Elendserotik

Leslie Jamison psychologisiert Richtung ... Elendserotik: „Agee fällt ... sexuelle Frühreife auf, aber (er) ist nicht bereit, sich zu der sexuellen Aufladung seiner eigenen Wahrnehmung
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie fernerhttps://www.textland-online.de/index.php?article_id=3294

*

John Huston holte ihn 1950 für African Queen in sein Drehbuchschreiberteam. Vier Jahre später verfasste James Agee das Drehbuch eines Kinoalbtraums - The Night of the Hunter. Robert Mitchum zeigte in dem (zu den besten Filmen aller Zeiten zählenden) Thriller seine Klasse als psychopathischer Killer Harry Powell. Beide Meilensteine prägten das kollektive Gedächtnis der westlichen Nachkriegsgesellschaften. Dabei war Agees Paradedisziplin die Sozialreportage im Geist einer reformistischen Kapitalismuskritik vor dem Hintergrund der sozialen Verwerfungen im Zuge der großen Depression.

Eingebetteter Medieninhalt

Verramschter Bestseller

Am Anfang schreibt er Briefe, in denen ein vom Leben Überwältigter zu Wort kommt. Agee setzt sich Härten aus, die er nicht erleben müsste. Später wird er seine Erfahrungen als Ferien-Tramp und Freizeit-Arbeitsnomade verwerten.

„Agees frühe Briefe enthalten viele Anklänge seiner späteren Stimme: eine Begeisterung für Welten, die weit entfernt von seiner eigenen sind.“

Leslie Jamesons Auffassung des ungemein produktiven, alkoholkranken Autors liefert der Kollektion den Titel - „Es muss schreien, es muss brennen“. Agee schildert Folgen der großen Depression. Er beschreibt Verwerfungen in einem Land, dessen Bürger:innen einer Religion des Selbstwirksamkeit anhängen.

Jede ist ihres Glückes Schmied. Failure is not an option. Trotzdem hängen Millionen in den Seilen.

Instinktiver Widerwille

Ein Übel kommt nicht gern allein. Zur Hochzeit der großen Depression bleibt in vielen amerikanischen Landstrichen der Regen aus. Die Trockenheit ruiniert überschuldete Bauern. John Steinbeck erzählt in „Früchte des Zorns“:

„Die Erde (setzt) eine Kruste an, eine dünne harte Kruste.“

Die Ruinierten geben ihre Höfe auf und nehmen eine migrantische Lebensweise an. Agee dokumentiert ein (noch) stationäres Pächter:innenelend in Alabama. Gewisse Erscheinungen der Armut stoßen den Journalisten ab. Er ekelt sich vor dem Bettzeug seiner Unterkunft. Leslie Jameson schreibt:

„Dieser instinktive Widerwille ist typisch für die narrative Stimme in Praise*.“

*“Let Us Now Praise Famous Menis a book with text by American writer James Agee and photographs by American photographer Walker Evans, first published in 1941 in the United States. The work documents the lives of impoverished tenant farmers during the Great Depression.” Wikipedia

Jameson charakterisiert „Praise (als) ... komplexe Sozialreportage“, im Einklang mit den Leitlinien von Roosevelts New Deal. Agee habe „jedem dramatischen Spannungsbogen (so wie) eleganten Sätzen ... übertriebener Tragik (und Romantisierungen widerstanden). Er spiegelt die Monotonie im Leben seiner Figuren“, und bleibe so bewusst hinter seinen narrativen Möglichkeiten zurück.

Agee verzichtet auf die Ausschöpfung seiner poetischen Potentiale zugunsten eines roughen Realismus. Mir gefällt gerade die Paradephrase Sozialistischer Realismus im Texas Style. Über den Nachwuchs unter den Akteuren der Armut schreibt der engagierte Journalist:

„Du kannst den Eindruck gewinnen, sie tragen eine sexuelle Frühreife mit sich herum wie das langsame Glimmen von Schwefel.“

Jameson psychologisiert dann doch Richtung Sozialromantik und Elendserotik: „Agee (fällt) diese sexuelle Frühreife auf, aber (er) ist nicht bereit, sich zu der sexuellen Aufladung seiner eigenen Wahrnehmung zu bekennen.“

*

„Agee (gehört) zur Redaktion von Fortune und hat sein Büro im Chrysler Building in Manhattan, wo er sich Whiskey trinkend die Nächte um die Ohren (schlägt) und Texte über Hahnenkämpfe, den New Deal und die Tennessee Valley Authority (produziert).“ Ende der Dreißigerjahre zieht er sich aus dem Redaktionsbetrieb zurück, um „Let Us Now Praise Famous Menzu schreiben.“

Das Buch ist eine Randerscheinung, rund sechshundert Exemplare werden verkauft, ein paar hundert mehr verramscht. Erst eine Neuveröffentlichung im Aufwind der Bürgerrechtsbewegung verschafft dem Titel 1960 die verdiente Publizität.

*

No Tongue Can Tell

Im Sezessionskrieg (1861 - 1865) erweiterte ein einigermaßen neues Medium die Möglichkeiten der Berichterstattung. Mit der Fotografie bekamen die heroisierenden Schilderungen der Schlachtenmaler Konkurrenz. 1862 widmete sich ein New York Times-Rezensent der Ausstellung von Mathew Bradys Aufnahmen des Gemetzels am Antietam. Die Times verbreitete: „Mr. Brady hat etwas geleistet, das die schreckliche Realität und den Ernst des Krieges zu uns nach Hause bringt.“

https://www.archives.gov/education/lessons/brady-photos

„No tongue can tell“, behauptete ein Zeuge nach der Schlacht. Leslie Jameson verwendet die Zeile als Titel und Gegenthese zu der Idee einer fotografisch-objektiven Darstellbarkeit.

Einhundertfünfzig Jahre später bilden die gedanklichen Antagonisten Leslie Jamesons Betrachtungsklammer der großen Ausstellung Photography and the American Civil War (im Metropolitan Museum of Art). Sofort erkennt die Autorin den propagandistischen Mehrwert. Vom ersten Augenblick ihres Erscheinens auf den Schlachtfeldern diente die Fotografie politischen und verschleiernden Zielen. Fotos von Niedergestreckten im Matsch und gesichtslos Amputierte („auf distanzierten Lazarettfotos“) verlieren ihre Verstörungskraft im Rahmen der Paradeansichten, dem Kriegerstolz und anderen Machtinszenierungen. Doch gibt es auch schon die entgegengesetzte Wirkung.

„Stereoskopische Aufnahmen ließen Leichen mit schauerlichem 3-D-Effekt aus den Trümmern ragen.“

Jameson poetisiert Gewalt in einem naturlyrischen Duktus, wenn sie schreibt: „In den Ausstellungsräumen (zeigen) Fotos ... die üppig bewachsenen Schluchten der tiefen Täler Virginias neben den gegeißelten Rücken entflohener Sklaven, einer anderen Art von Landschaft, deren Gräben und Furchen die Peitsche gezogen hatte.“

Jameson bemüht Susan Sontag. Sie denkt über narkotisierende Emanationen von Zerstörung nach. Manches ergibt sich als kunstgewerblicher Kniff und Dreh, etwa die unnatürlich leuchtenden Gesichter auf nachkolorierten Bildern.

Jameson bilanziert: „Die Schönheit dieser Fotos wird erst als eine Art Trojanisches Pferd moralisch produktiv. Sie verführt uns mit Ehrfurcht und pflanzt uns dann nachhaltiges Grauen ein.“

Das Fazit liegt auf der Hand. Interessanter finde ich, dass das Ikonografische und Ästhetisierende dem Grauen förmlich hinterher- oder sogar vorauseilt. Die ersten Fotografen bringen ein theatralisches Register mit zu den Blutbädern. Da ist nicht nur Elendsexploitations-, sondern auch Avantgarde-Wille.

In der fotografischen Kriegsberichterstattung wird ohne Vorlauf auf Effekt gearbeitet.

“The imagerepresents the tragic aftermath of the Battle of Gettysburg by focusing on a single dead solider lying inside what Alexander Gardner called a sharpshooter’s den. Later analysis revealed that he had staged the image to intensify its emotional effect. Though this practice was not uncommon at the time ...” Quelle

Schließlich stellt ein mit der Autorin befreundeter Fotograf die entscheidende Frage:

„Verhindert die pathetische Erwartung nicht die Wirkung? Wie können wir von einem Gefühl überwältigt werden, das von uns verlangt wird?“

Als Entdecker:innen auf Zeitreise sucht Jameson in den Bürgerkriegsbildern das vom Zufall als absichtsloses Donnerwetter Heraufbeschworene. Letztlich erlebt sie selbst den Zufall als etwas Hinzugefügtes. Die historische Wahrheit verflüchtigt sich in den Arrangements. An anderer Stelle spricht die Autorin von „hypnotischer Syntax“. Das hypnotische Element der Erzählung des auf ein Standfoto reduzierten Films, den der Fotograf gesehen hat, liefert der letzte oder vorletzte Hinweis auf die Umstände der technisch aufwendigen Entstehung. Das Foto offenbart nicht mehr Wahrheit als ein Gemälde. Im Idealfall konserviert es die halluzinierte Supernova, die aufflammt, sobald Akteure ihre Grenzen überschreiten und in einer Art Paralyse (trotzdem) handeln. Die Betrachterin sieht Schleifspuren von Dingen und Empfindungen.

*

*

Im Torraum des Augenblicks

Eingebetteter Medieninhalt

Heute beschäftige ich mich mit „Hoch nach Jaffna“, dem vierten Text in Leslie Jamesons Essaysammlung „Es muss schreien, es muss brennen“, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Berlin, 25.-

Erst vierundzwanzig Stunde vor dem Start erfährt die Autorin, wohin die Reise geht. Das ist der Gag der Geschichte. Leslie Jameson reist im Auftrag eines Magazins nach Sri Lanka.

Das waren die Aufträge, um die man von anderen beneidet wurde, doch es war auch beschämend, koloniale Arroganz destilliert zu einem lustigen journalistischen Streich: Ich tauche vollkommen unvorbereitet irgendwo auf und berichte über den Ort!

Jameson plagt sich mit Selbstanklagen, die zweifellos das markanteste Momentum weißer Überheblichkeit sind. Leute, die von der Hand in den Mund leben, kennen das überhaupt nicht. Sie nehmen, was sie kriegen können, zumal in einem vom Bürgerkrieg versehrten Land wie Sri Lanka. Die Autorin interessiert sich wenig für die Territorien der buddhistisch-singhalesischen Majorität im Süden. Sie sympathisiert mit der tamilischen Minorität im Norden, „wo die Tamil Tigers für einen unabhängigen Staat kämpfen“. Sie könnte fliegen oder den Bus nehmen. Lieber engagiert sie einen Fahrer, der den Tsunami von 2004 an eine Kokospalme geklammert überlebte.

Sie erreicht Jaffna, „der größten Stadt im Norden und dem kulturellen Zentrum“ der Tamilen. Soldaten regeln den Verkehr.

„Spontaneität“ soll „Authentizität“ bringen. Tatsächlich ist Jameson desorientiert. Sie kommt über die Denkfiguren und Werteschablonen der aufgeklärt-kritischen Westlerin nicht hinaus. Ihre freie Radikalität versagt in der Unübersichtlichkeit der Verhältnisse in einer zweifellos gewaltsam und allenfalls notdürftig befriedeten Gegend.

Jameson fühlt nicht klüger, sie ist nicht intuitiv intelligenter als andere in ihrer Lage. Ihre Instanzen kollabieren. Es reicht nicht, keine Touristin sein zu wollen und die eigene Position in einem Säurebad der Verneinung zu verätzen. Es fehlt eine Idee des Begreifens, so etwas wie ein Ballgefühl im Torraum des Augenblicks.

„Wenn man sich diesen Ort ansah, ohne seine Geschichte zu kennen, sah man nichts.“

Jameson greift nach den Strohalmen der Folklore. Zum Frühstück kriegt sie „zitternde Eigelbe in knusprigem Pfannkuchen aus fermentiertem Reis, die sie sich als „örtliche Spezialität“ meldet, „bevor (sie) zu den Beschreibungen der Feldamputationen im Krieg zurückkehrt“.

Das Interessante an diesem Aufsatz ist die Krise, deren Stadien Jameson registriert. Ich teile mit ihr die Erfahrung, von Blockaden und Denklähmungen überrascht worden zu sein. Hinter den Schleiern einer zurückhaltenden Darstellung zeigt sich jene Selbstgefälligkeit, die nur die Kehrseite einer Berufsvoraussetzung ist. Ohne die Vorstellung, unter allen Umständen liefern zu können, wäre für Journalist:innen vieles mental gar nicht erreichbar. Man braucht die kugelsichere Weste des außerordentlichen Selbstbewusstseins. Jamesons Vorkenntnisse stammen aus der Flugzeuglektüre. Auf dem Weg nach Indien hat sie sich eingelesen, mit den Folgen, die sie schildert.

Schließlich kapituliert Jameson, um im Weiteren Allgemeinplätze zu frequentieren. In Mirissa findet sie „weiße Sandstrände, Palmen, die sich im Regen wiegen, süßes Limettenwasser bei Kerzenlicht, mit Palmsirup beträufelter Büffelquark, aufgeschnittene Passionsfrüchte mit leuchtend pinkem Fleisch“.

Das ist Reiseführer:innenprosa; das Eingeständnis einer totalen Niederlage.

Strömungsresistente Sturheit

Pathetischer Irrtum/Der einsamste Wal der Welt - Leslie Jameson spekuliert nicht. Sie vermeidet steile Thesen und verrät ihre Gegenstände nicht an feuilletonistisch knallende Formulierungen. Im ersten Essay beschreibt sie die Wirkung, die ein niemals von Menschen visuell identifizierter, nur auf der Basis von Audiodaten bekannter Wal zumal in den sozialen Netzwerken auslöste. Niemand weiß, ob der Blauwalbulle tatsächlich so isoliert existiert, wie es Tontechniker:innen auf einer Marinebasis vor der Küste von Washington vorkommt. Seine Stilisierung zum einsamsten Wal der Welt fußt auf einem kleinen Ausschnitt aufgeschnappter Signale. Die Autorin schreibt: „Die natürliche Welt hat sich immer als Fläche für menschliche Projektionen angeboten. Die Romantiker nannten es den pathetischen Irrtum ... Wir projizieren unsere Ängste und Sehnsüchte auf alles, was wir nicht sind.“

Eingebetteter Medieninhalt

Auf Second Life lebt Gidge Uriza ihren Traum stellvertretend für viele, die nicht einmal mehr die Kraft haben, so zu tun als ob (das Glück auch für sie etwas übrig hat). Für ihre Follower:innen wohnt sie „in einem eleganten Holzhaus mit Blick auf ein glitzerndes Flüsschen mit saftigen, von Trauerweiden gesäumten Ufern. In den Wiesen dahinter tanzen Glühwürmchen“.

Gidge kauft ständig neue Swimmingpools. Zur Zeit unterhält sie eine Anlage mit Wasserfall. Das ist der Einstieg in „Sim Life“, dem dritten Aufsatz in Leslie Jamesons Essaysammlung „Es muss schreien, es muss brennen“, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Berlin, 25.-

Ich lese die journalistischen Arbeiten wie Erzählungen, obwohl in allen eine publizistische Informationsmoral steckt. Die angegebene Gattungsbezeichnung bestätigt sich in jedem Fall. In „Sim Life“ erkundet die Autorin das Auf und Ab von Second Life, einem vorübergehend überschätzten Erwachsenenspielplatz, der offenbar eine gewisse strömungsresistente Sturheit verlangt.

„2007 war das Bruttosozialprodukt von Second Life größer als das mancher kleiner Länder.“

Leute, die auf alles fliegen, was neu ist, hakten Second Life vor fünfzehn Jahren ab. Mir gefällt Jamesons Interesse an einem überholten Format, dem Nutzer:innen die Treue halten, die eher nicht sprunghaft sind. Im Gegenzug können sie sich auf dem anachronistischen Viralmarkt hemmungslos idealisieren. Besonders reizvoll wirkt „digitaler Sex“. Jameson verschraubt „Tanzen, Karate (mit so) gut wie jedem vorstellbaren sexuellen Akt“.

Athletische Nichtigkeiten

Im richtigen Leben heißt Pool-Gidge Bridgette McNeal. Bridgette arbeitet in einem Callcenter und trägt eine von autistischen Zwillingen dramatisch erschwerte und doch nicht allein auf die beiden beschränkte Mutterbürde. Sie profiliert sich in Opposition zu jenen, die sich auf Facebook tummeln, weil sie eine „kuratierte Version“ des eigenen Lebens geiler finden als jede erfundene Fassung.

„Die Summe ihrer schmeichelhaftesten Profilbilder war den meisten Leuten lieber als ein separater Avatar.“

Ich lasse mir das durch den Kopf gehen. Vor ein paar Tagen habe ich mein Facebook-Konto gekündigt, ohne die leiseste Verlustempfindung. Sobald man Facebook hinter sich hat, erkennt man, was es ist: ein schäumendes Nichts. Gleichzeitig entdecke ich mich jetzt auf Instagram, um da mit großer Kondition athletische Nichtigkeiten zu verfolgen.

Jameson befasst sich mit dem Second Life-Gründer Philip Rosedale.

„Das Coolste, was man mit einem Computer machen könnte, wäre, eine Welt zu erschaffen.“

Der Innovative fühlte sich Gott gleich, sobald er in seiner Welt flanierte, solange sie im Aufwind vermeintlich grenzenlosen Wachstums war. Es gab den Moment der Konkurrenzlosigkeit zu einem Zeitpunkt als sich ausgefallene Charakter auf Second Life Avatare im hippie'esken Geist eines „halluzinogenen Hedonismus“ schufen.

Eingebetteter Medieninhalt

Erfolgreicher Fehlschlag

Zitiert nach Wikipedia: „Fünfundfünfzig Stunden nach dem Start am 11. April 1970 und über dreihunderttausend Kilometer von der Erde entfernt explodierte bei derApollo 13 Mission ein Tank mit superkritischem Sauerstoff. Die Crew kontaktete per Funk denCapcomJack R. LousmaimChristopher C. Kraft Jr. Mission Control Center :

Fred Haise:Okay, Houston...(interrupted by Lovell)

Jack Swigert:I believe we’ve had a problem here.

Jack R. Lousma:This is Houston. Say again, please.

Jim Lovell:Houston, we’ve had a problem. We’ve had a main B bus undervolt.“

Kommandant Jim Lovell sprach später von einem „Erfolgreicher Fehlschlag - Successful Failure“. Die paradoxe Formulierung spielte mit der Raumfahrt-Losung: Failure is not an option.

„Houston, wir haben ein Problem“

Wir alle, die wir im Herzen Texaner:innen sind, kennen das. Von Irgendwo im Nirgendwo kommend, fällt dein Anschlussflug ins Wasser, und du strandest in Houston, wo dir eine New Yorkerin, die gern für schwierig gehalten wird, auf den Keks geht. Du willst nicht von den Laidback-Extremist:innen vor Ort mit der aufgeregten Yankee in einem Topf verrührt zu werden. Du brauchst keine Extrawurst. Eine Nacht auf dem Flughafen überstehst du notfalls auf einem Bein.

Leslie Jameson ist es peinlich, mit den „Forderungen“ der Exzentrikerin von der Ostküste „assoziiert“ zu werden. Das erzählt die Autorin in „Zwischenstopp“. Sie war gerade in Louisiana, „wo ich ein paar Leute zu ihrer Vergangenheit interviewt hatte (siehe Der Kampfpilot im Kinderzimmer), und ich verpasste meinen Anschlussflug ... Als Reiseerfahrung ist der Umkreis des Houstoner Flughafens so inspirierend wie die Worte auf einem Hefepäckchen, wenn man ein Gedicht schreiben will. Bloß nicht auf Schönheit anlegen. Einfach gehen lassen. Die Freeways kullern in die Nacht wie sich abspulende Garnrollen. Kneif die Augen zu, wenn dich die Neonschilder der großen Handelsketten blenden. Suche Deckung, wo du kannst. Ich suche Deckung in dem lachsrosa Hotel, in das sie uns schicken. Auf der Fahrt im Flughafenshuttle höre ich ...“

Na, wen hört Jameson? Die New Yorkerin natürlich. Diese Person macht alle wuschig.

„Ich wette, sie hat sich schon als Opfer gefühlt, bevor sie überhaupt Schmerzen hatte.“

Jameson ist zurzeit Single und auch schon „nicht mehr ganz Anfang dreißig“. Nimmt sie das Alleinsein in ihrem Apartment von der gemütlichen Seite, isst sie Cracker zu Abend. „Nicht gerade ein erwachsenes Abendessen“, sagt sie selbst. Nach dem Zwangsaufenthalt landet sie neben einem Irak-Veteranen im Flugzeug. Auf dem Monitor über den Köpfen umzingeln Wölfe einen Büffel in einer Szene, die ich mir unwillkürlich als Endlosschleife vorstelle.

Der Soldat veranlasst Jameson zu einer philosophischen Einlassungen: „Wir haben Anspruch auf etwas, nicht weil wir es gemacht haben, sondern weil wir es benutzen. Was wir besiedeln, wird Teil von uns.“

Irgendwo fragt Heiner Müller: Wer wohnt gegen wen?

Bedenkt man das Verhältnis zwischen den Nachkommen europäischer Einwander(er):innen und der First Nation of America, dann erscheint Jamesons Einlassung als zynisches Fazit jeder facts-on-the-ground-Praxis.

Die Reise zieht sich. Allmählich verliert die Autorin ihre Abneigung gegenüber der Nervensäge. Es kommt zu einer komplizierten Annäherung. Jameson wirft sich selbst übertriebene Urteilshärte, vor allem jedoch eine überstürzte Abwehr (unter den Vorzeichen der Selbstgerechtigkeit) vor. Sie leistet Abbitte vor ihren Leser:innen. Sie geißelt sich. Die Revision gipfelt in einer Feststellung von Steherinnenqualitäten. Das finde ich amerikanisch. Jameson sieht dem Hauptobjekt ihrer Betrachtungen alles nach und entschuldigt sich für jede vorschnelle Kritik, weil sich der New Yorkerin keine Wehleidigkeit vorwerfen lässt.

Jameson erkennt in der Vermutung, Ich wette, sie hat sich schon als Opfer gefühlt, bevor sie überhaupt Schmerzen hatte, eine von Vorurteilen (gegen anspruchsvolle ältere Damen) gestiftete Unterstellung.

Der Kampfpilot im Kinderzimmer

Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771 – 1833) träumte so. Sie schloss den interessantesten personellen Konstellationen einer Ära Räume auf. Mit zwanzig gründete die Berlinerin ihren ersten Salon. Clemens Brentano und Friedrich Schleiermacher kamen. 1806 marschierte Napoleon unter den Linden auf und Varnhagen begegnete ihrem Mann. Er war vierzehn Jahre jünger. Varnhagen erlebte mit ihm eine soziale Talfahrt, bevor sie wieder als gastgebende Hausherrin in der Französischen Straße Hof hielt.
In ihrem Tagebuch meldete sie ihre Träume, von denen fünf zentral waren. Sie wurden 1812 notiert. Im Briefwechsel mit Alexander von der Marwitz visualisierten sich die Träume neu: „Hören Sie diesen Traum. Es war ein großes Diner, man hatte auch schon Licht, denn es war Abend.“

Varnhagens Handschrift ist kaum zu entziffern. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen.

„Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“

Varnhagen ließ sich im Alter von dreiundvierzig Jahren taufen. Sie strebte Assimilation (vergeblich) an. In den Träumen trat ihr Zorn auf: „Der Traum schreckt vor nichts zurück.“

*

Mit den gestalteten Träumen reagierte Varnhagen auf gesellschaftliche Gestaltungshemmnisse. Das lässt sich leicht verstehen. Weit schwieriger fällt eine plausible Erklärung für die phantasmagorische Traumproduktion eines amerikanischen Kindes. In dem Essay „Wir erzählen uns Geschichten, um wieder zu leben“ ergründet Leslie Jameson erstaunliche Vorgänge.

„Im April 2000 begann der kleine James Leininger aus Louisiana regelmäßig von Flugzeugabstürzen zu träumen.

Da ist James noch nie geflogen. Eine bizarre Präzision schleicht sich in seine Deutungen. Schließlich verkündet er seinen Eltern visionär, in einem früheren Leben Kampfpilot gewesen und abgeschossen worden zu sein. Die Schote garniert er mit schwer errreichbarem Wissen.

„Er sei eine Corsair geflogen ... (und) von einem Schiff namens Natoma gestartet. Seine Eltern hatten nie mit ihm über den Zweiten Weltkrieg gesprochen.“

James trifft lauter Nägel auf den Kopf. Er erinnert die Namen seiner gleichfalls abgeschossenen Kameraden. Sein Vater verifiziert die Richtigkeit der Erinnerungen auf einem Veteranentreffen.

Im Auftrag eines New Yorker Magazins besucht Jameson den Psychiater Jim Tucker, der „eine Datenbank von Kindern mit Erinnerungen an frühere Leben“ aufgebaut hat, in einem Forschungsinstitut namens Division of Perceptual Studies (DOPS) in Virginia. Die Autorin weiß, dass von ihr ein kritischer Beitrag erwartet wird. Sie sperrt sich gegen die rationale Automatik und reißt en passant den Horizont ihrer Alkoholsuchtbekämpfung durch dirigierte Abstinenz im Kreis der Anonymen Alkoholiker:innen auf. Sie will für Ungewöhnliches (Seelenwanderung inklusive) offen sein, um von einer Genauigkeit zu profitieren, die sich in den Nebeln einer aufgeklärten Existenz einfach übersehen lässt.

Jameson besucht Leute, die sich an frühere Leben erinnern und als Kinder (angeblich) mit „alten Seelen“ Anpassungsschwierigkeiten an die Gepflogenheiten Gleichaltriger hatten. Sie entdeckt einen Mechanismus: die Dynamik der Selbstverstärkung. Bei den Leiningers dreht sich alles um James' „Reinkarnation“. Man korrespondiert sogar mit der Schwester jenes Piloten, den James (angeblich) inkarniert. Merkwürdigerweise zeigt der Heranwachsende das geringste Interesse am Thema.

Der Vater klebt obsessiv daran. Er vermarktet die Geschichte und geht in ihr auf, während James sie gerade hinter sich lässt. Der Sohn braucht sie nicht mehr.

Jameson analysiert die Verlockungen und Fallstricke überfrachteter Interpretationen kindlicher Phantasieproduktionen. Sie isst mit den Leiningers in einem kreolischen Restaurant zu Abend. Unter einem ausgestopften Alligator erkennt sie den grotesken Transfer. Der Vater nutzt den Unsinn seines Sohnes, um dem eigenen Leben Sinn zu geben. Das funktioniert natürlich nur auf einer Folie wahnwitziger Verblendung. Der Nutznießer bewegt sich längst auf einer Metaebene. Da rettet er als Spezialist von eigenen Gnaden amerikanische Geschichte vor dem Vergessen. Herr Leininger spielt sich als Bewahrer auf.

Tierisch einsam - Zum ersten Essay, der den Titel 52 Blue trägt

„Wir sind wie der Reisende, der die heiße Schlacke eines Vulkans benutzt, um darauf Eier zu braten.“ Ralph Waldo Emerson

*

„Die natürliche Welt hat sich immer als Fläche für menschliche Projektionen angeboten. Die Romantiker nannten es den pathetischen Irrtum ... Wir projizieren unsere Ängste und Sehnsüchte auf alles, was wir nicht sind.“

Leslie Jameson erzählt zuerst von einem einsamen Wal, dessen im Stil von Brehms Tierleben 2.0 breitgetretenes Schicksal einen weltweiten Wust von Twitter- und Facebook-Bekenntnissen auslöste. Sie destilliert die niedrigen Beweggründe der Inbesitznahmen aus naturfälschenden Sentimentalitäten. Eine ihrer Gewährsfrauen heißt die Autorin im „großen Schwingungsbecken der ... (Anhänger:innen) willkommen“.

„Mythisch beinah“ sind die Begriffe, die Bill Watkins beschreiben. Der polyglotte Akustikexperte des Woods Hole Oceanographic Institute in Massachusetts verfügt über ein Ausnahmegehör. Akustischen Spürsinn bewies Watkins bereits als kindlicher Jagdhelfer seines Seelen fischenden und Trophäen sammelnden Vaters in Guinea.

Der alte Watkins verkörperte den Großwildjäger als Missionar.

„Als Kind habe (Bill) mit seinem Vater Elefanten gejagt, erzählte ... Er konnte zwanzig Hertz hören, was für das menschliche Ohr extrem tief ist. Sie oder ich hören da gar nichts … Aber Bill hörte die Elefanten.“

Die Koryphäe agiert als Deuter eines aquatischen Säugers, der (nach menschlichem Ermessen) ohne jeden Kontakt zu Artgenoss:innen existiert. Seine popularisierte Isolation regt nicht zuletzt notorisch unglücklich Verliebte an.

Audiosignatur

Im Dezember 1992 fängt Obermaat Velma Ronquille auf der Naval Air Station Whidbey Island (fünfzig Kilometer nördlich von Seattle) einen mysteriösen Sound ein.

„Auf dem Stützpunkt kam der unendliche Pazifik als endliche Datenmenge an, die von einem am Meeresgrund verteilten Netzwerk von Hydrophonen aufgefangen wurde.“

Sie bittet den Tontechniker Joe George um eine Expertise. Der Kobralilien züchtende Experte identifiziert den Urheber als untypisch (und einzigartig) hoch singenden Blauwalbullen. Das Tier bekommt die Kennung 52 Blue. Offenbar wird der Einzelgänger von seinen Artgenossen gemieden. Jedenfalls registrieren die Aufzeichnungen keinen Kontakt.

„Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist ... aber wie es aussieht, ist er in der ungeheuren Weite des Ozeans allein.“

Jahre später, George lebt längst im Ruhestand, spielt der alte Mariner der Essayistin einen Audioclip von 52 Blue vor. Der Mitschnitt „hörte sich unheimlich an: ein schriller, pulsierender, bohrender Klang, das akustische Pendant eines trüben Lichtstrahls im dichten Nebel einer Vollmondnacht“.

Jameson trägt 52 Blue-Memorabilia zusammen. Sie sichtet Epigramme und Kommentarspaltenergüsse von Fans des einsamen Wals, der eine kolossale Projektionsfläche für verfehlte Identifikationen bietet.

Manche empfangen „Signale aus der Tiefe“, die tiefgreifende Veränderungen stiften.

Bekenntnishafte Vereinzelung

Der alte Mariner Joe George züchtet Kobralilien

Eingebetteter Medieninhalt

Die Marineluftbasis auf Whidbey Island im Puget Sound ist nicht nur ein Militärflughafen in einer pazifischen Förde. Solange der Kalte Krieg das Weltgeschehen bestimmte, diente der abgeschirmte Platz auch als Horchposten. Mit Hydrophonen (laut Wikipedia, „einem Gerät zur Wandlung von Wasserschall in eine dem Schalldruck entsprechende elektrische Spannung“) spürte man sowjetische U-Boote auf und analysierte die Audiosignaturen ihrer Aktivitäten. Das Sound Surveillance System (SOSUS) unterlag einer hohen Geheimhaltungsstufe auch dann noch, als man damit nur noch Walgesänge filterte. Die in den Ozean hineinlauschenden Spezialist:innen arbeiteten sogar unter Ausschluss der limitierten Stützpunktöffentlichkeit. Daran erinnert sich Jahrzehnte später der Tontechniker Joe George im Gespräch mit Leslie Jameson.

Man isolierte sie; jene Frauen und Männer, die mit der Auswertung „der von Hydrophonen gelieferten Audiodaten zuständig waren“, sollten keinen Umgang haben mit dem ahnungslosen Rest der Besatzung.

„Das Gebäude war von mit Stacheldraht gekrönten Doppelzäunen umgeben. George sagte, manche Soldaten auf dem Stützpunkt hätten es für eine Art Gefängnis gehalten.“

Der bis zur Pedanterie gründliche George gab seine Sonderstellung selbst dann nicht auf, als er ins Reservist:innenglied zurückgestoßen wurde. Nah seiner beruflichen Wirkungsstätte etablierte er sich in bekenntnishafter Vereinzelung als Züchter fleischfressender Pflanzen.

Aus der Ankündigung

„So klug und radikal ehrlich: Seit Susan Sontag und Joan Didion hat niemand aufregendere Essays geschrieben als Leslie Jamison.“ Daniel Schreiber

Leslie Jamison ist eine der originellsten und couragiertesten Denkerinnen ihrer Generation. In ihrem neuen Buch erkundet sie die Tiefen von Verlangen, Intimität und Obsession und testet dabei auch die Grenzen ihrer eigenen Offenheit und ihres Mitgefühls für andere aus. Wie kann sie empathisch über menschliche Erfahrung schreiben, ohne ihre kritische Distanz zu verlieren? Wie ihr Beteiligtsein verarbeiten, ohne der Selbstbezogenheit zu erliegen? In Essays über so unterschiedliche Themen wie den „einsamsten Wal der Welt“, kindliche Erinnerungen an frühere Leben oder die Erfahrung, eine Stiefmutter zu sein, sucht sie nach neuen, ehrlichen Möglichkeiten erzählerischer Zeugenschaft.

Zur Autorin

Leslie Jamison, geboren 1983 und aufgewachsen in Los Angeles, ist die Autorin vonDie Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer (2015), Die Klarheit (2018) und dem RomanDer Gin-Trailer(2019). Sie schreibt u. a. für die New York Times, The Atlantic und Harper’s, leitet das Non-Fiction-Programm der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.

17:55 01.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare