartner) fühlt sich wohl als Nachläufer. Heikel wird es, als er zum ersten Mal das Heft in die Hand nimmt. Trotzdem sind Linda & Frederik die Hellköpfigen im Stück. Was die Autorin dem Berliner Ehepaar Fließ zuschreibt, grenzt an übler Nachrede. Der Soziologe Gerhard Fließ bewacht Brutplätze seltener Schnepfen. Seine Wahrnehmung regiert akademische Borniertheit. Seine Frau mutiert zur Glucke und betreibt Weltflucht in einer Brutsymbiose. Ihr eingesessener Nachbar liefert den interessantesten Fall im Roman. Schaller, genannt “das Tier”, genießt nach einem Unfall weitgehenden Gedächtnisverlust. Die Amnesie beschert ihm Unbeschwertheit. Konsequent räuchert er die (wegen der guten Landluft nicht zuletzt) zugezogenen Vogelschützer aus. Im Gegensatz zu den Flüchtigen scheint der beschädigte Mechaniker beinah bei Trost.

In einem Interview sagte Juli Zeh: “In Wahrheit wollen ... die wenigsten Menschen etwas Böses, und trotzdem passieren ständig schreckliche Dinge auf der Welt. So ist es auch in Unterleuten: Niemand will etwas Böses und trotzdem geschieht es.”

In Unterleuten zu leben, signiere eine “Weltanschauung” in widerständigem Geist. Man findet diese Abwegigkeit einer Betrachtung schmaler Verhältnisse auf Seite 449. Endlich begreift der Leser, dass die Leute, die schon immer da waren, mehr zu verteidigen haben, als jene Modernisten und Altbaufetischisten, die im Krieg der Städte gegen das Land heimatlos wurden. Das zeigt sich, als ein Kerngemeinschaftskind der Ordnung abhanden kommt und die Ex-Städter sich als nüchterne Verkehrsteilnehmer mit teilnehmendem Mitgefühl erweisen wollen. Das haut nicht hin, sie haben sich selbst ausgesetzt.

Zeh illustriert den knistigen Kampf der Beharrungskräfte in noch einem Verdrängungswettbewerb. Vor dem Dorf soll ein Windkraftpark aufgezogen werden. (Hochkomisch, wie der grüne Gerd gegen die Windkraftnutzung vor der Haustür wütet; bevor er einknickt.) Das Vorbereitungsgeschehen widerlegt nebenbei die Demokratiebehauptung vom mündigen Bürger.

In der Gegenwart des Romans liefert die gesamtdeutsche Vergangenheit eine Kurzstrecke von einundzwanzig Jahren. Mich erinnert "Unterleuten" an Christoph Heins “Horns Ende” und an Sardonien von Georges Simenon.

Juli Zeh: Unterleuten, Luchterhand Literaturverlag, München 2016, 640 Seiten, 24,99 Euro

09:05 05.04.2016
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