Eine Stimme wie Glut unter Asche

Literatur ”Etwas sagt dir, dass die Terrassentür nicht zufällig aufsteht.” In „Etwas bleibt immer“ erzählt Edgar Rai vom indiskreten Charme der Bourgeoisie
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Vielleicht fühlt sich Reichtum wie Unsterblichkeit an. Ist das die Tragik? Dass ein Sterblicher ahnt, wie sich Unsterblichkeit anfühlt? Da man als Reicher sein Leben nicht ausschöpfen kann, ist groß nie groß genug. Nimm Breuers Esmeralda. Das Boot könnte als Notlösung auf den Scheichyachten vor Saint-Tropez Platz nehmen. Es “wiegt fünfzig Tonnen und hat zweitausend PS ... Du startest den Motor, weckst den Riesen aus dem Schlaf.”

Eine Urgewalt gibt sich zu erkennen. An Bord die reichen Breuers und die noch reicheren Wolffs - zwei Ehepaare, die sich wenig zu sagen haben und in tödlicher Konkurrenz und Langeweile zu versperrenden Erscheinungen füreinander werden. Das ist jetzt in Bausch und Bogen gesprochen, nimm Frau Wolff, die macht gar nichts außer ihrem Gatten auf High Heels mit “hündischer” Ergebenheit zu begegnen. Begegnet er ihr, trifft eine andere Urgewalt auf nichts.

Wolffs Stimme heizt “wie Glut unter Asche”. Seine Potenz wirkt lebensgefährlich. Seine Lebensäußerungen sind Machtdemonstrationen. Er will zerstören nach Maßgabe der Anwort auf die Frage: Warum leckt sich der Köter die Klöten?

Das Boot führt eine, salopp formuliert, doppelte Persönlichkeit. Das Krankheitsbild steht auf Seite fünfunddreißig. Nicolas, Nino genannt, verbirgt sich und die mörderisch cholerische Schwarzfahrerin Lola in einem französischen Villenwinkel im Arrondissement Draguignan. Er hütet das Ferienhaus der Breuers, hält so leidenschaftlich wie kompetent den Maschinenpark instand und läuft täglich. Er spricht mit sich, Rais Roman liest sich wie ein Selbstgespräch. Als müsse sich Nino selbst Anweisungen geben, um in Gang und in einem wankelmütigen Gesundheitstakt zu bleiben.

“Du bist am Strand ... dein Rhythmus hat dich gefunden, dein Atem kommt und geht, Reinigung, Gleichmaß, Leere.”

Der Leser denkt, da hat es einer gut an der Côte d’Azur. Breuers haben regelmäßig besseres zu tun, als auf einem glamourösen Grat über Rayol-Canadel-sur-Mer auszuspannen - und Nino ist bis zur Notwendigkeit gern allein. Ich übergehe den Luxus im Kreis der Verbergung.

Die Subalternen grüßen sich, so kommt Nino zu Silencio, dem American Foxhound der Minijobberin Agueda. Sie reist ab, um einen Sterbenden noch einmal lebend zu sehen. Silencio gerät als Ninos Wegbegleiter unter die Räder einer Touristenkarre. Er wird zusammengeflickt, “doch etwas bleibt immer ... ein bisschen humpelt er, und beim Pinkeln hebt er nicht das Bein, sondern geht leicht in die Hocke, wie die Weibchen es machen”. Plötzlich sind die Breuers da, Bettina B. krault solvent im Gegenstrom ihres angemessen übertrieben großen Beckens. Sie irrt, wenn sie glaubt, Ninos sexuelles Interesse mit ihrem den Wasserspiegel mäßig überragenden Gesäß geweckt zu haben. Das wüste Ding, das sie zur unerhörten Hörigen macht, findet statt mit Lola, die Nino nur im Zustand der Bewusstlosigkeit erträgt. Übrigens heißt die Gegenstromanlage Jet Vogue II. Sie kann massieren und leuchten.

Lola kann man sich als Norma Bates vorstellen, sie bewohnt Nino wie eine unbeherrschte Eigentümerin. Sie lässt ihm deutlich weniger Freiheiten als die Breuers. Während seine legeren Arbeitgeber in Nino so etwas wie einen verspäteten Studenten mit guten Anlagen sehen, erkennt Wolff einen “feigen Schmarotzer”, der sich halbtückisch durchs Leben lümmelt.

Edgar Rai, Etwas bleibt immer, Roman, Berlin Verlag, 224 Seiten, 18,-

07:31 02.08.2016
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