Elementare Gegenwart

Jētū Qobeditel erinnert mich an Abstand erheischende Signalgestalten der Siebziger
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Jētū Qobeditel erinnert mich an Abstand erheischende Signalgestalten der Siebziger. Sie schoben ihre Fahrräder, die einfallslos als Fahrzeuge des alternativen Gegenverkehrs markiert waren. Sie fuselten und rochen wie Schwarzer Krauser, gerade so als würden sie im Tabakbeutel übernachten. Als bekennende Soziallethargiker:innen strebten sie Plätzen der Entschleunigung entgegen. Nie in Gang gekommen, wurde ihnen schnell alles zu viel und zu bunt.

Jētū trägt sich immer noch so wie damals als sie mit Seifuke aus der aufgelassenen DDR nach Frankfurt am Main kam und aus den Aufmunterungen der gestaltungskräftigen Freundin auch da keine Profite schlagen konnte.

Jētū blieb in der Bewunderung der Dynamischen so wie in einem Studium stecken. Ihr Metier wurde das niedrigste Amt der Gastronomie. In der Galerie der Unzulänglichkeitsempfindungen verödet Jētū als Relikt. Schließlich verwechselt man sie mit einer Person der guten alten Ortszeit; so museal wie das Bockenheimer Depot. Ihr schweres Sächsisch hält man für eine extrem lokale Mundart und ordnet sie dem Kiesstraßenkiez zu.

Während Jētū abhängt, macht Seifuke in Sigraður Karriere. Ihre Werke werden dann ausgestellt sogar im Freilichtmuseum der Industriemoderne, dem Osthafen.

Jētūs Frankfurt wirkt wie von Lai:innen geschnitzt. Ein paar meiner Lieblingsorte tauchen in der Mikroskopie des lieblos addierten Belanglosen förmlich unter. Während für die schwachbrüstigen Held:innen von Wilhelm Genazino der Anblick einer versehrten Plastikgabel in der elementaren Gegenwart einer Kotkugel und eines Taubenkadavers zum bewusstseinserweiternden Ensemble und glücklichen Fund werden kann, verflüchtigen sich Jētūs Beobachtungsgewinne wie zum tristen Hohn. Jētū glaubt, dass Kioske in Frankfurt Trinkhallen heißen, so weit weg von jeder Ankunft ist die Fremde.

Zugleich widerfährt ihr ein Schicksal der totalen Eingemeindung. Leute tauchen auf, nur um zu behaupten, ihnen sei Jētū aus ihrer Kindheit bekannt. Man habe im Vorschulalter gemeinsam auf dem Kletterbaum im Pokarottur-Park gekifft.

09:59 19.07.2021
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