Eisiger Kuss

Clarice Lispector Warum gelingt manchen das Leben mühelos, während andere sich vergeblich abmühen?
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Stammbaumpedanterie

Das Alter hat aus ihr einen neuen Menschen gemacht. Sie kann sich nicht mehr mitteilen. Das sagt sie so. Sie fühlt sich in einer Tombola geschäftsförmiger Beziehungen verwirbelt.

Das ist die Spielanordnung in „Die Abfahrt des Zuges“.

Die Akteurin, gut gekleidet und auch sonst tipptopp und auf Zack, so wie viele Alte, die sich nichts nachsagen lassen wollen, erlebt sich zunächst in der Rolle einer Abreisenden auf dem Bahnhof. Ihre Tochter entlässt sie mit „eisigem Kuss“. Sie gewährt der Mutter das Recht nicht mehr, empfindsam und wählerisch zu sein. Die Verabschiedete fühlt sich wie ein Gepäckstück expediert.

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Manche verlieren im Alter ihre Form. Andere gewinnen ungeahnte Konturen.

Lispectors mürbe Heldin wähnt sich vom „Feingefühl“ junger Leute im Abteil „überwacht“.

Die Beobachtung ist superb. Es verhält sich doch genau so. Kommt man mit zukunftsfähigen Protagonisten in Kontakt, holt man alles Mögliche aus dem Habitusrucksack, um nicht ganz abgelegt zu wirken. Wie schrecklich ist das. All die milden Tadel und stillen Zurechtweisungen, mit denen die Ausgemusterten bedacht werden. Und dann sollen die parfümierten Greise auch noch froh sein, dass man sich überhaupt abgibt mit ihnen. Es weiß doch jeder, dass das Tünche und Vorspiegelung ist, was man sieht und riecht.

Zum Glück für Maria fahren die effektivsten Krachmacher*innen an anderer Stelle im Zug mit. Sie sucht billige Zuflucht im Gebet; Erlösung zum Discountpreis.

Nichts hilft mehr.

Apperzeptionssperre

Einer Coupénachbarin stellt sie sich mit aller iberischer Umständlichkeit vor ... Maria Rita Alvarenga Chagas Souza Melo. Die Namen gehören zur Stammbaumpedanterie.

Was nutzt die Herkunft der Dame? Das hatten wir schon. Maria ist „eine x-beliebige alte Frau, die jede Kleinigkeit (erschreckt)“.

„Beim Lachen erwies sie sich als eines dieser alten Mütterchen voller Zähne.“

Mit „leeren Augen“ heuchelt sie Anteilnahme. Um es präziser zu fassen: Maria würde gern Anteil nehmen. Allein, eine Apperzeptionssperre vereitelt das Überlaufen ins Allgemeinen. Maria kommt nicht mehr mit. Das Leben eilt ihr voran und dreht ihr lustig eine lange Nase ins Ungefähre. Es weiß nämlich, dass sich Maria der bösen Botschaft nicht entziehen kann.

Kunstvolle Trostlosigkeit

Lispector beweist einmal mehr ihr Genie in dieser Geschichte. Die Autorin spendet keinen Trost. Sie verzichtet auf ein Fazit. Alles bleibt in der Schwebe.

Postheroische Agonie

Warum gelingt manchen das Leben mühelos, während andere sich vergeblich abmühen? Die Antwort ist einfach. Die, die sich schinden und glauben, immer kämpfen zu müssen, haben nicht verstanden, dass sie sich selbst blockieren. In Wahrheit kämpfen sie gegen sich. Sie müssten loslassen, um mühelos zu werden.

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Wir kennen die Avenida Copacabana als Boulevard der Verheißung. In der akuten Perspektive erschöpft sich der Prospekt in einem Dreiklang der Ansichten. Häuser, Meer und Leute wimmeln zusammen in einem kraftlos-unscharfen Bild.

Im Kontext der Wahrnehmung unter den Vorzeichen des Jetzt stellt sich die Avenida Copacabana auch so dar:

„Die Apartments Av. Nossa Senhora de Copacabana bieten Ihnen Unterkünfte zur Selbstverpflegung und liegen nur hundert Meter von der berühmten Copacabana entfernt … Die U-Bahn-Station Cantagalo ist drei Blocks entfernt … Den Flughafen Santos Dumont erreichen Sie nach zehn Kilometern.“ Quelle

In „Gott vergeben“ färbt Sepia die Magistrale. Wieder erscheint die Erzählerin namenlos. Sie befindet sich in einem Zustand „müheloser Aufmerksamkeit“.

„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“

Zärtlich besitzt sie die Dinge mit den Augen. Anders will sie sie gar nicht haben. Sie betont, nicht auf einer tour de propriétaire zu sein. Gleichzeitig fühlt sie sich als „Mutter Gottes“.

Wer kennt das nicht?

Der Planet liegt einem zu Füßen. Man weicht zum Strand hin ab vom Straßenverlauf. Unter den Sohlen ergeben sich Muscheln, um mit einem Wohllaut zu zerbrechen. Der Sand macht sich geschmeidig. Der Strand wird zur Metapher der Privilegien. Man erlebt dies gewiss „ganz ohne Anmaßung und Selbstherrlichkeit“. – Und so stellt sich die Erzählerin auch Gott vor; nämlich als ein Wesen, „dass sich ohne jeden Stolz und jede Kleinlichkeit liebkosen“ lässt.

Die Erzählerin befragt sich. Sie argumentiert gegen sich selbst mit den Argumenten der Psychoanalyse, in der sie so bewandert ist wie du und ich.

Darf man so empfinden?

Steckt man jetzt in einer Hybrisfalle? Hat man sich wüst verirrt?

Die Erzählerin vollzieht an sich die Apotheose, und ich sage, so what, Baby. Vom Mummenschatz zum Nonnentanz … was wissen wir denn? Die Erfüllte mäandert aus der Geläufigkeit. Man fürchtet Gott auch da, wo man ihn liebt; so betet sie einen Allgemeinplatz nach. Bevor sie sich gedanklich selbständig macht:
„Von einer mütterlichen Zärtlichkeit für Ihn“ hat sie noch nie gehört. Nun aber liebt sie Gott wie einen Sohn. Deshalb kennt sie auch seine Schande.
Clarice Lispector erzählt das so. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen: diese Verdrahtung von Gott, Sohn und Schande. Vermutlich verwest in dem delirierenden Ich doch noch sehr viel mehr religiöse Erziehung als in mir. Es gibt da einen Übergang. Da will, so scheint mir, die Erzählerin für Gott (ihren Sohn) den Rock heben. Vielleicht habe ich mich verlesen. Andererseits standen wir den Göttern auch schon mal näher und waren mit ihnen verwandt und stammten heldisch ab von ihnen. Daran erinnere ich in der postheroischen Agonie, die auch eine Aporie ist.
Keiner weiß mehr.
Das alles interessiert mich weniger als die „Mühelosigkeit“. Ich verwende den Begriff in dem Sinn, den ihm Professor Kernspecht* gegeben hat.

„Davon abgesehen denke ich, dass ein ganz entscheidendes Erlebnis war, als ich sah, wie Joseph Cheng damals einen Herausforderer nach dem anderen (mit Wing Tsun) besiegte. Und dabei elegant aussah! Das war, was ich wollte: mit dem Gegner kämpfen und mit ihm spielen. Mühelos.“ Großmeister K. Kernspecht/Quelle

Saugender Einstieg

Solange man Menschen anziehend findet, geschehen seltsame Dinge. Davon die Rede ist in „Unfreiwillige Fleischwerdung“. Auch diese Miniatur erzwingt mit einem soghaften Einstieg die Aufmerksamkeit der Leserin.

Wer - Von wem - Was - Woraus?

Die Erzählerin liefert die Informationen auf einem Vorfeld des Geschehens, so als wähne sie sich in der Gesellschaft einer Schar messerscharf ermittelnder Jurist*innen oder Journalist*innen oder Polizist*innen.

Wer - Von wem - Was - Woraus? So geht die Litanei jeder Tatbestandsfeststellung.

Auf einem Flug bittet die Erzählerin Gott, ihr die Verschmelzung mit einer Missionsschwester zu ersparen.

„Ich will nicht diese Missionsschwester sein.“

Doch macht die Intuition keine Pause.

„Ich wusste … (ich) würde … mehrere Tage Missionarin sein.“

„Das ausgesucht höfliche Zartgefühl“ der Nonne ergreift wie ein Krake Besitz von der wehrlos Empfänglichen. Das Programm der anderen geht ihr gegen den Strich. Die Erzählerin weist sich aus als geschäftige Person, befasst und erfüllt mit/von irdischem Kleinkram. In ihrer Person feiert sich die Diesseitigkeit. Das Apollinische ist Trumpf.

Eine Verächterin der Schwermut spricht. Übertriebene Empfindlichkeit erscheint ihr so störend wie mir. Die Nonne aber kam erschöpft auf die Welt, um da das Schauspiel eines zermürbten Kindes aufzuführen. Allem Praktischen begegnet sie mit „Bangigkeit“.

Prätentiös findet die Erzählerin jene „evangelikale Spannung“, die plötzlich in ihr arbeitet.

Muss ich deutlicher werden? Clarice Lispector beglückt uns mit Genie. Zack schlägt sie eine Seite des Lebens auf und der Rest kommt wie das Katzenmachen.

Die Autorin spielt mit den Metaphern der Inkarnation. An die Stelle der göttlichen Fleischwerdung tritt eine triviale Inkubation. Das prosaische Ich registriert die Symptome.

„Noch im Flugzeug bemerke ich, dass ich mich wie eine heilige Laiin bewege.“

Geduld und Bescheidenheit nehmen drakonisch Quartier in der Erzählerin. Nun ist ihr jedes „kräftige Auftreten“ verboten.

„Ich bin jetzt blass, ohne eine Spur von Lippenstift.“

Indem die wie von Invasionstruppen Eingenommene das Nonnenrepertoire in ihren Registern speichert, desavouiert sie es. Sie kehrt die Schwächen der vorgeblich Makellosen nach außen. Sie verrät aber auch die heimlichen Freuden einer von ihrer Sendung Dauerpenetrierten; die das Leid überwunden zu haben behauptet: auf einer gauklerhaften Friedensmission.

Es geht um die Rummelplatzaspirationen des übergeordneten Standpunkts. Mit den Tentakeln der Nervosität einer konsequent Weltlichen spürt die Erzählerin das hausgemacht Muffige und klappernd Hochstaplerische an der Seligkeit ihrer Nonne auf. Die leichte Brise einer penetranten „Sanftheit“ weht über Maulwurfhügeln moralischer Anmaßung.

Ein Kaugummi verteilender Steward lässt die Nonne erröten. Das umgeleitete Begehren bewirkt eine an Hinfälligkeit grenzende Anfälligkeit. Die Erzählerin erkennt den „geläuterten Fanatismus dieser … Frau“. Die bloße Nähe eines jungen Mannes heizt sie auf.

Die zwanghaften Anverwandlungen sind nicht nur belastend, sondern auch reizvoll. Die Gegenprobe macht die Erzählerin auf einer anderen Reise. Sie gerät in den Bann einer geruchsexpansiven Sexarbeiterin, die gerade einen Mann hypnotisiert. Die Nachahmung misslingt. Die Anverwandlungsartistin konstatiert einen „völligen Fehlschlag“. „Der Dicke“, den sie in ihr Anziehungsnetz zu spinnen versucht, offenbart sich als totaler Stoffel. Er bleibt mit seinem Interesse bei seiner Zeitung. Er bleibt bei sich. Warum sollte er den Hort seiner Bequemlichkeit verlassen. Vielleicht ist er Kriminalbeamter und versiert in verdeckten Observationen. Bestimmt hat er daheim alles, was er braucht. Da sitzt kein Ausgesetzter, während die Nonne, peinlich getriggert von grandiosen Ich-Ideen, nicht weiß wohin mit den irdischen Anhaftungen.

05:12 22.12.2020
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